Toastermord

Von Michael Kothe

»Ja verdammt, dann hab ´ ich ihn halt umgebracht. Ich habe mich von hinten an ihn herangeschlichen und ihm das Kabel um den Hals gewickelt. Zweimal. Dann habe ich zugezogen. Mit aller Kraft.« Meine Hände vollführten die Bewegung nach. Ich sank in mich zusammen. Was mein Gegenüber auf der anderen Seite des kahlen Tisches in dem nackten Raum als Vernehmung bezeichnet hatte, war in einem Verhör ausgeufert. Mit laut hervorgestoßenen Forderungen nach meinem Geständnis, schließlich wisse man von meinem gespannten Verhältnis zu meinem Mann, von seinen Eskapaden und Seitensprüngen. Außerdem hinterlasse er mir ja ein Vermögen! Angeschrien hatten sie mich, mir gedroht und mir im gleichen Atemzug Hafterleichterung oder kürzeren Freiheitsentzug versprochen, wenn ich kooperierte. Kaum hatte ich es ausgesprochen, da bereute ich mein Geständnis bereits. Aber ich hatte keine Kraft mehr zu dementieren.
»Na endlich!«
Entspannt atmete er auf, gerade in dem Moment, in dem sein Kollege mit zwei Bechern den Vernehmungsraum betrat. »Sie hat gestanden.«
»Ich hab´s mitgehört.«
Natürlich bekam ich von dem dampfenden Kaffee nichts ab.

Auch in der Gerichtsverhandlung half es mir nichts, dass ich wieder und wieder meine Unschuld beteuerte. Er sei stärker gewesen als ich, wie hätte ich ihn dann strangulieren können, ohne dass er mich erfolgreich abgewehrt hätte? Und Frauen bevorzugten ohnehin bei Tötungsdelikten eine indirektere Methode. Gift statt Toasterkabel.
»Ihr Mann war betrunken. Für eine Gegenwehr war er zu langsam, auch erkannte er Ihre Mordabsicht zu spät. Und genau mit dieser indirekten Methode, auf der Sie herumreiten, wollen Sie bloß von sich als Täterin ablenken.« Mit allen Wassern war dieser Staatsanwalt gewaschen! Sein zynisches Grinsen werde ich mein Lebtag nicht vergessen, als er auf den Tisch mit dem Beweismaterial zeigte. Zwischen den zahlreichen Liebesbriefen, die mein Mann seinen Geliebten geschrieben oder die er von ihnen erhalten hatte, seinem Smartphone mit den getippten Liebesschwüren und Verabredungen und den Tankquittungen und Hotelrechnungen, die seine erotischen Wochenenden belegten und die nun als Motiv für meine Bluttat herhalten mussten, stand der Design-Brotröster mit Edelstahlapplikationen. »Wo kam übrigens der Toaster her?«
»Aus dem Versandhandel«, erklärte ich. »Das alte Ding mit seinem vergilbten und angesengten Plastikgehäuse konnte ich nicht mehr sehen. Er kam am selben Tag an, an dem mein Mann ermordet wurde. Im Übrigen nicht von mir! Ich habe den Toaster ausgepackt und auf das Küchenregal gestellt. Danach habe ich ihn nicht mehr angerührt.«
«Aha, also griffbereit hinter den Platz Ihres Mannes! So brauchten Sie nur noch zuzugreifen, sobald er mit seinem wer-weiß-wie-vielten Bier vom Kühlschrank zurückkam und sich wieder gesetzt hatte.«
Meine Verteidigung war schwach, und ich hatte das Gefühl, nicht einmal mein eigener Anwalt glaubte mir. Zumindest schritt er nicht ein, sondern überließ dem Staatsanwalt kampflos das Feld, der mir weiterhin im Brustton der Überzeugung seine Vermutungen entgegenhielt.
»Wir haben das nachgeprüft: Am Toaster und seinem Kabel befanden sich lediglich Ihre Fingerabdrücke. Keine sonst. Was auch kein Wunder ist. In der Fabrik tragen alle Mitarbeiter von der Teileherstellung über die Montage bis zur Verpackung Vinyl- oder Latexhandschuhe.« Er drehte sich um. »Hohes Gericht, da die KTU …«
Mein Verteidiger hatte meinen ratlosen Gesichtsausdruck bemerkt. »Die kriminaltechnische Untersuchung«, raunte er mir zu.
»… am gesamten Gerät samt seiner elektrischen Zuleitung ausschließlich Fingerabdrücke der Angeklagten gefunden hat …«
Kurz wandte er sich mir zu, und wieder erschreckte mich sein zufriedener, triumphierender Gesichtsausdruck.
»… ist die Beweiskette abgeschlossen. Ich beantrage für die Angeklagte …«
Das Gericht folgte seinem Antrag, und so endete auf lange Sicht mein Leben in Freiheit.


Diesem Prolog folgten als Rückblende gut 400 Romanseiten über das Leben einer verurteilten Mörderin. Der erfrischend lockere Schreibstil gefiel mir. Gut unterhalten legte ich das Buch für einen Moment auf meinem Schoß ab, bevor ich von dem Tischchen den Cognacschwenker griff und mich nach einem kurzen Kontrollblick zum knisternden Kamin in meinem Ohrensessel zurücklehnte und weiterlas. »Toaster mord« war der autobiografische Debütroman von Martha Brandt, die wegen Mordes an ihrem Ehemann eine langjährige Freiheitsstrafe verbüßte und die sich vor einem halben Jahr kurz nach der Abgabe des Manuskripts an einen Verlag in depressiver Stimmung in ihrer Zelle erhängte. Noch am Tag seines Erscheinens hatte ich mir das Buch besorgt. Von der örtlichen Buchhandlung war es beworben worden und hatte nicht nur mich neugierig gemacht, sondern gleichfalls die gesamte Nachbarschaft. Von der ersten Seite an fand ich es interessant. Obwohl wohlhabend, lebte die Autorin mit ihrem Mann in einer einfachen Etagenwohnung in einem heruntergekommenen Mietshaus.
Arbeiten mussten beide seit Jahren nicht, die Mieteinnahmen aus mehreren Eigentumswohnungen und ihrem Bungalow am Stadtrand gewährten ihnen ein großzügiges Auskommen. Ihren Mann hatte sie treffend beschrieben: trunksüchtig und unbeherrscht, ein ungepflegter, ich-bezogener Charakter. Aber mit einem Doppelleben, das sich ihr erst nach und nach offenbarte: Für seine Liebschaften wurde er zum gut gekleideten, weltgewandten Kavalier. Doch war sie besser? Als ständig gereizte, keifende Hausfrau hatte ich meine Tante in Erinnerung. Ihr Erscheinungsbild stand dem meines Onkels in nichts nach. Und die unordentliche Wohnung war ein Abziehbild beider.
Anfangs war ich ihnen dafür dankbar gewesen, dass sie mir die freie Mansardenwohnung in dem Altbau vermittelt hatten, in dem sie wohnten. Mehr konnte ich mir als Berufsanfänger damals nicht leisten. Die Harmonie währte jedoch nicht lange. Zu oft hatten sie sich mit mir angelegt. Meine Tante nicht so häufig wie mein Onkel und auch ohne Körpereinsatz. Dennoch: Nie hatte ich ihnen etwas recht machen können. Entweder war ich im Treppenhaus zu laut an ihrer Wohnungstür vorbeigetrampelt oder ich hatte sie an der Haustür nicht gegrüßt. Ihr Vorwurf, ich hätte alle Werbezettel, die in meinem Briefkasten lagen, einfach in ihren umgesteckt, war genauso unzutreffend wie alle anderen.
An jenem Abend hatte meine Tante bei den Mülltonnen ihre Lieblingsnachbarin getroffen. In Gedanken daran, dass dieser Tratsch wieder Stunden dauern konnte, schüttelte ich den Kopf. Gerade in dem Moment kam mir mein Onkel auf der Treppe entgegen. »Was glotzt du so? Überhaupt, du bist ein richtiges …« Seine Beschimpfung verstand ich nur ansatzweise, zu sehr war ich darauf konzentriert, mich nicht ernsthaft zu verletzen: Er hatte mir unvermittelt beide Hände auf die Brust gelegt und mich rückwärts die Treppe hinunter gestoßen, bevor er an mir vorbeistampfte. Bei Bewusstsein, aber benommen, war ich solange auf dem Treppenabsatz liegengeblieben, bis mein Onkel mit mehreren Flaschen Bier aus dem Keller wieder nach oben schnaufte und in seiner Wohnung verschwand. Die Wohnungstür ließ er offen, schließlich musste Tante Martha auch wieder zurück. In einem plötzlichen Aufbegehren folgte ich ihm, um ihn zur Rede zu stellen; nach den jahrelangen Demütigungen war sein neuerlicher Angriff der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ihm gegenüber stand ich nun vor dem Küchentisch, als er sich von seinem Stuhl aufstemmte. »Verpiss dich, du Hurensohn!« war nur der Anfang unflätiger Ausdrücke, mit denen er mich belegte.
Als ich meinen Blick von ihm löste, bemerkte ich im Regal hinter ihm etwas verändert: Der alte Toaster mit seinen Brandflecken war verschwunden. An seiner Stelle stand ein neuer. Ausgepackt, aber noch unbenutzt, das Kabel in losen Schlaufen abgelegt. Eigentlich hatte ich ihn nur betrachten wollen, als mein Onkel sich lauthals darüber beschwerte, dass ich hinter ihn getreten war. »Fass da nichts an, du Nichtsnutz. Da hast du nichts dran verloren!« An ein Anfassen hatte ich in dem Augenblick nicht einmal gedacht, aber seine Boshaftigkeit setzte in mir einen Reflex frei: Ich rastete aus, als er mit dem Bierkrug nach mir schlug. Als er sich gleich wieder der Flasche auf dem Tisch zuwandte, um den Krug aufzufüllen, griff ich spontan den Toaster, wickelte das Kabel um seinen Hals und zog die Schlinge zu.
Später hatte meine Tante seinen Fall vom Stuhl auf seinen Alkoholkonsum zurückgeführt und den Notarzt gerufen.

Mein Onkel und meine Tante waren kinderlos gewesen und ich ihr einziger lebender Verwandter. Dank dieses Umstands konnte ich bald das Erbe des Paares antreten. Nach und nach löste ich seinen und meinen Hausstand auf und zog nach Ablauf der Kündigungsfrist in das Haus am Stadtrand. Seitdem lebe ich von den Mieteinnahmen der übrigen Objekte und von den Tantiemen für Tante Marthas Buch. Warum mir niemand auf die Schliche gekommen ist? Wegen der Fingerabdrücke meiner Tante. Auf dem Toaster und dem Kabel hatte ich keine hinterlassen. Ich wurde mit einem äußerst seltenen Gendefekt geboren, der Adermatoglyphie: Mir fehlen die Kapillarlinien an den Fingerkuppen.

*

© 2023 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Die „kriminelle Erzählung“ wurde entnommen aus Michael Kothes aktueller Krimisammlung „Schmunzelmord 2“, die er im November 2022 veröffentlichte. Mit 16 weiteren kurzen und auch längeren Krimigeschichten teilt sie sich die rund 250 Seiten, die ihr als Taschenbuch und auch als eBook bestellen könnt überall da, wo’s Bücher zu kaufen gibt.

Zwei alte Männer

Von Michael Kothe

Ungewohnt langsam stapft er den Hügel hinauf. Am Alter kann es nicht liegen, normalerweise marschiert er recht flott. Sein Gang scheint gebeugt, nicht aufrecht wie sonst. Aber da bin ich mir nicht sicher, es mag an der Steigung liegen, denn nur die letzte Strecke schaue ich ihm entgegen. Wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte mein Blick ihm wie so oft den ganzen Weg von seinem Haus dort unten bis hier herauf folgen können. Hier, das ist am höchsten Punkt des Waldrandes, wo die Sonnenstrahlen den Boden bis zuletzt berühren und die Büsche in goldenen Schimmer tauchen, bevor sie die Stämme empor in die Baumkronen steigen und sich dann im Himmel auflösen. Bald wird es dämmern, der Wind wird einschlafen und der Duft nach Gras, Tanne und Waldmeister sich verlieren. Warum kommt er heute nur so spät?
»‘n Abend, Jon!« Seinen Ruf begleitet er mit einem Winken, das mir heute zaghaft vorkommt.
»Hallo, Herr Forstrat! Heute so spät?«
Endlich erreicht er mich. »Du sollst mich nicht so nennen, Jon! Es klingt so unpersönlich.« Mit einem Seufzer nimmt er seinen Rucksack ab und setzt sich neben mich. Zum Gruß reicht er mir die Hand. Hart und knorrig. Fest wie das Holz des Stammes, der schon vor Jahren umgestürzt ist und auf dem wir nun sitzen.
»Es ist für mich ein Ritual, weißt du? In der Zeit, die wir uns kennen, hat es sich gefestigt. Und ich habe es gern.« Freudig beobachte ich, wie er sich vorbeugt und wie gewohnt aus dem Rucksack ein Sixpack zieht, von dem er zwei Dosen abreißt. Wie immer bringt er unser Bier mit, weil ich keins kaufen kann. Nachdem ich ihm meins abgenommen habe, öffnet er seins und stößt mit mir an.
»Auch ein Ritual, das ich liebgewonnen habe.«
Beide verfallen wir in Schweigen, jeder hängt wohl seinen eigenen Gedanken nach. Zwei alte Männer in der Abendsonne am Waldrand. Im Grunde ist es seit Jahren ein fast allabendliches Bild. Doch etwas ist anders, fast körperlich drückt mich eine Wehmut, die mich vor Tagen beschlich, nach unten. Ihm geht es anscheinend gleich, denn er hat das Gesicht nicht der Sonne zugewandt, sondern starrt auf die Erde vor seinen Füßen.
»Jonathan Patrick O‘Callaghan«, beginnt er, spricht jedoch nicht weiter.
Von der Seite blicke ich ihn an, meine Hand mit dem Dosenbier verharrt auf ihrem Weg zu meinem Mund. Mich mit meinem vollen Namen anzureden, hat er sich für bedeutsame Augenblicke vorbehalten.
Er räuspert sich. »Jonathan Patrick O‘Callaghan, unsere Zeit ist bald vorbei.«
Überrascht hebe ich meine Brauen. »Woher weißt du?«
Doch seine Worte sind trotz verwandter Botschaft keine Antwort auf meine Frage. »Heute habe ich den Brief erhalten, den ich so lange befürchtet hatte. Lange Jahre habe ich meinen längst fälligen Eintritt in den Ruhestand hinauszögern können. Nun ist es am Ende des Monats so weit. Endgültig. Zu meinem Sohn ziehe ich in die Stadt.« Mit seinem Ärmel fährt er sich über die feuchten Augen. »Das Forsthaus muss ich räumen für meine Nachfolge.«
»Ein neuer Jägermeister?«
Ein Lächeln fliegt über seinen Mund. »Eine Jägermeisterin. Mit ihr kommt endlich Farbe in unseren von Männern dominierten Beruf. Ich kann sie dir vorstellen. Vielleicht versteht ihr zwei euch dann auch so gut wie wir beide.«
»Du weißt, dass das nicht geht! Sie kann mich nur sehen, wenn ich nicht aufpasse und sie mich überrascht.«
»So wie ich dich damals. Als du dem Hirsch geholfen hast, sein Geweih von der Drachenleine zu befreien, die sich im Unterholz verfangen hatte. Übrigens fast genau hier.« Er strahlt mich an, als er diese Erinnerung an unser Kennenlernen hervorkramt. Seine Hand zeigt auf ein paar Bäume in vorderster Reihe.
»So ungefähr.« Ich lache zurück. Für einen Moment ist das Glücksgefühl zurückgekehrt, das uns beide stets umfängt, wenn wir in der Abenddämmerung die Natur betrachten. Brüder im Geiste! Von unserem Platz aus scheint die Welt heil, doch derzeit ist sie es für uns beide nicht. So schweigen wir mehr als sonst.
Irgendwann halte ich die Stille nicht mehr aus. »Auch ich muss dir etwas sagen. In Kürze kehre ich zu meiner Familie zurück. Ein Neffe nimmt meinen Platz ein.«
Er hebt den Kopf, schaut mir in die Augen. »Mmh«, brummt er nach ein paar Augenblicken, dann sieht er wieder geradeaus, sein Kinn sinkt auf seine Brust.
Nun, da wir uns gegenseitig unsere Absicht vom Aufbruch in ein neues und gleichsam altes, längst vergangen geglaubtes Leben gestanden haben, versinken wir wieder in Schweigen. Unsere Blicke ruhen auf dem Tal, ohne uns wirklich etwas zu zeigen. In meinen Gedanken ziehe ich Vergleiche zwischen meiner Erwartung und einer lange verschütteten Erinnerung. Ihm muss es ähnlich ergehen, zumindest schließe ich das aus seinem Seufzer, der in meinen Ohren jedoch nicht traurig oder melancholisch klingt, sondern hoffnungsfroh. Vielleicht liegt es an dieser Vermutung, dass ich mich auf einmal auf die Veränderung freue. Unwillkürlich lache ich. Es ist ein befreiendes Lachen über unsere Situation: Da sitzen zwei alte Männer am Waldrand und träumen von ihrer Zukunft!
Als Erster ergreift er wieder das Wort, beginnt da, wo wir unsere Unterhaltung unterbrochen hatten. »Vielleicht trifft er ja deine Jägermeisterin. Das wäre ein schöner Anfang.«
Ich setze meine Dose an den Mund. Nur um festzustellen, dass sie leer ist. Es ist meine zweite. Wie lange müssen wir unseren Gedanken nachgehangen haben! Belustigt schaut mein Freund mir zu, horcht auf das vergebliche Saugen. Dann beugt er sich vor und zieht die beiden letzten Dosen aus dem Rucksack zwischen seinen Füßen. Den Haltering aus Plastik für das Sixpack stopft er wieder hinein. Meine leere Dose drücke ich zusammen, bevor ich sie ihm reiche und mein Bier in Empfang nehme.
»Willst du mir zeigen, wie stark du bist?« Sein Grinsen reicht beinahe von Ohr zu Ohr.
Halb habe ich schon den Mund geöffnet für eine Erwiderung. Rechtzeitig halte ich inne. Seine Frage ist keine geringschätzige Anspielung auf meine Größe, sondern einfach der Ausdruck seines lebensnahen Humors, der feinen Ironie, die ich so an ihm schätzen gelernt hatte.
»Eher weniger. Ich will nur Platz sparen in deinem Rucksack. Und überall sonst. Unsere Welt ist so voller Unrat, da lohnt es sich, oder?«
Er nickt. »Ich weiß, dass du den Müll in unserem Wald aufsammelst. Nur habe ich nie herausgefunden, wo du ihn dann lässt.«
»Du hättest mich fragen können.«
Plötzlich lacht er und kommt auf das alte Thema zurück. »Das ist eine lange Reise nach Irland. Wie willst du das machen ohne aufzufallen?«
»Ich reise unsichtbar. Dass das für mich normal ist, habe ich dir vorgeführt.«
»Ja, aber auch, dass du dabei nichts tragen kannst! Deshalb muss ich ja …« Lachend schwenkt er seine Dose vor meinem Gesicht. Sein Einspruch ist berechtigt.
»Nun zieht bald mein Neffe hierher. Er bewacht dann …«
»… den Schatz in deiner Höhle.«
Ich glaube, ein Grinsen über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch sogleich wird er wieder ernst, als ich den Kopf schüttle und als Geste der Resignation die Hände zur Seite strecke. Beinahe verschütte ich mein Bier. »Er wird sich eine neue einrichten müssen. Seit du und ich hier sind, haben wir den Wald gehegt. Du lässt kranke Bäume abholzen und belehrst Wanderer, auf den Wegen zu bleiben. Ich habe eingesammelt, was die Menschen in unserem Wald hinterlassen. Damit du weißt, wo der Unrat ist: In meiner Höhle, und da ist bald kein Platz mehr. Der neue Kobold wird sich eine neue suchen. Nur den Schatz wird er dahin mitnehmen und das Ende des Regenbogens daneben einpflanzen.«

*

© 2023 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

„Zwei alte Männer“ ist eine Erzählung aus Michael Kothes neuester Sammlung „Muntere Short Stories“, die im Dezember 2022 erschien. Die 28 Beiträge regen zum Schmunzeln an, zum Nachdenken oder auch zum herzlichen Lachen. ISBN: 9783756555727. Mehr auf Kothes Autoren-Homepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com.

Liebesachterbahn

Von Nakimuli Spieler

Kapitel 1

Die Kerzen brennen, das kann ich von meinem Standort aus sehen. Ich nehme seine Stimme in der Küche wahr. Mein Bauch gibt einen aufgeregten Ruck. Kocht er etwa für mich? Ich ziehe die Jacke aus und hänge sie auf. Das Zimmer ist warm und ich freue mich darüber, denn ich bin froh nicht mehr draußen in der Kälte zu sein. Neben mir ist ein Spiegel. Ich stelle mich vor ihm und begutachte mich ein letztes Mal bevor ich in seine warme Stube gehe.

Ich trage schwarze hochhackige Schuhe. Ich habe eine dünne Strumpfhose an. Die Strumpfhose ist von einem langen pinken Rock bedeckt. Zu Hause bin ich im Zimmer auf und ab stolziert wie ein Model, hatte die Hüfte von einer Seite zur anderen geweht und der Rock mit mir. Oberhalb vom Rock hatte ich ein enges, schwarzes T-Shirt an. Am Hals hatte ich eine bunte Perlenkette an. Im Gesicht hatte ich einen roten Lippenstift und schwarzes Eyeliner eines sexy und verführerischen Afro-Look verpasst. Oder zumindest versucht. Stolz war ich auf meine gelungene Frisur. Ich hatte vier Stunden lang meine Raster gedreht und danach, mit Hilfe von youtube„How to style my dreadlocks“,eine super scharfe Frisur erlangt. Sebastian wird Augen machen, wenn er mich so sieht.

Angelockt von dem Geruch, der mir in die Nase kroch, begab ich mich in die Küche. In der Küche erblickte ich ihn. Sebastian ist mein zweiter deutscher Freund.
Er ist Musiker. Er war sehr begabt. Neben dem musikzieren, malte er, machte Fotos, schreib über sich und die Welt. Neben dem musizieren, reiste Sebastian gern um die Welt und traf sich mit anderen Musiker. Da ich auch mit meinen Eltern früher oft verreist bin konnten wir unsere Erfahrungen austauschen. Wir begrüßten uns mit einem Kuss. Geheimnisvoll fordert er mich auf, in den Ofen zu gucken. Er hatte Fisch gemacht und es duftet köstlich. Auf dem Herd sah ich eine Soße und noch Reis.„Extra für dich. Es ist nicht scharf“, beteuerte er.

Ich hatte ihn gesagt, dass ich nicht so gut scharfes essen konnte. Wie nett, dass er es nicht vergessen hatte. Summend schaltete er den Herd aus. Dann nahm er Teller und Besteck zu sich und brachte sie ins Wohnzimmer. Ich folgte ihn mit Gläsern und Trinken.

„Was hast du heute gemacht?“, fragt Sebastian und holt mich aus meinen Gedanken.
„Ich hatte Vorlesungen nach der anderen. Aber ich beschwere mich nicht. Ich habe das Studium ausgesucht.“. Ich ging in die Küche und holte den Reis. Sebastian hat einen kleinen Tisch der Knie hoch ist. Darauf hat er in der Mitte zwei Kerzen angezündet.
„Ich bin immer noch der Ansicht, dass du Philosophie nicht studieren solltest. Du wolltest doch immer schon Lehrerin oder Schriftstellerin werden. Was ist damit passiert?“, fragt er während er für romantische Musik sorgt.
„Das kann ich immer noch machen“, sage ich, „Ich finde Philosophie gerade mal spannend“
„Ja aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Du hörst nie auf mich.“, sagt er. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Dabei hatte er doch auch Philosophie früher studiert. Aber er hat abgebrochen. Studieren war nichts für ihn.
„Ich hoffe du findest schnell deinen Weg“, sagt er dann. Er holt den Fisch und setzt sich auf den Boden neben mir. Dann essen wir gemeinsam. Diese Momente liebte ich einfach.

Kapitel 2

Als ich am nächsten Tag aufwache bin ich glücklich gesinnt. Sebastian liegt neben mir. Er schläft noch. Vorsichtig bewege ich mich aus seiner Umklammerung. Ich will ihn nicht aufwecken. Seit einem Jahr schon sehen wir uns und ich bin genauso verliebt in ihn wie am ersten Tag. Ich betrachte ihn für eine Weile. Er treibt regelmäßig Sport. Das sieht man an seinen muskulösen Oberarmen und an seinem wunderbaren flachen Bauch. Ich könnte ihn gut jeden Tag ohne T-Shirt rumlaufen sehen. Er liegt entspannt da wie ein kleines Kind. Er hat sich jetzt ausgebreitet im Bett und schnarcht leise vor sich hin. Ich bin sehr glücklich. Wenn ich an letzter Nacht denke. Sebastian bewegt sich, blinkt kurz in meiner Richtung und lächelt.
„Na, guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Sebastian rappelt sich auf und beißt mir zärtlich in den Oberarm.
„Aua“, ruf ich.
Er küsst mich zu Versöhnung und das machen wir etwas länger. Er küsst umwerfend und es fühlt sich gut an. Jetzt umarmte er mich und seine Hand gleitet zu meinen Hintern. Er packt fest zu und knete die ganze Fläche.
„Fantastisch“ sagt er mit Begeisterung. Ich lächele und nehme das Kompliment an.
„Dein Arsch finde ich auch super“ entgegne ich ihm. Darauf küsst er mich nochmal.
„Wie wär’s mit Frühstück?“, frage ich.
„Oh okay“, sagt er und springt auf.
Fünf Minuten später ist er angezogen. Ich ziehe mich auch an und wir spazieren Hand in Hand in die Küche. Es fühlte sich gut an, dass ich mir wünschte, es könnte immer so sein. Angekommen, fragt mich Sebastian was ich trinken will. Ich antworte, dass ich Tee gern hätte. In seiner Küche auf dem Tisch liegt ein Magazin in dem ich blätterte, während Sebastian das Wasser kocht. Auf einer Seite bleibe ich stehen in dem ein Interview mit Justin Timberlake gehalten wird. Er wird gefragt wie viele Schuhe er daheim hat. Dreißig Paar Schuhe gibt er an, denn er räumt immer wieder aus. Ich lächele und erinnere mich an dem einen Tag als ich bei Sebastian war. Ich half ihn dabei seine Klamotten und Schuhe aufzuräumen und entdeckte, dass er genauso viele Paarschuhe hatte wie ich. Und hier bemerkt, ich habe nicht wenige.
„Was willst du heute machen?“, fragt mich Sebastian.
„Ich weiß noch nicht. Und was machst du so?“, frage ich
„Um zwei habe ich wieder Studio Aufnahme.“, sagt Sebastian.
„Okay“, sage ich. In dem Moment klingelt Sebastians Handy. Er geht ran.
„Hallo, ach Herr Müller. Ja ihr Sohn kommt heute vorbei? Ja gegen 13 Uhr. Wiedersehen“, er legt das Handy weg. Ich sehe auf die Uhr. In einer Stunde sind sie hier, merke ich.

„Tut mir leid, die Arbeit ruft.“, sagt Sebastian nach einer Weile.
„Keine Sorge, ich habe heute auch was mit den Mädels vor.“, lüge ich und fange an abzuräumen. Auf einmal ist die gute Laune weg und während ich packe frage ich mich, ob ich dies wirklich weiter führen will. Da habe ich ihn und auch wieder nicht. Wenn es um seine Musik geht, dann macht Sebastian keinen Halt. Nichts ist ihm wichtiger als die Musik. Dann wiederum braucht er Geld. Zehn Minuten später habe ich meine Sachen beisammen.

„Okay ich bin fertig.“, sage ich. Zum Abschied nimmt er mich noch eng in die Arme und küsst mich ausgiebig, als wäre diese ein Abschied auf Ewigkeit.
Ich verlasse seine Wohnung, laufe die Treppe runter, manche unten die schwere Eingangstür auf und bin dann raus. Draußen stoße ich ausversehen mit einer anderen Frau zusammen. Ich entschuldige mich und sie lächelt mich freundlich an. Sie läuft an mir vorbei und geht durch die Tür, die ich gerade verlassen habe. Ich rappele mich und geh zum Bus. Als ich am Bus angekommen bin, merke ich, dass ich mein Handy vergessen habe. Den hatte ich doch am Bett hingelegt, weil ich dort aufladen wollte. Ich gucke auf meine Armbanduhr. Noch ist Zeit bis der Gesangsschüler bei Sebastian auftaucht. Ich laufe zurück. In der Eile drücke ich unten auf den falschen Knopf. Aber der Nachbar ist so freundlich und öffnet gleich. Ich stürme nach oben. Oben angekommen klingele ich. Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit scheint, öffnet Sebastian die Tür.

„Ach du bist es“, sagt er. Er wirkt überrascht.
„Hast du etwas vergessen?“, fragt er mich.
„Ja, mein Handy. Kann ich rein? “, japse ich.
„Nein.“ sagt er hastig. „Bleib da, ich, ich hole es dir.“
„Wer ist da?“, höre ich eine Frauenstimme fragen.
Ich sehe wie die Tür vom Badezimmer aufgeht. Da erblickte ich die Frau, die ich kurze Zeit vorher unten gesehen habe. Sie steht da mit ihrer Bluse offen und kämmt sich das Haar. Mir bleibt der Atem weg. In den Moment kommt Sebastian mit dem Handy an die Tür. Er sieht uns beiden Frauen an. Ich nehme das Handy und verschwinde. Als ich runter laufe, höre ich ihn noch nach mir rufen, aber ich will mich nicht damit auseinander setzen. Zum Glück kommt mein Bus. Völlig benebelt steige ich ein. Mein Handy klingelt, doch ich gehe nicht ran.

Kapitel 3

Nach einer Woche steht Sebastian vor meiner Tür.
„Du gehst nicht an dein Telefon ran.“, sagt er.
„Das muss ich auch nicht.“, sage ich und verschränke die Arme vor der Brust.
„Es tut mir leid, das war meine Ex-Freundin letzte Woche.“, sagt er leise.
„Das sah nach mehr aus, als Ex.“, kontere ich.
„Können wir uns nicht weiterhin treffen. Ich mag dich doch.“, sagte er.
 „Seid ihr wieder zusammen?“, hacke ich nach.
„Ach, du gibst wohl nie Ruhe. Weißt du was, niemand ist perfekt. Wenn du damit nicht leben kannst, dann such dir jemand neuen.“ sagte er und verschwindet aus der Tür.
Das war nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. Ich stehe da wie anwurzelt. Sollte ich ihm nach laufen? Aus welchem Grund? Dann mache ich die Tür zu. Immer noch unter Schock laufe ich im Zimmer auf und ab. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Ich war aufgewacht, hatte schön gefrühstückt und war sogar draußen joggen. Dann war ich noch einkaufen.

Frustriert mache ich das Fenster auf. Ich nehme mein Handy und schmeiße ihn im hohen Bogen raus. Ich steuere ins Zimmer umher und hole Sachen, die mich mit Sebastian verbinden, aus den Regalen heraus.Ich gehe Ziel sicher zum Fenster und lass sie auf dem Gehweg runterregnen. Da ich im zweiten Stock wohne, haben sie keinen langen Weg nach unten, und der Aufprall ist auch nicht massiv, aber es tut gut. Der Parfüm, die Kerzen, die Schuhe, die Klamotten. Dann hole ich noch die Bilder.

Bei denen mache ich halt weil ich meine Tränen zurückhalten muss. Ich nehme die Schere. Ich schneide sie in Stücken. Erst dann schmeiße ich die raus. Sie gleiten langsam runter wie leichte Federn. Aber auch die landen unten auf den Gehweg. Dass jetzt zwei Leute aus der Wohnung gucken macht mir nichts aus. Während ich alles runter schmeiße, schreie ich. Ich hole zuletzt den schönen Kissen, den er mir zuletzt am Valentinstag geschenkt hat. Ich stampfe mit dem Kissen in die Küche und hole mir das größte Messer. Mit großen hieben stochere ich darein. Das tut gut. Der Inhalt quält hervor, leider sind es nicht Federn, sondern Watte.

Total erschöpft setze ich mich auf den Küchenboden. Das Radio spielt. Ich schließe die Augen und schlafe sitzend ein. Viel später wache ich auf. Mein Nacken tut weh. Ich nehme Besen und Handfeger in die Hand. Dann gehe ich die Treppe runter. Ich fege alles wieder zusammen. Als alles zusammen gefegt ist schreie ich noch einmal in die Nacht. Dann nehme ich meine Sachen und gehe zurück in meiner Wohnung.

*

© 2023 Nakimuli Spieler
Alle Rechte vorbehalten

Die Clownin

Von Jens-Philipp Gründler

Wärmeschauer durchfuhren Margret, als sie ihrer über alle Maßen geliebten Frau Roberta dabei zusah, wie sie die Hunde fütterte, auf der ausladenden Wiesenfläche ihres Gartens. Sie bedeutet mir immer noch alles, dachte Margret und setzte ihren Gedankengang fort. Meine Liebe zu Roberta wächst sogar weiter und weiter, das kann ich mir kaum erklären. Die Frauen waren in den letzten Jahren erheblich gealtert, beide hatten inzwischen das achtzigste Lebensjahr hinter sich gelassen. Und doch lebten sie unabhängig von ihrer Umwelt, nicht aber von ihrer sozialen Umgebung. Margret bewunderte Roberta dafür, dass sie vor etwa zwei Dekaden alles hingeworfen hatte. Damals war Roberta nicht einmal krankenversichert gewesen und lebte in Armut. Ihre Verwandtschaft rümpfte die Nase, die Nachbarn schüttelten mit dem Kopf, wenn sie der Lebenskünstlerin begegneten. Eine Überlebenskünstlerin, eine echte Artistin, das hatte Roberta immer sein wollen.

Margret schälte eine Ingwerwurzel, schnitt sie in dünne Streifen, um sie ins kochende Wasser zu werfen. Das schmackhafte Ingwerwasser würzte die stämmige, kurzhaarige Frau noch mit Waldhonig. Vor einem Jahrzehnt hatten Roberta und Margret geheiratet, und sich damit ihren Herzenswunsch erfüllt. Stolz waren sie damals aus dem Standesamt gekommen, wo ihre Freundinnen und Gefährten warteten, um das glückliche Paar mit Rosenblüten zu berieseln. Gern erinnerte sich Margret an diesen besonderen Tag zurück. Roberta hatte die Fütterung der Bestien, wie sie immer im Scherz sagte, abgeschlossen und tollte nun mit den drei irischen Settern auf dem von der Sommersonne versengten Gras herum. Margrets Herz schlug schneller, ohne dass sie es wollte. Voller Zuneigung beobachtete Margret das Spiel der Geliebten und der treuen Hunde, deren glattes, fuchsrotes Fell die Lichtstrahlen wie durch ein Reflexionsprisma zurückwarf.

„Etwas ganz Zartes, Besonderes, Schützenswertes möchte ich schaffen“, hatte Roberta seinerzeit zu Margret gesagt, bevor sie ihren Lehrerjob an den Nagel hängte. Sie war sich in jener Zeit noch nicht sicher gewesen, was sie da kreieren wollte, und auf welche Weise. Es sollte aber etwas Außergewöhnliches, Geheimnisvolles sein. Margret sann gern über den damaligen Enthusiasmus ihrer Lebensfrau nach. Niemals hatte sie sich gesorgt, dass Roberta ein so hochgestecktes Ziel vielleicht nicht würde erreichen können. Keine Sekunde lang hatten die verheirateten Frauen gezweifelt. Zweifel, dieser fatale Zustand der Unsicherheit, stellte für das Paar Grenzen im Denken und Fühlen dar. Roberta betonte stets, sie habe in ihrem Leben genügend Zweifel walten lassen. Jetzt sei es an der Zeit, diese Hindernisse zu überwinden, jegliche den Geist verkrüppelnden Ängste müssten verjagt werden.
Roberta war immer die Stärkere gewesen, sprach Margret zu sich selbst; ohne ihren Mut wäre auch sie, die Zaudernde, Ängstliche, nicht dort angekommen, wo sie sich heute befand. Das Paradies auf Erden, nichts Geringeres hatte Roberta der heiß Geliebten versprochen. Buchstäblich geschworen hatte Roberta auf das Leben ihrer seinerzeit schon in den hohen Neunzigern befindlichen Mutter. Gertrud, die während ihrer Ehejahre äußerst konservative und bürgerliche, beinahe reaktionäre Positionen vertreten und zumeist auf ihren Ehemann Paul gehört hatte, war nach dem Tode des als Versicherungsvertreter tätigen Gatten eine Art Schockkur widerfahren. Spät, aber noch rechtzeitig, hatte Roberta ihrer Mutter Gertrud davon berichtet, von dem Unmöglichen, Unsagbaren. Eines Nachmittags im verschneiten Monat Januar war die stolze Tochter mit ihrer Partnerin Margret bei der alten Frau aufgetaucht. Es gab Blätterteigkekse, starken Assam-Schwarztee mit Kuhmilch und ebenso starke dialogische Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter. Margret ließ das streitende Duo zunächst außen vor. Während sie disputierten, entdeckte Margret Gertruds Kollektion von Masken und berührte ein besonders schönes Exemplar mit der Fingerkuppe. Vermutlich venezianischer Herkunft, versinnbildlichte dieses lachende und zugleich weinende Gesicht Gertruds Lebensmotto.

Am Abend, die Drei hatten sich in den vom Schnee geweißten Fichtenwald begeben und waren in der Glutröte des Sonnenuntergangs heimgekehrt, überwältige jede der drei Frauen eine nie zuvor gefühlte Erschöpfung, die wohl vom intensiven Trialog herrührte und Margret, Gertrud und ihre Tochter mit einer tief empfundenen Zufriedenheit erfüllte. Die Damen hatten Frieden geschlossen und sich zum Abendbrot Leberwurstbrote und nervenberuhigenden Pfefferminztee, dezent gesüßt, zu Gemüte geführt. Gertrud ging sogar ihrer alten, liebgewonnenen Gewohnheit nach und entzündete mithilfe eines Fidibus ihre majestätische Billard-Pfeife. Es dauerte, bis der Tabakqualm durch den langen Hals des Rauchgeräts in Gertruds Kehle und schließlich in die Lungen gelangte.

Die Frauen bildeten eine klassische entente cordiale, nahm an diesem Abend doch eine durch widersprüchliche Meinungen und rhetorische Konfrontationen gestärkte Freundschaft ihren Anfang. Die Schule des eifrigen Disputs hatte in den Herzen des Trios ihre Türen geöffnet und drei gelehrige Schülerinnen willkommen geheißen.
Wehmütig rief sich Margret die gemeinsam mit Gertrud und Roberta verbrachten Stunden und Tage ins Gedächtnis, um festzustellen, wie sich ihre Augenwinkel mit Tränenperlen füllten und die salzige Flüssigkeit schließlich ein dichtes, glänzendes Netz auf ihren geröteten Wangen bildete. Es war wie verhext. Sobald sie an ihre Frau und deren gutherzige Mutter dachte, wurde Margret von einem speziellen Gefühl erfasst, welches schwer erklärbar war. Einerseits empfand die immer noch als Nachhilfelehrerin aktive Vierundachtzigjährige eine wohltuende, ihren Solarplexus reizende Wärme, die sie mit bedingungsloser Liebe gleichsetzte. Zum anderen verspürte Margret aber auch eine Art sakraler, sie zu Kirchgängen verleitender Traurigkeit. In der kleinen Kapelle des Ortes Horstenfried, wo Roberta und Margret in einem einfachen Fachwerkhaus lebten, sah man Letztere häufig. Jedoch mied sie in der Regel die Messen, um aber in der Stille das menschenleere Gotteshaus aufzusuchen und ihre wohligen Gedanken an Gertrud Revue passieren zu lassen. Rosige Bilder umschmeichelten ihren aufgeriebenen Geist, Erinnerungen an die Blumengärten von Robertas Mutter. Wie oft hatten die drei Frauen hier Backgammon gespielt, während drei aufgeweckte, rotzfreche Irish Setter-Welpen ihrem harmlosen, kindlichen Spiel im angrenzenden Maisfeld nachgegangen waren.
Herrlich! Margret sagte jeden einzelnen Buchstaben dieses, ihres Lieblingsworts für sich auf, spitzte ihre Lippen und formte sie dann zu einem O. In Gedanken versunken, vernahm sie nun ein rhythmisches Klopfen an der Haustüre, welches sie aus ihrem träumerischen Schlummer herausriss, indes auf angenehmem Wege.
Jo, ihr neunjähriger Schüler, war angekommen, nachdem er ausgiebig mit den energischen Vierbeinern herumtollte. Aufgeladen von der hündischen Kraft, ihrer freundlichen, demütigen Arglosigkeit, wollte Jo die bewunderte Lehrerin geradezu herzen. Doch Margret wies den allzu dreisten Knaben mittels einer freundschaftlichen, aber doch strengen Geste zurecht.
„Guten Tag, liebe Frau Margret!“, rief Jo und versuchte, die Schamesröte in seinem Gesicht mithilfe seiner Handflächen zu verbergen.
„Du musst dich nicht schämen, lieber Jo“, sprach die vom Schüler Angehimmelte, „es freut mich außerordentlich, wie gut du es mit mir und den Hunden meinst. Das ist kein Grund für eine Verwirrung der Gefühle.“
„Es ist gut, ich danke ihnen recht herzlich“, erwiderte der nun erleichterte Schüler, als auch Roberta die von rußgeschwärzten Holzbalken gekrönte Küche betrat und die Türe schloss, um die vor Energie überschießenden Hunde zu mäßigen.
Roberta trug ihre Arbeitskleidung, und Jo war ganz entzückt vor Freude, als er die Plastikblume am Revers der Clownin drücken durfte, woraufhin ein dünner, kaum sichtbarer Wasserstrahl auf seiner Nasenspitze landete. Jo liebte diesen uralten Gag, und verfügte über einige eigene Scherzartikel, die zum Großteil aus dem Fundus von Roberta stammten. Aber auch von seinem Taschengeld hatte sich der Junge ein Pupskissen, einen milde Elektrostöße erzeugenden Arm und Kapseln gekauft, die eine blutähnliche Flüssigkeit entstehen ließen, sobald man sie zerkaute. Wasserpistolen, eine rote, quäkende Geräusche von sich gebende Clownsnase, überdimensionierte gelbe Schuhe, gigantische Micky-Maus-Ohren und vergleichbare Artikel erwarb Jo mit großem Elan und einer unbändigen Sammlerleidenschaft. Hatte er seine Sache in der Schule besonders gut gemacht, dann schenkte ihm die vor allem in Krankenhäusern tätige Clownin regelmäßig ein neues Gimmick für seine Sammlung.
Verliebt wie am ersten Tage verabschiedeten sich Roberta und Margret voneinander, stand doch ein Besuch auf der Kinderkrebsstation des lokalen Hospitals auf dem Programm. Mittlerweile konnte die Clownin von ihrer karitativen Tätigkeit gut leben. Ihr Publikum, in erster Linie Kinder und Alte, liebten es, wenn Roberta über ihre allzu großen Schnürschuhe stolperte, oder in andere tragikomische Situationen gelangte. Am Bett eines todkranken Mädchens, wo Sanftmut und Stille angebracht waren, da strich die erfahrene Clownin dem sterbenden Wesen mit einer weichen Feder über das Gesicht, um die Tränenrinnsale wegzuzaubern, wie sie sagte. Während Margret mit Jo Prozentrechnen und Wurzelziehen übte, tröstete Roberta die dem Tode geweihten, winzigen Geschöpfe. Sie nahm ihnen die Angst vor dem Abschied von der Erde, indem sie immer wieder erklärte, dass der Sterbeprozess dem Durchschreiten eines Portals glich, hinter welchem das Schönste wartete, was die Kleinen je empfunden hatten. Roberta taufte diesen himmlischen Zustand die heitere Traurigkeit, und die dem Tode Nahen verstanden sofort, was die gutmütige Gauklerin meinte. Denn die Schwere ihrer Erkrankungen hatte aus den Kindern Weise werden lassen, Lebensphilosophinnen und mutige Kämpfer, die weder Tod noch Teufel fürchteten.

Die heitere Traurigkeit, auf diesen Nenner brachte auch Margret den Kern des romantischen Daseins, welches sie mit ihrer Geliebten teilte. Indem er die Hunde mit drei fabrikneuen Tennisbällen beschenkt hatte, war Jo vom Lernen ermüdet heim gegangen. Dort wollte er seinen Eltern davon berichten, was er wieder erlebt hatte, bei den mildtätigen Frauen. Ein wenig verstimmt war der Junge, der am Tag zuvor ein sehr gut in der Grammatik erhalten hatte, denn Roberta hatte ihm nicht, wie eigentlich üblich, ein Geschenk überreicht. Bevor Jo seinen Grimm weiter auszubauen vermochte, legten sich zwei in weißen Seidenhandschuhen steckende Hände über seine Augen. Sogleich wusste der intelligente Knabe, dass die Clownin ihm einen Streich spielte. Dementsprechend stieg er in die Komödie ein und beklagte sich über die frühe Dunkelheit. Daraufhin betätigte Roberta ihr antikes Posthorn, um sich bei Jo zu entschuldigen.
„Ich habe dich nicht vergessen“, erklärte die Frau mit dem weißgeschminkten Gesicht und der roten Knollennase.
„Was ist es, was ist es?“, wollte der forsche Jo sofort wissen.
„Pst“, zischte Roberta und legte dem bald Zehnjährigen eine Maske aus Porzellan über das Gesicht. Dabei sprach sie: „Pass gut darauf auf!“
Freudig erregt, vergaß Jo sogar, sich zu bedanken und lief maskiert nach Hause. Milde lächelnd blickte ihm Roberta nach, um das knarrende Gartentor zu öffnen und die Hunde zu begrüßen.
Margret lehnte mit gekreuzten Armen am Rahmen der Haustüre und wollte wissen, was Roberta ihrem Schüler gegeben hatte.
„Verzeih mir“, bat Roberta, „ich habe ihm Gertruds Maske geschenkt, für die wir ohnehin keine Verwendung mehr haben.“
„Das lachende und zugleich weinende Gesicht?“, fragte Margret.
„In der Tat“, nickte Roberta, „dem Kind wird die Maske eine Ahnung davon geben, von welcher Art dieses, unser Leben ist und sein kann. Es ist ein heiteres Trauerspiel.“

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© 2023 Jens-Philipp Gründler
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Eine kalte Sünde

Von Jens Philipp Gründler

Infolge der Tet-Offensive war Walecki einst aus der US-Armee desertiert. Am Tag des Neujahrsfests im Jahre 1968 hatten die nordvietnamesische Armee und der Vietcong einen Überraschungsangriff gestartet. Walecki war zu dieser Zeit in Saigon stationiert gewesen. Die dichten, weißgrauen Rauchwolken über der Stadt kann er nicht vergessen. Damals ergab sich der amerikanische Soldat, nachdem er die feindliche Kämpferin Hang getroffen hatte. Hang, deren Name Mond bedeutet, hatte sich in der Ruine einer ehemaligen Spielzeugfabrik verschanzt, und mit einem schweren Maschinengewehr auf Walecki und seine Kameraden gefeuert. Schließlich hatten die sechs US-Soldaten die Fabrik einnehmen und Hang überwältigen können. Walecki hatte sich vehement dagegen ausgesprochen, Hang zu töten oder gefangen zu nehmen. Dieser Befehl hatte zu Unmut und sogar Aufruhr unter seinen Kameraden geführt. So war der aus Chicago stammende Koch noch in derselben Nacht mithilfe der vietnamesischen Soldatin in Hanoi untergetaucht. Walecki, der zu den Vietnamesen überlief, wurde von Hang im Haus ihrer Mutter Phuong versteckt. Ranghohe Militärs kamen hierher, um Waleckis Informationen bezüglich der US-Kriegsführung abzuschöpfen und für sich zu nutzen. Hang kümmerte sich hingebungsvoll um den sehnigen Blondschopf, der einst in einer Chicagoer Gaststätte polnisches Essen gekocht hatte. Während der Wochen im Unterschlupf lernte er von Hangs Mutter Phuong, wie man Hühner-, Reis- und Gemüsegerichte zubereitet und revanchierte sich, indem er der alten Frau ein Geheimrezept für Piroggen verriet. Hang und Phuong liebten die polnischen Teigtaschen. Bald gestand Hang dem Deserteur ihre Liebe, die Walecki erwiderte, obwohl sie unter keinem guten Stern stand. Der Soldat hatte sich schon in Hang verliebt, als er den Lauf seines Gewehrs an ihre Schläfe drückte. Es handelte sich um die vielgepriesene und -gescholtene Liebe auf den ersten Blick. Die Wochen, die sie inniglich vereint in Saigon miteinander verbrachten, endeten, als die US-Militärpolizei den Deserteur aufspürte. Sie zündeten das Haus an und verhafteten Walecki und Hangs Mutter Phuong. Hang selbst war in der schicksalhaften Stunde nicht zugegen, da sie einem General kriegswichtige, von Walecki handgezeichnete Skizzen überbrachte. Als Hang zurückkehren wollte, war es zu spät.
Walecki kam in das amerikanische Militärgefängnis Fort Leavenworth, für zwölf Jahre. Anfangs schrieb er an jedem einzelnen Tag Briefe an die Geliebte, doch nach und nach wandte er sich innerlich von Hang ab. Dass die Liebesbekundungen Hang tatsächlich erreichten, erfuhr Walecki erst später, in Schweden. Während eines Gerichtstermins gelang es dem Gefangenen, sich abzusetzen. Er flüchtete nach Göteborg, denn der schwedische Ministerpräsident Olof Palme hatte damals die Grenzen für Vietnam-Deserteure geöffnet. Seitdem lebt Walecki auf der Schäre Hönö, wo er sich als Brotbäcker verdingt. Das kleine, felsige Eiland ist bekannt für sein Brot, den Hönökaka. Als Hang von Waleckis Flucht nach Schweden erfuhr, machte sie sich gleich auf, um ihren über die Maßen Geliebten zu besuchen.
Jedoch hatten die Jahre im Gefängnis Walecki verändert. In Fort Leavenworth hatte der Häftling eine heftige Opiatabhängigkeit entwickelt, sie aber mit der Unterstützung eines Arztes überwinden können. Trotzdem litt Walecki an Flashbacks, ernsthaften Traumata, die von seinen Erfahrungen in Vietnam herrührten. Walecki hatte die Einsamkeit für sich gewählt und verabscheute nun andere Menschen. Briefe an Hang hatte er lange nicht mehr geschrieben. Er hatte während seiner Haftzeit mit dem Gefängnispfarrer gesprochen und ihm von seiner Unfähigkeit zu lieben berichtet. Walecki wurde damals die Beichte abgenommen, doch sein Zustand besserte sich dadurch nicht.
„Mein Herz fühlt sich steinig und kalt an, wie gefroren, dabei habe ich einst so intensiv geliebt“, erklärte er dem Pfarrer einst.
„Die Einsamkeit ist eine Sünde, eine kalte Sünde“, entgegnete ihm dieser und bot Walecki tägliche Gespräche an. Doch der Verzweifelte schlug das Angebot aus und zog sich immer mehr zurück. Diesen Rückzug in sich selbst perfektionierte Walecki in Schweden. An Hang dachte er immer noch, doch er war der Meinung, dass er seine frühere Geliebte nicht mit seinen depressiven Tendenzen belasten sollte.
Hang zeigte sich entsetzt, als sie den Angebeteten schließlich traf. Er ignorierte sie vollständig, so dass sie nach wenigen Tagen wieder abreiste und nach Saigon zurückkehrte. Hier sprach sie mit mehreren Neurologen über das ihr unbekannte Phänomen der Posttraumatischen Belastungsstörung. Hang ließ nicht locker, rief Walecki wöchentlich an und schrieb ihm weiterhin. Er reagierte jedoch nicht. Erst als sie ihm von der schweren Erkrankung ihrer alten Mutter Phuong berichtete, beantwortete Walecki einen Brief. Gern erinnerte er sich an Phuong, von der er so viele Kochrezepte gelernt hatte. Zu ihrer großen Freude, konnte Hang Walecki bald in Saigon begrüßen. Immer noch wirkte er unnahbar und kühl, wie ein völlig anderer Mensch. Doch Hang hatte von einem auf Kriegsveteranen spezialisierten Psychiater den Tipp erhalten, Walecki mit neuartigen Antidepressiva zu behandeln. Vielen früheren Kameraden des Traumatisierten ging es deutlich schlechter als Walecki, der als Bäcker in Schweden ein einfaches, aber gutes Leben führte. Alte Freunde waren als Obdachlose geendet, oder hatten sich mit Rauschmitteln zunächst betäubt und dann getötet. Dennoch, Walecki konnte seine Liebe zu Hang nicht wieder aktivieren. Auch in den darauffolgenden Jahren erwiderte er ihre Kontaktaufnahmen nicht, sondern verharrte in seiner unmenschlich anmutenden Position als Eremit und Misanthrop. Nachdem er an Phuongs Beerdigung teilgenommen hatte, kehrte er nicht mehr nach Saigon zurück. Die Antidepressiva, die er eine Zeitlang konsequent eingenommen hatte, setzte der Vereinsamte komplett ab, um sich hinter seiner Trauer zu verschanzen und sich im Schmerz einzurichten.
Hang, die nicht unter Kriegstraumata litt, traf bald eine schwerwiegende Entscheidung. Sie beschloss, sich von ihrem Geliebten abzuwenden und einen Reisbauern zu heiraten. Die harte Arbeit auf den Feldern lenkte sie ab und auch die Geburt ihres Sohnes Binh nahm die stolze Mutter in Anspruch. All ihren Versuchen zum Trotz, gelang es Hang nicht, ihre Liebe zu Walecki zu verdrängen. Um sein erfrorenes Inneres zu erwärmen, schickte Hang eine Fotografie Binhs nach Hönö, und beging damit einen folgenschweren Fehler. Walecki reagierte entgeistert und glitt zurück in die Drogensucht. Mithilfe von Opiaten bekämpfte er die emotionale Verletzung. Hangs Plan, Walecki zurückzugewinnen, scheiterte grandios. Ein aus New York stammender Reporter suchte Walecki in dieser Lebensphase auf, da er über Vietnamdeserteure in Schweden berichtete. Der für das Magazin New Yorker tätige Journalist fand einen verelendeten Mann vor, der im Begriff war, Haus und Bäckerei zu verlieren. Auf dem spärlich besiedelten Inselchen Hönö, wo sich die Bewohner gut kannten, sorgte man sich um den eigenbrötlerischen Amerikaner, dessen Backkunst hier sehr geschätzt wurde. Zusammen mit dem Reporter suchten Nachbarn Walecki auf und versorgten ihn. In einem mitreißenden, von Menschlichkeit geprägten Zeitungsartikel beschrieb der New Yorker Schreiber Waleckis Elend. Hang, die regelmäßig englischsprachige Zeitungen las, stieß auf diesen Artikel und erlitt beinahe einen Schock, indem sie der Überschrift gewahr wurde:
Aus Liebe im freiwilligen Elend – Der Überlebenskampf des Vietnamdeserteurs Walecki
Erst als sich Walecki auf der untersten Stufe seiner Existenz befand, auf der ihn die Opiatabhängigkeit in den Tod treiben würde, wachte er auf. Das Foto von Hangs Sohn Binh in der Hand, hatte er dem Journalisten von der Liebe seines Lebens berichtet und davon, wie er alles Menschenmögliche unternommen hatte, um die Geliebte von sich fernzuhalten. Jetzt aber, so Walecki in dem Artikel, sei alles egal, da er stürbe. Von den Drogen geschwächt, entsandte Walecki einen letzten Hilferuf, indem er Hang seine Liebe gestand, in einem international bekannten Magazin.
Am Ende ging alles sehr schnell. Von ihrem Sohn Binh begleitet, traf Hang bereits am Tag nach Erscheinen des Berichts in Göteborg ein. Sowohl Hang als auch Walecki hatten es kaum erwarten können, einander wiederzusehen. Als die zierliche Frau am Terminal wartete, erschien ihr der Geliebte wie ein vom Himmel gesandtes Wesen. Sie schlossen sich in die Arme und schworen sich, diese Umarmung niemals wieder zu lösen.
„All die Jahre, die wir verloren haben, sollten wir schleunigst nachholen“, sprach Walecki, um fortzufahren, „ich habe der kalten Sünde der Einsamkeit gefrönt und gelebt wie ein Ausgestoßener, doch jetzt soll alles anders werden.“
Unter Tränen küsste Hang ihren Mann. Gemeinsam nahmen sie den Bäckereibetrieb wieder auf und leben mit Binh, den Walecki bald adoptierte, noch heute glücklich auf der Schäre Hönö.

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© 2023 Jens-Philipp Gründler
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Der Poet der Schlachthöfe

Von Jens-Philipp Gründler

Zartfühlend möchte ich sein, freundlich und liebevoll, dachte Paul Botticher wieder einmal. Die Nächte waren die Hölle, da sie von der allabendlichen, medikamentösen Vergiftung eingeleitet wurden und nicht vergehen wollten. Am Morgen, sagte sich Botticher, wenn im Mai die Blau- und Kohlmeisen vor meinem halb geöffneten Dachfenster tschirpen, dann geht es mir meistens schon besser. Dennoch; die Härte der frühen Morgenstunden, die dämonischen, gegen Mitternacht einsetzenden Gesichte, die blitzartig aufflackernden Bilder von blutigen Geschehnissen, der Kampf mit der eigenen Rohheit und der Brutalität meiner Gedanken – all das bildet eine Kontamination, eine seelische Intoxikation, der ich niemals entkommen werde. Ich bin ein Teil dieser Welt, sprach Botticher beinahe stumm, ich bin derjenige, den seine Umgebung erledigt hat.
Und hier stehe ich, hier sitze und liege und kauere ich, nach wie vor, um das Ende herbeizusehnen. Ich bete um die Erlösung, flehe um den Schlüssel zur Ausgangstüre.

Botticher hockte dichtend an seinem Arbeitstisch, einem grob geschnitzten, schweren Eichenholzmöbelstück, welches ihn zeitlebens begleitet hatte. Halt! Weit war Botticher nicht gekommen, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Botticher hatte sich immer mehr zurückgezogen, sich ein geistiges Reich aufgebaut, und sich verausgabt, sich über die Maßen lächerlich gemacht mit seinen Poemen. Ruhm und Erfolg hatte er sich immer gewünscht, Welterfolg und materiellen Wohlstand. Paul Botticher, der Weltliterat. Und nun, wo er einigermaßen erfolgreich war, wo er sich um das Geld im Grunde nicht mehr zu sorgen brauchte, da war Botticher, der gedrungene, feiste, schwitzende Poet der Schlachthöfe, unzufriedener denn je. Er roch nach derber Mettwurst, worüber er sich nicht wunderte. Zwar frönte Botticher seit Jahr und Tag dem Vegetarismus. Trotzdem stank er nach geräuchertem, zerkleinertem Schweinefleisch. Den Gestank, den Fleischesser als köstliche Duftnote bezeichnen mögen, den Geruch nach Tod und Kadavern, brachte Botticher jeden Tag aus der Fabrik mit nach Hause, in seine winzige Dachgeschosswohnung.
Nicht nur äußerlich und also phänotypisch bin ich abstoßend, dachte Botticher, auch vor meiner stubenwarmen, schmeißfliegenartigen Innerlichkeit schrecken die Menschen zurück. Ich habe mich selbst zu verantworten, denn ich habe mich eigenhändig und anhand von eigenen Worten in dieses Ungeheuer verwandelt, habe mich veräußert, mich verraten und dennoch die Wahrheit verbreitet.
Seine Gedichte spiegelten den harten, monotonen Alltag des ungelernten, in der Fleischindustrie beschäftigten Arbeiters wider. Im Rahmen seiner poetischen Imaginationen, innerhalb der Grenzen seiner lyrischen Länder und selbsterschaffenen Staaten, kamen Hoffnung und Liebe selten vor. An welcher Stelle hätten Zartheit und Sanftmütigkeit auch ihren Platz finden können? Dafür gab es kaum einen Raum.
Desperat, hoffnungs- und lieblos sollten seine Werke ausfallen; er hatte es immer so gewollt. Von ganz unten, aus dieser gnadenlosen Perspektive heraus, schrieb Botticher, am Bodensatz der Gesellschaft, da lebte, fühlte und litt der grobschlächtige und doch so überaus sensible Fließband-arbeiter.
Zack, zack. Unablässig drang das gehackte, feingeschnitzelte Schweinefleisch – in Wahrheit handelte es sich um sogenannten Sehnenbrei – aus der metallenen Röhre. Ohne Pause, unausgesetzt drückte Paul den Darm auf die Öffnung, aber nicht zu lang und nicht zu kurz. Sonst konnte aus den Würsten nichts werden. Ein nicht enden wollender Darm, vom Schaf, glitt durch die zu Fäusten geschlossenen Hände des Mannes, der nach Feierabend seine Impressionen in die alte IBM-Schreibmaschine hackte. Nicht, weil er ein Exzentriker war, sondern weil er keinen Computer besaß. Weil er im Grunde nichts besaß, abgesehen von seiner betörenden, radikalen und abstoßenden Poesie, die doch so grazil und subtil ausfallen konnte, an manchen Tagen.
Keineswegs hatte Botticher damit gerechnet, dass jemand seine Frikadellenlyrik, seine Sülzesätze, wie er sie liebevoll nannte, lesen wollen würde. Er hatte nichts erwartet, einerseits. Zum anderen strebte er dennoch nach Weltruhm, nein, nach noch Höherem, nach Unsterblichkeit. Er war der festen Überzeugung, dass sein unabdingbares Leid eines fernen Tages mit einer goldenen Krone aufgewogen werden würde. Das schwere Metall sollte ihn für all die Zumutungen entschädigen. Wenn es eine höhere Gerechtigkeit gab, und daran glaubte Botticher fester denn je, würde er einst auf grünen Auen mit den antiken und auch postmodernen Poetinnen, Denkern, Philosophinnen wandeln und klares Wasser aus dem Lethe-Fluss trinken. Mit Hölderlin, Novalis, Ingeborg Bachmann, Demokrit, Susan Sontag, mit Thomas Mann und Charles Bukowski würde er einst auf den Sieg über Leid und Zeit anstoßen.

Doch vorerst hatte seine verschwindende, unsichtbare Seele das Körpergefängnis nicht verlassen können. Nur zu kurzen Expeditionen ins Nichts war der feinstoffliche Teil seines Ichs aufgebrochen, in düsteren Vollmondnächten, wenn die seelische Pein am größten und gnadenlosesten war. Wer quälte ihn dermaßen unerbittlich, diese bange Frage hatte sich Botticher schon oftmals gestellt, zu Gott gebetet und keine Antwort erhalten. Liebe, dieses verhexte Spiel auf der zwischenmenschlichen Ebene, fand hier nicht statt. Die Liebe war pervertiert worden, durch Medien, Popmusik und banale Literatur. Für Botticher gab es faktisch keinerlei Liebe, er inhalierte nach Rinderblut stinkende Luft, den ganzen Vormittag, Mittag, den halben Nachmittag lang. Nie entstanden Pausen, Erholung kam nicht vor. Dabei hatte Botticher alles Mögliche versucht, hatte meditiert, kontempliert, sich betäubt, hatte gehungert und auf Getränke verzichtet, trotzdem hatte sich ein, wie er es bezeichnete, sakraler Effekt nicht einstellen mögen. Aber Botticher gab nicht auf, er glaubte und glaubte und glaubte. Er betete mit aller Macht, sobald er seine fiebrig heißen Lippen versiegelte. Und da er so gut wie nie sprach, betete der immer noch Zweifelnde in einem fort. Seine Seele, davon war er überzeugt, befand sich bereits ins Gottes Reich. Das Problem bestand in seiner weiterhin andauernden Körperlichkeit, seinem alltäglichen Bad im Fleische.

Ich bin ein Tier, dachte Botticher, als er mithilfe eines Hochdruckreinigers seine mit Blut und Darmresten verschmutzten Gummistiefel reinigte. Das Wasser war mit Desinfektionsmitteln versetzt und roch nach Jodtinktur. Dieser Kindheitsgeruch mischte sich mit dem Dunst der getöteten Schweine, Rinder, Hühner. Mutter hatte die Wunden des kleinen Pauls einst gereinigt und desinfiziert. Einmal war er von seinem Kaninchen Peterchen gebissen worden. Danach hatte Paul Botticher das Geschöpf mit den langen Ohren und den schwarzen Knopfaugen gefürchtet und dann auch verabscheut. Mit Genugtuung vernahm er die Ankündigung seines Vaters, eines ausgebildeten Metzgers, dass Peterchen schlachtreif sei. Als der hochgewachsene Herbert Botticher, dessen Sanftmut seinem Beruf zu widersprechen schien, das Kaninchen mit einem Holzscheit totschlug, bereute Paul seine unmenschlichen Gefühle und Wünsche. Schockiert sah er zu, wie das Tier zuckte, blutete und schließlich für immer zur Ruhe kam. Sein Vater Herbert war ein weiser Mann, dessen moralische Wertmaßstäbe seinen Sohn Paul schon früh beeindruckten. Wer Tiere essen wolle, so der Schopenhauer liebende Freizeitphilosoph, der müsse sie auch töten können.
Bis heute glaubt Botticher, dass seine animalische Existenz eine Strafe Gottes sei. Sieht er sich im zersplitterten Badezimmerspiegel an, und erblickt das verhasste und gefürchtete Gesicht, die Physiognomie eines Schweins, dann weiß Botticher um seine Schuld. Er bedauert die Lebewesen, die von seiner Hand sterben mussten. Im Minutentakt tötete Botticher einst die intelligenten Vierbeiner mit dem Ringelschwanz. Ohne groß darüber nachzudenken, drückte er das Bolzenschussgerät an die Stirn der vor Panik schreienden Sauen und Eber, die intuitiv genau wussten, was ihnen drohte. Durch den ins Gehirn eindringenden Bolzen betäubt, bekamen die Schlachttiere im Idealfall nichts davon mit, wenn Botticher und seine Kollegen ihnen mittels eines Messers die Schlagadern auftrennten, um sie letztendlich zu töten. Manchmal war ihm zumute, als seien die Seelen der Tiere, von denen sein Vater immer gesprochen hatte, direkt in seinen eigenen Leib gefahren und hätten ihm nach und nach das Äußere eines grunzenden Ebers verliehen.
Bin ich ein Schwein, weil ich jahrzehntelang ein Diener des Todes gewesen bin? Botticher wusste es nicht. Aber er erinnert sich genau an den Tag, an dem er das Betäubungs-instrument niederlegte. Wieder einmal hatte er ein Schwein nicht richtig erwischt, mäandernd und brüllend vor Pein zappelte es manisch. Es gelang dem Säugetier, seine Zehen zu lösen und sich so vom Kettenfließband zu befreien. Halb betäubt und trunken vor Schock, ging die Sau auf Bottichers Kollegen los. Der kräftige, verzweifelt um sein Leben kämpfende Fleischer starb auf der Stelle, während seine Kollegen das entkommene Tier einfingen und es mit langen Klingen geradezu hinrichteten. Ein regelrechtes Blutbad fand statt.

Im Rahmen der Beerdigung erfuhr Botticher dann eine Läuterung. Nie wieder würde ein Tier von seiner Hand sterben, das schwor er sich. Dennoch musste der nun dem Vegetarismus Frönende Geld verdienen, um sich auch weiterhin der Poesie widmen zu können. Er blieb in der Wurstfabrik, denn er konnte nichts anderes. Als ungelernte Kraft arbeitet er nun in der sogenannten Hausfrauenschicht. Seine Kolleginnen mögen ihn und die schmalen Büchlein, die er ihnen schenkt. Paul Botticher ist mittlerweile ein deutschlandweit bekannter Poet, der Dichter der Schlachthöfe. Aus seiner Dachgeschosswohnung zog er aus, kaufte ein Fachwerkhaus in der westfälischen Provinz. Auf moralischer Ebene eifert er seinem integren Vater Herbert nach. Das Tierblut, das an seinen Fingern klebt, verwandelt Botticher in Gedichte, die selbst vom Feuilleton gelobt werden. Botticher, der sich selbst als poetisches Nutztier betrachtet, wurde zu einem glücklichen Menschen. Immer noch geht er täglich in die Fabrik, um Würste herzustellen. Nach Feierabend dichtet er dann stundenlang. Das Schweinische, das ihm zu eigen ist, verschwindet mehr und mehr. Aus dem Tiere tötenden Ungeheuer ist ein filigraner Lyriker geworden, der seine Mitmenschen nicht verurteilt. Vielmehr beobachtet er sie, bewertet sie nach ihren Taten. Dass er jemals wieder einen Schlachtschlussapparat betätigen wird, schließt Botticher kategorisch aus. Indes ist sein Respekt für die hart arbeitenden Schlachterinnen und Metzger geblieben. In seinen Versen setzt er den einfachen Menschen Denkmäler. Und dennoch weiß und predigt Botticher, dass jede Frau und jeder Mann zu jeder Zeit umkehren können. Entscheidungen seien nicht in Stein gemeißelt und dürften revidiert werden, betont der Poet heute, wenn er seine Werke vorträgt. Oftmals kommt ihm dabei sein Vater Herbert in den Sinn, den Schopenhauer-Leser. Herbert Botticher, der zeitlebens den Metzgerberuf ausübte, zitierte immer wieder einen Satz des aus Danzig stammenden Tierethikers: Wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein.

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Archaismus

Von Andreas Rüdig

Ein Archaismus ist ein altes Wort, das heute nicht mehr gebräuchlich ist. Oheim = Onkel, Karzer = Arrestzelle an Universitäten, Kegel = uneheliches Kind, Muselmane = Mosel sowie Mumpitz = Schreckgestalt / Vogelscheuchte sind Beispiele dafür.
 
Der Verein für ausgestorbene Begriffe ist im niederrheinischen Moers ansässig. Anlässlich der Einweihung der Räumlichkeiten lud er zu einem kleinen Umtrunk (incl. Imbiss) ein.
 
„Für einen Verein wie uns ist es sehr, sehr peinlich, Räumlichkeiten zu suchen,“ berichtet Dagobert, der Vereinsvorsitzende. „Obzwar wir ein sprachpflegender Verein sind, gelten wir als komische Käuze. Wer weiß denn noch, dass das Wort Pein´ auf heutigem Deutsch so viel wie Schmerz´ und peinlich´ so viel wie schmerzhaft´ – und nicht etwa unangenehm, wie heute gebräuchlich – bedeutet.“
 
Erste Tätigkeit der Sprachzipfelmützen: Ein Brief an den nordrhein-westfälischen Schulminister.
 
„Sehr geehrter Herr Landesschulminister,
 
untertänigst bitten wir darum, sich im schulischen Unterricht wieder verstärkt der deutschen Sprache zu befleißigen. Bitte sorgen Sie gefälligst für eine Erlass, der den Gebrauch der deutschen Sprache in deutlich größerem Umfang als bisher Regel. In Fächern wie Deutsch oder Geschichte sollte es möglich werden, erbaulichere Unterweisung zu aussterbenden / ausgestorbenen Wörtern einzuführen. Mit ergebenstem Dank erwarten wir Ihre Replik.
 
Mit vorzüglichster Hochachtung“
 
Offensichtlich verstand das Schulministerium den Begriff „gefälligst“ nicht so, wie er ursprünglich gemeint war (nämlich als Bitte um einen Gefallen), sondern als unhöfliche Drängelei und beschied den Verein abschlägig.
 
„Unsere Hosentaschenfernsprechgeräte, Fernkopierer und E-Briefe stehen seitdem nicht mehr still,“ berichtet Viktor der Forschungsleiter. „Gegen großzügige Unterstützung für seine städtische Einrichtung sowie die Stadtbücherei, zumeist in Naturalien, beschafft uns der wohl- und gottgefällige Mann immer wieder Rechtschreibe-Duden, Fremdwort-Brockhäuser und vergleichbare germanistische Fachliteratur. So können wir der deutschen Sprache forschend auf den Grund gehen und unsere Forschungsergebnisse schriftlich veröffentlichen. Wir sind bei der hiesigen Druckerei gern gesehene Gäste.

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US-Dollart

Von Andreas Rüdig

Ja, es ist wahr
der erste US-Dollár
er ist gestohlen
von Ruhrpolen
er hat gefehlt im Schrank
der Deutschen Bundesbank.
 
 „Wir sind untröstlich, aber der Dollar ist nicht nur ein unersetzlicher Sammlerstück,“ betont Wendelin, Vorstandsmitglied der oberen Bundesbehörde. „Wir können den Dollar auch besser konservieren, restaurieren und aufbewahren.“
 
Der Diebstahl sei nicht von ungefähr gekommen, wie Theobald Phrastus, der Leiter des Münzkundemuseums der Deutschen Bundesbank, berichtet. „Wir möchten einen möglichst umfassenden Bestand aktueller und historischer ausländischer Münzen zeigen. Und ausgerechnet beim US-Dollar haben wir Lücken.“
 
Was also tun? Genau: Man nutzt die europäisch-amerikanische Völkerwanderung, um Geldbesorger in die Staaten zu schicken. Ein kleines Team habe Fort Knox, wo der geschichtlich wertvolle US-Dollar gelagert wurde, ausspioniert und gleich mehrere Schlachtpläne entworfen, wie man den Diebstahl durchführen könne.
 
Gleich die erste Mannschaft sei auch schon erfolgreich gewesen. „Fort Knox ist doch nicht so sicher wie viele Leute im alten Europa denken. Kennt man die richtigen Leute, stehen viele richtige Türen zur richtigen Zeit offen,“ ist von der Behörde zu hören. „Da spielen dann wieder moderne US-Dollar eine Rolle…“

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© 2023 Andreas Rüdig
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Tattoo admiring

Von Andreas Rüdig

Tattoo admiring heißt eine neu entdeckte Sexualpräferenz, die jetzt in bayerischen und baden-württembergischen Klöstern entdeckt wurde. Diese Klöster werden vom „Orden zur Anbetung des Körpers und Herzens Jesu“ betrieben.
 
Wie der Name der Sexualpräferenz schon erkennen läßt, sind alle Ordensangehörigen, Männer wie Frauen gleichermaßen, mit einem Tattoo versehen. Normalerweise ist die Körperbemalung unter der Ordenstracht, also der Habit, verborgen. „Das ändert sich jeweils nur in der Nacht vom Samstag zum Sonntag,“ berichtet Pater Jonas, einer der Äbte in Bayern. Es beginnt mit dem Vorabendgottesdienst. In ihm werden schwül-erotisches Liebeslider gesungen und biblische Texte aus dem Hohelied der Liebe sowie den Büchern der Weisheit sowie der Sprüch gelesen.
 
„Das Antlitz Jesu Christi ist für uns mehr als ein Erkennungsmerkmal, daß wir zum selben Orden gehören. In unseren Ordensgelübden schwören wir, daß wir uns jeweils nach der Vorabendmesse mit einer gegengeschlechtlichen Person die fleischliche Anwesenheit unseres Herren feiern.“
 
Was??!! Sex im Kloster? Das widerspricht doch dem Keuschheitsgebot iin Ordensgemeinschaften. „Kinder werden vom Klapperstorch gebracht, die Jungfrauengeburt ist gebräuchlich,“ bekommen wir als Kinder in der Sonntagsschule beigebracht.
 
„Bei unserer Ewigen Profeß versprechen wir, daß im Laufe unserer weiteren Ordenszugehörigkeit eine weitere, vorher festgelegte Person Jesus zu Gesicht zu sehen bekommt und kein Schindluder mit ihm ge- und betrieben wird. Gleichgeschlechtliche Liebe und Hingabe ist nicht erwünscht,“ so Pater Jonas
 
Ist auf diese Art und Weise schon ein Kind gezeugt worden? „Ja, mehrfach. Das ist auch erwünscht. SO wachsen wir als Orden wenigstens natürlich.“

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St. Cyriacus

Von Felicia Rüdig

St. Cyriacus ist ein Helfer in der Todesstunde und bei teuflischen Anfechtungen.
 
Ich strebe nach dem Sterben
und entfleuche aus dem Leben
 
Doch wie mich entleiben? Verbrennen?
Schmerzen will ich nicht erkennen.
 
mich selbst erwürgen?
dafür brauch´ ich einen Bürgen,
 
der den letzten Rest erledigt.
mein Name ist dann nicht verewigt.
 
mich erschießen?
das würd´ mich nur verdrießen
 
ertränken, stürzen, hängen?
dann bin ich frei von Zwängen
 
und verbluten
will ich mir nicht zumuten.
 
 
Welche Gedanken hat Walburga da? Sie möchte in die Hölle statt ins Paradies kommen, nur weil sie freiwillig aus dem Leben verschieden ist? Ich, Cyriacus, als ihr Nothelfer, muß ihr unbedingt beistehen.
 
(Telefonat) (Ring ring)
 
Walburga hier. Wer stört?
 
Niemand. Ich bin`s nur, Cyriakus. Was geht ab?
 
Nix. Ich bereite nur gerade mein Ableben vor.
 
Aber wieso denn?
 
Aus Liebeskummer. Kaspar hat mich verlassen und sein Kind zurückgelassen.

Ja, und? Er ist doch der Sünder. Er muß sich doch um seine Frau und die Frucht seiner Lenden kümmern.
 
Tut er aber nicht.
 
Hast du schon mit Eustachius geredet. Unter uns Nothelfern kümmert er sich um die Leute in schwierigen Lebenslagen und möchte Trauerfälle verhindern.
 
Und der kann helfen?
 
Ja, meistens. Gib ihm eine Chance. Bitte.
 
 
(Kaspar)
 
Hmmm – es ist schon komisch: Seit ich Walburga verlassen habe, klappt`s mit keiner Frau mehr. Wenn wir Sex haben, krieg´ ich keinen steifen Ständer mehr. Ich habe mich mal mit Erasmus unterhalten. Er ist mein Schutzheiliger gegen Unterleibsbeschwerden. Wenn ich zu Walburga zurückkehre, wird mein Geschlechtsverkehr wieder göttlich sein.
 
(kurze Zeit später)
 
Oh Erasmus, du Schlingel. Es stimmt doch gar nicht, was du gesagt hast Kaum schaue ich Walburga auch nur verliebt an, stellt sich unser Zwerg zwischen uns und schaut ganz böse. Dann vergeht mir prompt die Lust. Aber bitte – noch so ein Gespräch wie mit Eustachius möchte ich nicht noch einmal führen. Da beiße ich lieber in den sauren Apfel und bliebe bei Walburga.

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© 2023 Felicia Rüdig
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