FRIENDS NOT FOOD

Von Claudia Dvoracek-Iby

Du siehst ihn an, nur kurz, wie er, verschwitzt zwischen der Mischmaschine und dem Thomas stehend, in die Leberkässemmel beißt, wie er schnell kaut, wie er mit Bier hinunterspült, siehst sekundenlang auf sein Uralt-T-Shirt mit der Aufschrift FRIENDS NOT FOOD, schwarz auf weiß steht es da geschrieben, siehst schnell wieder weg, weißt aber, die paar Momente haben gereicht, dies wird zu einem jener Bilder, die immer wieder auftauchen, unvermutet, es wird auftauchen, während du euer Baby stillst, oder während du mit der Anna joggst, und so tust, als ob du ihr zuhörst, wenn sie sich wieder beklagt über den Thomas, ihren Mann, über jenen Thomas, der grad ebenfalls eine Leberkässemmel verschlingt und Bier trinkt, der Thomas, von dem er jetzt immer wieder anerkennend sagt, auf den Thomas ist Verlass, der kennt sich aus beim Hausbau, der Thomas, über den ihr gelästert habt, noch vor kurzem, über ihn und über seine Anna, kleinkariert seien die beiden, ward ihr euch einig, nicht fähig, über den Tellerrand zu schauen – und jetzt fachsimpelt er mit dem Thomas neben der Mischmaschine, und du bemerkst, dass quer über dem END auf dem FRIENDS NOT FOOD-Schriftzug ein Riss ist, und denkst, damals ist es neu und sauber gewesen, das Shirt, auf der Demo, die quasi der Beginn war von euch beiden, FRIENDS NOT FOOD auf Transparenten, Flyer und Shirts, FRIENDS NOT FOOD habt ihr geschrien und, ja, auch gelebt, und was einst ein Statement war, trägt er jetzt nicht mal als Scherz, sondern aus dem simplen Grund, weil es noch zwei-dreimal zum Arbeiten taugt, bevor es entsorgt werden wird, das T-Shirt, und jetzt sagt er, so, wir müssen weitermachen mit dem Betonieren, das muss schnell gehen in der Hitze, und du nickst verständnisvoll, und innerlich steigt Wut in dir auf beim Weggehen, denn würde er das FRIENDS NOT FOOD T-Shirt nicht tragen, hättest du diese piekenden Gedanken jetzt nicht, und du würdest auch bestimmt nicht etwas golden glänzen sehen in dieser zähen, schweren Zement-Sand-Wasser-Masse da drinnen in der Mischmaschine, und würdest nicht derart Unsinniges denken wie: Da erstickt grad einiges da drinnen, da erstickt grad unser goldener Wohnwagen-Traum, wir wollten doch reisen, wir zwei, und dort bleiben, wo es uns gefällt, und würdest nicht denken müssen, dass diese erstickten, einbetonierten Träume das Fundament eures Hauses bilden werden, auf dem zuerst der Keller entsteht, in dem ihr, davon gehst du aus, die sogenannten Leichen verstecken werdet, und du hoffst inständig, dass du und er gemeinsam eure gemeinsamen Leichen versteckt, und nicht jeder für sich allein seine eigenen Leichen vor dem anderen versteckt, so wie es der Thomas und die Anna tun, und du setzt dich in dein Auto, schnell, denn die Anna wartet schon im Fitnessstudio auf dich, die Anna, die zwar nicht verstehen wird, aber immerhin so tun wird, als ob sie dir zuhört, wenn du ihr erzählst, wie sehr du dich ärgerst über ihn, denn es ist ja auch zu blöd, hätte er das FRIENDS NOT FOOD T-Shirt heute nicht angezogen, dann würde dir jetzt sicher nicht auffallen, dass du heute das rosa SUPERGIRL Top anhast und dass du derartiges nie getragen hättest in Demo-Zeiten, und du startest, und wirfst noch einen bösen Blick zu ihm auf die Baustelle, und siehst, wie er sich den Schweiß abwischt, sich das FRIENDS NOT FOOD T-Shirt auszieht, es achtlos unter die Mischmaschine wirft und nun wie der Thomas mit nacktem Oberkörper schaufelt, und du atmest tief ein und aus, und hupst langgezogen, als du staubaufwirbelnd wendest, Gas gibst und wegfährst.

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Das Gericht der Krabben

Von Michael Wiedorn

Schwarzes Wasser klatscht gegen dunklen Stein. Ich stehe auf keinem festem Boden. Ich schaukle hin und her, aber nicht auf einer Schaukel, sondern auf einer Wasseroberfläche. Schwarzes Wasser flutet. Es ist alt und kalt wie der Stein. Es stammt aus lang vergangenen Jahrhunderten. Mein Herz zerreißt fast aus Angst. Ich habe keine Angst vor den eisigen Fluten – überhaupt nicht. Vor mir erhebt sich etwas Blutrotes. Es läuft in einer Spitze aus. Eine rote, spitze Kapuze. Eine billige und schäbige Kapuze. So was tragen Junkies und Verwahrloste. Ein uraltes Gesicht – grau-bleich und verrunzelt – grinst mich hämisch an. Rotkäppchen. Plötzlich haut mir etwas den Schädel vom Hals.
Die frühherbstliche Sonne umschmeichelt mich. Ich erblicke das Radio und die hingeknüllten Taschentücher vor meinem Bett. Unwillkürlich greife ich an meinen Kopf. Ich betaste meinen Hals. Was war das für ein Zwerg? Wo war ich eben? Jetzt muss ich niesen. Ich erhebe mich vom Bett um mir ein Taschentuch zu greifen und putze mir die Nase. Ich gebe Geräusche wie ein Elefant von mir. Natürlich nicht so laut – bin ja kein Elefant. Der Rotz wird aus den Nasenhöhlen ins Papier gestoßen. Dunkle, rot düstere Höhlen tief in der Tiefe des Körpers, gefüllt mit unförmigen Massen unsichtbarem, klebrig weichem Schleim. Sprengstoff. Eine alles zerstörende Kraft zerreißt mein Inneres. Es will raus. Es muss zerstören und zerreißen. Raus und nichts wie raus! Beim Abputzen der Nase klebt der Rotz zwischen Nasenlöchern und Tempotaschentuch und zieht Fäden wie Käse an der Pizza. Gott – wie ekelt es mich vor meinem eigenen Inneren – denke ich noch. „Im Ekel erfährt der Mensch seine Vorhandenheit“ oder so ähnlich formuliert es die Philosophie – fällt mir gerade beim Anblick der Rotzfäden ein. Igittigitt! Meine Nase hat mich wieder voll auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Wer war der seltsame Zwerg? Warum schwebte ich wie ein Geist über dem Wasser? In welcher uralten Stadt war ich heute Nacht?
Ich blicke auf das Display meines Handys. Es ist 9 Uhr 03. Ich drücke auf den Anschaltknopf des Radios. Die CDU/CSU verhandelt mit der SPD für eine große Koalition. Viele Leute halten nichts von einer großen Koalition, da es dann eine zu schwache Opposition gibt. Mag sein – mag auch nicht sein. Ich schwinge meine Beine aus dem Bett und den restlichen Körper schiebe ich hinter her. Jetzt stehe ich aufrecht in der Tageswirklichkeit und bewege mich vorwärts in die Küche. Ich stelle dort den Wasserboiler an, um, wenn ich im Laufe des Vormittages Tee kochen will, warmes Wasser zur Verfügung zu haben. Ich habe einen kaum erträglichen Druck auf der Blase und gehe aufs Klo um dort meine Schlafanzughose runter zu lassen. Plötzlich haut mir kalter Stahl das Feuchte aus meinem Leib. Ein Prickeln. Ich lasse Wasser. Es fließt. Gelb aus dunklen, rot düsteren Höhlen tief in der Tiefe des Körpers, angefüllt mit unendlichen, nicht begrenzbaren Fluten und Meeren aus güldenem Wasser. Es will raus! Raus und nichts wie raus! Ich bin fertig, ziehe die Schlafanzughose hoch und ziehe die Spülung.
Ich gehe in die Küche zurück, nehme die weiße Kanne, die mit Grünem Tee vom Vortag gefüllt ist, vom Küchentisch ins Wohnzimmer. Grüner Tee – grüne, sanfte Weiden. Lauch und Schilf im sanften Regen. Ich habe schon die Kanne von der Tischplatte gehoben, als mir einfällt, dass ich für das Rasierwasser die Watte brauchen werde. Ich bewege mich – die Kanne in der Hand – Richtung Fenster und nehme die Watte vom weißen Küchenkasten. Ich verlasse die Küche.
Im Korridor, der die Küche mit dem Wohnzimmer verbindet, blicke ich in den Spiegel. Bei meinem Anblick denke ich mir – ich sollte mir mal wieder die Haare schneiden. Mein jetziges Aussehen langweilt mich. Brauner Flaum steht mir jetzt auf dem Kopf. Ich sehe unscheinbar aus. Ich mag die blanke Härte des kahlen Schädels. In der Nase kommt Juckreiz auf. Es kommt. Es will kommen. Es platzt. Ich niese. Ich habe keine Hand frei. Meine Nase gibt einen Sprühregen von sich. Im Spiegel erhasche ich die Fratze, die ich beim Niesen schneide. Mein Gott – wie hässlich ist meine Fresse in unkontrollierten Körperzuständen! Am Hals zwei hässliche Hautfalten. Der Anblick der gelblich-blassen Gesichtshaut alter Menschen erregt mir immer den Würgereiz. Riesige Augensäcke, die man bei einer Reise als Gepäck benutzen könnte – angefüllt mit unnennbaren Säften. Ein Putenhals. Zwei Falten am Hals hängen schlaff in die weite Welt. In einigen Jahren sollte ich mir einen feuerroten Irokesenschnitt wachsen lassen und in einen Hühnerstall ziehen. Greisenköpfe mit rotem Kamm drauf auf Hühnerkörpern werden von einer überdimensionalen Magd mit dem Kehrrichtbesen weggescheucht. Die brennend rote Kapuze über dem greisen Zwergengesicht.
Ich gehe weiter ins Wohnzimmer an mein Bett und stelle die Kanne auf den Fußboden vor dem Bett. Zu Hause sitzt ich immer im Schneidersitz auf der Matratze. Im Radio wird gerade über einen wissenschaftlichen Kongress über den Denkmalschutz in Nordostbrandenburg berichtet. Die größten Koryphäen sind jetzt in Berlin versammelt zu diesem Anlass. Ich nehme mir fest vor nicht Hinzugehen. Ich bin schon richtig stolz auf meine Entschlossenheit mich nicht mit dem Denkmalschutz in Nordostbrandenburg zu beschäftigen. Ich werde mich heute gnadenlos mit allem, aber buchstäblich mit allem beschäftigen, nur nicht mit dem Denkmalschutz in Nordostbrandenburg. Die blanke Schädelplatte unter der flammenden Kapuze ist klatschnass von Schweiß. Der Liliputaner schwitzt. Das Sein erschließt sich dem Menschen durch den Ekel – so die Philosophie. Heute Abend muss ich ins Kino. Jürgen Trittin spricht sich gegen eine schwarz-grüne Koalition aus. Jürgen Trittin müsste im Falle der Bildung einer schwarz-grünen Regierung Kabinettsmitglied werden – meinen einige. Ich schenke mir Tee ein und trinke gleich gierig einen Schluck. Grüner Tee. Sanftes Gelb durch das ich das weiße Porzellan sehe. Mild wie Lauch und Frühlingsregen. Ich warte auf den Wetterbericht. Wie werde ich heute meinen Tag verbringen? Der Rotz drängt wieder in die Nase. Hirnzellen mit giftigem Schleim verstopft. Es muss gesprengt werden. Ich führe vorsorglich ein Papiertaschentuch an die Nase und lasse mich gehen. Gelb und rot sprühen. Die Entladung gibt mir eine Vorahnung der Erlösung. Ein heftiger Schlag lässt mich den Kopf verlieren.
Höchsttemperaturen 13 – 16 Grad. Sonnenschein. Sich frontal der Sonne aussetzen ist gut gegen die Erkältung. Jetzt im Herbst wird die Sonne nicht mehr so heiß, dass die Haut verbrennt. Ich verehre die Sonne als Lebensspender. Bei Wasser fürchte ich mich vor dem Absaufen und vor Flutkatastrophen. Vor den Küsten, weit draußen vor den Ufern – niemand zu Lande kann etwas ahnen, die Fabriken arbeiten, die Gärten werden gemäht, Hunde werden ausgeführt – weit draußen im Meer stürzt eine Welle, eine Flut mit unaufhaltsamer Wut – man könnte schon sagen Hass – auf die harmlos im Alltag vor sich hindämmernde Küste zu. Das Wasser eilt heran. Es wird uns alle holen. Uns alle. Erde setze ich mit Dreck gleich. Dreck und Schmutz ziehen unsere Beine in die Tiefe. Verweste, aufgelöste Mütter lauern in der Tiefe. Jetzt ist die Erde nass. Würmer und Leichen finden ihr Heim in der Erde. Über die Luft habe ich keine Vorstellungen. Luft ist unsichtbar und ungreifbar und ist ein Nichts. Die Unfassbarkeit des Geistes. Das Radio sendet jetzt Musik. Mozart. Mendelsohn-Bartoldy.
Ich ergreife einen Schmöker, der neben meinem Bett liegt, öffne ihn und beginne zu lesen. Der Buchumschlag ist schwarz mit rotem Rand. Der Buchrücken ist rot – feuerrot. Ich muss mich einlesen. In den ersten Momenten lese ich Sätze, die ich nicht verstehe. Ich verstehe nicht einmal, worum es überhaupt geht. In meinen Hirnwindungen breitet sich eine sinnlose Aneinanderreihung sinnloser Sätze aus. Mein Gott – ich verstehe ja rein gar nichts! Ich denke an das abgestandene, unendlich tiefe Wasser vom Erwachen, das schwankt und flutet und an rätselhaftes Gestein klatscht. Ich schwanke auf den Wellen, die mir keinen Halt bieten, aber mich noch nicht verschluckt. An-sich. Für-sich. Das An-sich ist ganz, was es ist. Es ist kompakt und steht fest, ist sich selbst. Klobig und roh. Das Für-sich ist und ist nicht. Das Wasser fließt. Man tritt auf das flutende Wasser und fällt in die Tiefe. Es ist, indem es verneint. Der Unwahrhaftige ist der, der er nicht ist. Ein Gesicht auf der Wasseroberfläche ist nicht vorhanden. Nach dem Schlag gegen meine Halsschlagader sehe ich flüchtig – ganz flüchtig – ein Gesicht im Wasser verschwinden. Es ist mein eigenes Gesicht. Es ist ängstlich. Es ist zu einer Fratze verzerrt. Die Vorstellungen in meinem Kopf ist der Garten selbst, ist der Hund selbst oder der Garten vor meinen Augen. Sie existieren nicht. Sie sind Vorstellungen.
Ich blicke aus dem Fenster und sehe, dass sich die Sonne durchsetzt. Ich stelle mir meinen Tag, den ich in der Sonne verbringen werde, in meiner Vorstellung vor. Ich stelle mir in meiner Vorstellung vor, wie ich das Buch zuklappe und ich bewerkstellige es in der Wirklichkeit. Ich stelle mir vor, wie ich am Nachmittag am Landwehrkanal entlang laufe. Das gelb werdende Laub. Das Sonnenlicht strahlt. Der herbstliche, sonnenüberstrahlte Landwehrkanal ist mir in der Phantasie, aber er fließt nicht hier in meinem Zimmer. Tatsächlich lege ich das Buch zur Seite. Das Feuerrot des Buchumschlages. Feuerrot leuchtet die spitze Mütze des Ungeheuers. Das kalte, verschlossene Gesicht eines kleinen Mädchens in krebsrotem Lackmäntelchen blickt aus der Tiefe des Teiches.
Kulturnachrichten. In der Stadtbücherei Steglitz liest heute Abend eine – nennen wir sie mal so – Brigitte Schulze aus ihren Memoiren „Eine Kindheit unter Ulbricht“. Auf Schloss Rheinsberg gibt es eine Tagung „Kurt Tucholsky und die Frauen“. Will man seine Zeit totschlagen und hat nichts, was einen wirklich antreibt, kann man immer mit lauwarmem Interesse irgendwo auf Veranstaltungen herumlungern und sich nicht vorhandene Lebendigkeit einreden. Im Kinoprospekt sehe ich noch mal nach der Anfangszeit von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Das Blut quillt aus der Halsschlagader des Opfers. Das verflossene Blut erneuert nicht die geschwächte Kraft der Erde. Eine schwarze Gondel mit drei trauernden Frauen in Schwarz treibt durch den Kanal. Ich muss heute Abend in den Film – koste es, was es wolle. Ich lege den Prospekt zur Seite. Aus dem Radio erklingt wieder Musik.
Ich nehme das rot-schwarze Buch wieder zur Hand und schlage es wieder auf. Statt ins Buch blicke ich auf unregelmäßige Formen und Flecken und Rinnen. Ich erschrecke. Wie krank und unreinlich ist meine Haut. Flecken, Venen, Abschürfungen. Wucherungen, die ich mit bloßem Auge nicht sehen kann, könnten zu den ganzen Organismus verzehrenden Krebsgeschwulsten anwachsen. Meine Hand zerfällt in seiner Ganzheit in unzählige Zellen. Das Tote wartet in der Haut. Es ist diese penetrante Nahsicht, die dieses Buch so unnahbar macht. Aufdringlich wird der Blick erblickt und das Erblicktwerden erblickt. Was ist Dasein in seiner Gegenwärtigkeit, bevor es als etwas Bestimmtes erkannt wird? Die Feuchtigkeit, Weichheit und Schwammigkeit von Blättern, Gras, Fleisch, Erde nach Herbstregen. Rotz, Eiter, Schlamm in den tiefen Höhlen des Inneren.
Ich entschließe mich, mich zu rasieren. Ich nehme den elektrischen Rasierer aus der Schachtel und stecke das Kabel in die Steckdose. Ich schalte den Rasierer an. Die drei Drehköpfe am oberen Ende des Rasierapparates drehen und drehen sich und kämpfen gegen den Bartflaum an meinem Kinn. Im Garten mähe ich oder ich versuche durch das seit Wochen nicht mehr gemähte Gras durchzukommen. Dickes Gras. An einer Stelle des Kabels funkt es plötzlich. Ein elektrischer Stromschlag durchfährt meine Glieder. Eine stechende Hitze durchschlägt meinen Rumpf. Ich streiche mit der Schneide des Apparates immer wieder und immer wieder – fast liebkosend zärtlich – über die Haut meines Kinnes – vor allem über die Kante zwischen Kiefer und Hals. Ich möchte keinen Bart oder allzu sichtbaren Flaum am Kinn haben. Brillenträger mit Dreitagebart sehen nicht verwegen aus, sondern wie verkaterte Penner. Ein Brummen im Kopf an einem nass-kalten Tag. Grauer Morgen. Magenkranke Alkoholiker mit Mundgeruch und gelben Zähnen. Im Barthaar sammeln sich vergammelte Speisereste und Insekten. Fliegen, Kakerlaken, Motten. Mitten aus dem Bart springt eine Ratte. Beim Rasieren vergesse ich immer wieder, dass ich inmitten von haarlosen Gesichtspartien kleine – ganz kleine – Inselchen von wucherndem Haar habe. Einzelne Strohhalme inmitten einer wüsten Sandfläche. Meine genetischen Anlagen konnten sich nicht entscheiden, ob sie mir Koteletts wachsen lassen sollten. Ich schalte den Rasierer aus und überlege, ob heute wieder die Zahnseide fällig ist. Nein, heute nicht! Seit einigen Jahren reibe ich mir alle zwei Tage sämtliche Zwischenräume zwischen meinen Zähnen. Dort verwesen ganze Gemüsefelder, Rinderherden und Schweineställe. Der Mund verwandelt sich in ein Grab mit langem Gang tief in die Eingeweide. Darm, Leber, Magen. Die Dünste aus dem Gekröse strömen in die freie, sonnige Umwelt. Im September reinige ich mich mit der Seide nur an den geraden Tagen. Heute ist der 27. – also lässt mich heute die Zahnseide in Ruhe.
Ich schenke mir wieder Tee in die Tasse und merke, dass die Kanne fast leer ist. Ich trinke zwei Schlucke und stehe mit der Teekanne in der einen Hand und dem Handy, von dessen Display ich die Zeit ablese, in der anderen Hand aus dem Bett auf und gehe in die Küche um erneut Tee zuzubereiten. Ich lasse heißes Wasser in den Kochtopf, stelle den Herd an und stelle den mit Wasser gefüllten Topf auf die Herdplatte. Das Licht am Boiler leuchtet wieder rot. In einem stillen, totenstillen Raum – dunkel in der Nacht – gehen plötzlich rote Lichter an. Es bleibt alles still, nur die roten Lichter blinken. Ich verlasse die Küche und gehe wieder ins Wohnzimmer. Aus dem Radio ertönt Johann Strauß. Ich rase zum Rundfunkgerät um sofort umzuschalten. Staatspräsident Rohani, mit sauberem Bart und Brille scheint kompromissbereiter zu sein als sein Vorgänger. Der Westen setzt große Hoffnungen in ihn. Das Rot eilt und treibt mit flammendem Hass auf mich zu. Die rote Kapuze. Israel droht mit Angriff. Ich hebe die Eisenhantel in Höhe meiner Brust und von dort aus strecke ich langsam meinen Arm nach vorne. Zehnmal und dann das selbe Spiel mit dem anderen Arm. Beim achten Mal habe ich Mühe den Arm nach vorne zu strecken. Ich habe immer Angst meinem Rücken zu schaden. Das Rückgrat ist biegsam und das Fleisch schwach. Ich blicke in den Spiegel und sehe den Zwerg. Er ist in meiner Wohnung. Ich bin ein Kind mit krankhaft unterentwickelten Muskeln. Ich bin ein Krüppel – ein Gespenst mit Buckel, das nicht richtig auf die Welt gekommen ist. Elfenbeinweiße Haut über Knochen gespannt. Ich verstehe nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit andere Kinder rennen und springen. Mein dürftiger Kinderkörper ist mir so verhasst wie einem Greis seine Gichtknoten und seine künstlichen Hüften. Der vergreiste Körper ist eine schwere Last aus Blei. Feuerrot ist nur die Kapuze. Ein Messer würde mir Macht geben. Es fließt nie mein eigenes Blut in meinen Adern. Ich war schon immer hochgradig lethargiegefährdet. Auch in der frischesten Jugend musste ich mich zu Taten und Anstrengungen hochraffen. Als Greis, wenn mir meine Zukunftslosigkeit grausam bewusst wird, werde ich wohl Tage und Wochen und Monate ungewaschen und bestialisch stinkend in der Wohnung herumlungern. Jahre lang werde ich nichts mehr fressen.
Ich turne mit den Hanteln und spüre den belebenden Blutkreislauf. Blut fließt kraftvoll in meinem Leib. Im Blut liegt die Kraft. Beefsteak darf nicht gar gekocht werden. Neben dem Stück Fleisch fließt etwas Blut. Die in die Fleischgefäße stechende Gabel treibt weiteren Saft heraus. In Leichen fließt nichts mehr.
Das Rauschen des kochenden Wassers im Boiler bricht ab. Das Rauschen des kochenden Wassers auf der Herdplatte wird lauter und dringlicher. Ich lege die Hantel auf den Fußboden. Ein ganz leichter Muskelkater in den Oberarmen und in den Schultern. Es ist ein erfreulicher Hinweis darauf, dass ich vielleicht einen lebendigen Körper habe.
Ich hole aus dem Eisschrank eine Banane, schäle sie und beiße hinein. Das vergilbte Fleisch bietet den Zähnen keinen Widerstand und verwandelt sich sofort in meinem Mund zu Brei. Mich ekelt es immer vor all zu weichen und süßen Speisen. Ich bin schon oft bei zu Brei aufgeweichten, mit braun verfärbten Schalen, verfaulten Bananen ins Würgen gekommen. Ich lege großen Wert darauf, dass immer Bananen im Eisschrank liegen. Sie sollen gut für die Verdauung sein. Ich stülpe das Teenetz über die Kannenöffnung und schütte drei Teelöffel hinein. Ich gieße das gekochte Wasser in die Kanne und blicke auf das Display des Handys. In drei Minuten muss ich das Netz von der Kanne entfernen. Mit einem Lappen wische ich die verbliebene Feuchtigkeit aus dem Topf. Ich möchte die drei Minuten nicht tatenlos vor mich hin glotzen. Ich beuge das rechte Bein in die Höhe, stehe nur auf einem Bein und gehe mit dem noch stehenden, linken Bein fünf mal in die Beuge. Ganz langsam, nur nicht eilig und dann das Selbe beim anderen Bein. Nach Abschluss dieses Ritus sehe ich wieder nach der Uhrzeit. In einer Minute muss ich das Teenetz entfernen. Ich schaue einen kurzen Augenblick zum Küchenfenster hinaus. Direkt gegenüber liegt die Küche einer jetzt unbewohnten Wohnung. Ich erschrecke. Eine Jacke in grüner Leuchtfarbe hängt am Fensteröffner der anderen Wohnung. Die Wohnung ist sonst leer. Durch die Scheibe sehe ich einen beleibten Mann, der nur da steht und wie es mir scheint, in meine Richtung glotzt. Ich denke – er hat mich die ganze Zeit beobachtet. In mir steigt eine ungeheure Wut gegen diesen Klotz auf. Ich hasse es erblickt zu werden, wenn ich nicht zurückschaue. Ich würde am liebsten das Fenster aufreißen um ihn anzubrüllen. Er ist so rund und klobig und unempfindlich, dass er mich nur seelenruhig anstarren würde – er würde nicht einmal hämisch grinsen. Ich sehe nach der Uhrzeit. Es ist so weit. Ich nehme die Kanne und ein Glas und gehe damit zum Spülbecken und gieße über dem Becken Tee ins Glas. Das trübe Gelb des Glases. Ich schaue dabei zur gegenüberliegenden Wohnung hinüber und beobachte jetzt, dass der Fremde etwas ans Ohr drückt und für mich aus der Entfernung kaum wahrnehmbar die Lippen bewegt. Ich bin jetzt überzeugt, dass er schon die ganze Zeit in den Apparat sprach und dabei vor sich hingesehen hat, ohne auf irgendetwas gezielt zu blicken – schon gar nicht auf mich.
Das Glas ist jetzt gefüllt. Es ist so heiß, dass ich mich beeile es auf den Eisschrank zu stellen. Mit der Kanne gehe ich ins Wohnzimmer und stelle sie auf den Fußboden vor dem Bett. Ich setze mich im Schneidersitz auf die Bettstatt. Aus dem Radio spricht jemand über die mangelhafte Infrastruktur in Deutschland. Sie ist sicherlich besser als in Eritrea. Aber an Deutschland werden andere Ansprüche gestellt.
Aus dem Radio fließt die Moldau. Das Zimmer ertrinkt in der melancholischen Musik, aus der die Verlassenheit und Trostlosigkeit einer verfallenen Stadt in der böhmischen Provinz klagt.
Ich lese wieder im dicken Buch über den Blick. Ich werde von einem Auge, das nicht sehen kann, angeblickt. Ich – in meiner hässlichen Nacktheit unter der grausamen Kamera – unter einem Auge zwischen kahlen Zellenwänden. In dieser Zelle gibt es keine Pritsche, keinen Spind und kein Waschbecken wie in anderen Gefängniszellen. Ich bin lebenslänglich in eine Überwachungszelle gesperrt. Nicht einmal eine Türe. Wie bin ich denn hier überhaupt reingekommen? Ich bin ein Gegenstand für jemanden, den ich noch nie gesehen habe. Mich gibt es nicht mehr. Ich bin nur das, was der Andere, den ich noch nie gesehen habe und den ich niemals sehen werde, an meiner Außenseite sieht. Ich habe kein Innenleben. Keine Gefühle, keine Gedanken, nicht einmal Eingeweide.
Die wohlklingende Moldau überflutet das von der milden Herbstsonne bestrahlte Zimmer. Verfallene Barockpaläste mit bröckelndem Stuck inmitten verwahrloster Parks. Ostblock in den frühen Fünfzigern. Eine Straße mit Kopfsteinpflaster. In der Novemberdämmerung beleuchten alte Kandelaber aus rostigem Metall die durch das Alter und den nahen Industrieanlagen schwarz gewordenen Fassaden. Eine altertümliche Straßenbahn quietscht und klingelt an überdimensionalen Portraits von Marx, Engels, Lenin vorbei. In den zwei Waggons der Straßenbahn sitzen ganz vereinzelt ganze drei Personen. Einsam und ernst vom klammen Licht fahl überstrahlt.
Ich klappe das Buch zu. Ich kann mich doch nicht konzentrieren und habe keine Lust weiter zu lesen. Ich springe – weniger aus Unternehmungslust, als aus Angst in Trägheit zu verfallen – und nehme nochmals die Hanteln zur Hand. Ich hebe mit dem Unterarm zwanzigmal die Hantel bis zur Schulter und dann mit dem anderen Arm das Selbe. Ich lege erschöpft die Hantel beiseite. Trotz jahrelangem Trainings sind meine Ärmchen noch ziemlich dürr. Ich habe einfach zu spät angefangen. Ich hätte als Jugendlicher beginnen sollen. Ich gehe in die Küche. Im Gang komme ich am Spiegel vorbei. Ich schaue in den Spiegel. Mit meinem Anblick bin ich zufrieden. Ich halte mich für jung. Durch die eben erledigten Übungen ist mein Blutkreislauf angekurbelt. Ich habe wieder einen leichten Muskelkater. Einen ganz Leichten. Ich bin doch ganz massiv vorhanden.
Ich betrete die Küche, nehme die Zahnbürste, führe sie unter den Wasserhahn, drehe das Wasser auf und lasse es über die Bürste laufen. Drehe den Wasserhahn wieder zu und streiche eine kleine, ganz kleine Portion Zahncreme auf die Borsten. Schweineborsten. Riesige Viecher grunzen und stehen mit den Schädeln über den Trögen. Kantige, kahl geschorene Zuchthäuslerschädel. Schrubbe mit ruckartigen Bewegungen die Bürste in meinem Maul hin und her. Ich blicke durch das Küchenfenster auf das Fenster in der Wohnung gegenüber. Die Jacke in grasgrüner Leuchtfarbe hängt immer noch unverändert am Fenster. Der Handwerker macht sich an der Wand zu schaffen. Ich kann nicht genau erkennen, was er veranstaltet. Er steht aufrecht mit dem Gesicht zur Wand und fährt mit seinem rechten Arm die Mauer auf und ab. Der Anblick langweilt mich und ich konzentriere mich auf das Zähneputzen und glotze dabei auf das Email des Waschbeckens. Ich sehe dabei gelbe und braune Schmutzränder auf dem Weiß meines Beckens. Das Wasser im Becken steht hoch. Das ernste und verschlossene Gesicht des toten Mädchens blickt mit leeren Augen durch das Wasser. Ich lege die Zahnbürste zur Seite, öffne den Wasserhahn, halte meine zusammengelegten Hände unter den Wasserstrahl, um das Wasser zu fassen, führe die Hände mit Wasser gefüllt an meinen Mund und schütte das Nass in meine Mundhöhle. Wasser strömt unaufhaltsam in düstere Höhlen. Wasser stürzt in einer Flutwelle über eine Straße – über Häuser. Das Wasser schwanke ich in meinem Mund hin und her, damit im Mund der Rest der Zahnpasta weggespült wird und spucke das Wasser wieder aus. Das Wasser erfrischt den Mund. Er ist jetzt befreit von der Trockenheit. Endlich! Endlich regnet es in der Wüste. In der grau-braunen Ödnis breitet sich das Grün der bis jetzt unterirdisch knospenden Pflanzen aus. Ich nehme noch einen Schluck aus dem Glas, das seit der letzten Teezubereitung bis an den oberen Rand mit Grünem Tee gefüllt ist. Der Grüne Tee ist nicht grün, sondern gelb. Er sieht wie Pisse aus. Der Tee ist nicht heiß, sondern angenehm warm. Ich gehe im Hochsommer auf einem Fußweg durch eine Wiese. Fünf Meter rechts vom Weg zieht sich ein Holzzaun hin. Etwa fünf oder sechs besoffene Jungs um die Zwanzig mit heruntergelassenen Hosen stehen schwankend und taumelnd am Zaun und geben weite Strahlen von gelbem und goldenem Urin von sich. Gold – strömend und metallen klappernd bedeckt den Boden. Immer mehr und immer mehr. Im Sommer erheben sich in den Springbrunnen stolz die Fontänen. Einige der Knaben am Holzzaun müssen beim Wasserlassen rülpsen. Meine Fresse ist durch das Zähneputzen ganz feucht.
Ich nehme die weiße Seife, die auf einem kleinen Porzellanteller liegt, befeuchte sie unter dem laufenden Wasserhahn und beschmiere mit der Seife mein Gesicht. Ich drehe das Wasser aus. Mir fällt jetzt ein, dass die Watte im Wohnzimmer liegt. Ich gehe ins Wohnzimmer, nehme die Watte und gehe mit ihr zurück zum Waschbecken in der Küche zurück. Ich reiße von der Watte ein größeres Stück herunter. Kleine Fetzchen bleiben mir in der Hand kleben. Ich drehe wieder das Wasser an und befeuchte das heruntergerissene Stück Watte. Ich versuche jeden Winkel in meinem Gesicht zu reinigen. Meine Visage ist nichts Anderes als eine Fläche mit einer Erhebung in der Mitte. Ein Straßenkehrer reinigt eine Straße mit einem Baum in der Mitte. Der Handwerker steht wieder reglos am Fenster und scheint in meine Richtung zu blicken. Ausgeliefert und nackt liegt der Häftling auf dem Betonfußboden seiner Zelle und jede seiner Bewegungen verfolgt die Videokamera mit einem leisen Schwenk.
Ich ziehe jetzt meinen Schlafanzug aus und lasse die beiden Schlafanzugteile unachtsam auf den Fußboden fallen, aber in sicherer Entfernung vom Waschbecken und denke mir bei einem flüchtigen Blick zum Küchenfenster der gegenüberliegenden Wohnung: „ Schau weg! Schau woanders hin!“ Der Wasserstrahl läuft aus dem Hahn. Der Wasserspiegel im Becken steigt. Vielleicht ist der Ausguss verstopft. Sehen mich durch das durch die Seife trübe Wasser zwei ernste und vorwurfsvolle Augen an? Es ist zu spät für jede Hilfe. Mit dem Waschlappen befeuchte ich meinen Körper. Über die Körperteile streiche ich die cremige Seife. Glitschig. Ich befeuchte den türkisblauen Frotteewaschlappen und führe ihn über den eingeseift glänzenden Leib. Die Schenkel, die Brust, die Arme und Beine würden jedes darauf wandernde Insekt zum ausrutschen bringen. Ich streiche mit dem Lappen darüber und sehe auf das Türkisblau des Waschlappens und sehe das Weiß der Seife perlen. Die türkisblauen Kacheln der Moscheekuppeln von Isfahan. Die Sehnsucht in der Wüste nach belebenden Brandungen. Fichtengrün und Türkis werden in das Badewasser geschüttet. Ich streiche mir so häufig über die Glieder, über die Brust und den Hintern, bis der Lappen nach dem Darüberstreichen keine Seifenreste mehr aufweist. Unentdeckte Seifenreste erzeugen Entzündungen. Die Haut trocknet aus und wird rot. Die Haut brennt. Ein wie eine Fackel brennender Mann rennt hilflos durch die Straßen. Um Himmels Willen nicht helfen! Nicht berühren! Ich trockne mich mit einem großen, rosafarbenen Handtuch ab. Ich blicke zum Küchenfenster von gegenüber und sehe, dass dort keine Jacke mehr hängt. Die Fenster der leeren Küche sind weit geöffnet. Es ist jetzt nach zwölf Uhr. Der Handwerker hat Mittagspause – vermute ich. Ich hebe unter dem jede Bewegung aufnehmenden Blick der Obervationskamera meine beiden Schlafanzugteile auf und ziehe sie hastig an. Ich schäme mich meiner Nacktheit. Ich nehme noch einen Schluck Tee aus dem halbleeren Glas.
Im Wohnzimmer zurückgekehrt hebe ich die Hantel zwanzigmal bis zur Schulter hoch. Die ersten zwölfmal gehen ohne Probleme, danach spüre ich wachsenden Widerstand. Das Hin- und Herbeugen wird schwerfälliger und langsamer. Beim rechten Arm, mit dem ich anfange, erreiche ich mit Leichtigkeit die Zwanzig. Bevor ich zum linken Arm überwechsle, trinke ich einen Schluck Tee. Ich nehme wieder das Eisen. Ab der zwölften Beuge schreit mein linker Arm um Gnade. Bei der Siebzehnten unterbreche ich, genehmige mir einen weiteren Schluck und stecke das herumliegende Telefon in die Buchse. Habe ich am 27. September überhaupt telefoniert? Ich erledige jetzt die restlichen, drei Armbeugen. Ich will meine Hose anziehen. Im Inneren der Hose liegt noch die Unterhose von gestern. Eine gelbe Bremsspur zwischen den beiden Öffnungen für die Beine. Ich gehe mit der dreckigen Unterhose in das Nachbarzimmer und werfe sie auf den Haufen schmutzige Wäsche, die ich in den nächsten Tagen zur Wäscherei bringen will. Im Rundfunk wird diskutiert: soll sie Türkei der EU beitreten? Ich gehe zu einem Birkenholzstehpult, das von mir als Wäscheschrank missbraucht wird, hebe die Klappe, hole mir eine saubere Unterhose und ziehe sie mir gleich an. Die Türkei hat nie zu Europa gehört – meint eine betont distinguiert klingende Altdamenstimme. Ich ziehe die Jeans an und das blaue T-Shirt von gestern. Die Türkei hat eine islamische Tradition. Ich ziehe mir Turnschuhe aus braunem Wildleder mit weißen Streifen und weißen Schnürsenkeln an. So sahen die Schuhe der chilenischen Fußballmannschaft in den Fünfzigern aus. Europa hat jüdisch – christliche Traditionen. Ich schließe die Wohnungstüre auf. Die Türkei ist ein untrennbarer Teil Europas. Ich sehe in der Küche nach, ob der Herd abgestellt ist. Ich mache das Radio aus. Mir fällt wieder der Film ein. Das zum Püppchen erstarrte Mädchen, das um sein ganzes Leben betrogene Mädchen, der schwer gealterte Zwerg rammt das Messer in die Halsschlagader des Vaters. Der Verwachsene wartet auf die große Rache. Zwei rätselhafte, alte Frauen lachen und lachen.
Ich verlasse mein Heim und werfe die Türe zu. Ich stehe im Treppenhaus. Das weinrote Holz des Bodens und des wie die Balustraden in Barockpalästen geschnitzten Treppengeländers. Das durch die Jahrhunderte schwarz gewordene Gemäuer der Palazzos. Nicht in das Schwarz des Wassers fallen! Der Tod wartet auf den Unaufmerksamen. Kalte, dunkle Fluten aus vergangenen Jahrhunderten. Das milde, frühherbstliche Sonnenlicht scheint auf das bröckelnde Weiß der Treppenhauswände. Kleine Löcher. Flecken im Verputz. Der Boden des Hinterhofes ist schon angefüllt mit gelbem Laub. Der verzweifelte Vater irrt durch das Labyrinth verfaulender Kanäle und verlassener Paläste. Im Zentrum liegt die tödliche Falle.
Ich öffne den Briefkasten. Eine Telekomrechnung wartet auf mich.
An einem kühlen, sonnigen Oktobervormittag besichtigte ich das Haus, in das ich am 1. November 1984 eingezogen bin. Eine Katze mit leuchtenden Augen blickte mich an, öffnete das Maul – die scharfen Zähne und das Rot des Inneren wurden sichtbar. Dann verschwand sie lautlos. Eine Traumerscheinung. Die Wohnung, die ich 1984 bezog, lag im Tiefparterre. Sie war in die Erde eingelassen. Sie roch vermodert. Wenn ich nach Hause kam und meine Gruft betrat, fühlte ich mich wie ein Vampir.
Ich öffne die schwere Flügeltüre, die zur Straße hinausführt und stehe auf der verkehrsreichen Urbanstraße. Gegenüber meinem Haus auf der anderen Straßenseite steht ein Block mit Apartmenthäusern aus den Sechzigern, sonst sieht man hier nur Altbauten aus Kaisers Zeiten. Graue und dunkle Fassaden mit von Autoabgasen verdorrten Bäumchen davor. Ein Radfahrer klingelt nervös und eilt weiter zur Blücherstraße. In meinem Haus ist zur Straße hin im Tiefparterre ein hinduistischer Tempel untergebracht. Ein zart gelber Elefantengott mit erregtem Rüssel. Ganesha – glaube ich, heißt der Gott. Eine Stupa mit im Winde flatternden Fahnen unter stahlblauem Himmel.
Ich lasse die Haustüre ins Schloss fallen und gehe Richtung Blücherstraße. Ein Torbogen von etwa 1880 führt zu einer freien Fläche der Wasserwerke. Auf einem Fahrrad mit gelben Satteltaschen kommt mir der Briefträger entgegen. Das Laub an den Bäumen ist bunt und dicht. Das Gelb und Blau des Edeka-Ladens. An der Bushaltestelle stehen zwei junge Frauen, weit voneinander stehend mit gewollt kalt blickenden Augen erlösungssüchtig in die Ferne zum in ihrem Blickfeld noch gar nicht erscheinenden Bus. Sie sehnen sich eine Idee zu sehen, die bald Gestalt gewinnt. Vielleicht stehen sie heute und jetzt immer noch da? Vielleicht stehen sie noch in vielen Jahren noch dort – alt, aber immer noch weit auseinander stehend und genauso erlösungssüchtig? Vor der Eckkneipe stehen in der warmen Septembersonne Tische und Stühle. Zwei Männer in den späten Sechzigern, der eine mit einem grauen Pferdeschwanz und in Lederweste, der Andere mit grauem Haarkranz und in roter Windjacke unterhalten sich und trinken dabei ihr Bier in Kugelgläsern. Beide haben grobe, von Runzeln übersäte Visagen – ja, Visagen. Die Nase des Pferdeschwanzinhabers ist krebsrot und übersät mit kleinen Knoten. Hoch die Tassen! Der immer gleichmäßige Verkehr. Der Grünstreifen in der Mitte der Blücherstraße. Ich biege in eine Seitenstraße ein und in noch eine Seitenstraße. Keine Altbauten, sondern billige Apartmenthäuser aus den Sechzigern. Die Anlagen am Landwehrkanal. Bäume, Sträucher, ein Fußweg entlang des Abhanges, der zum Kanal herabführt. Herrchen mit Hunden und Fahrrädern. Auf einer Parkbank sieht mich neugierig und geringschätzig ein Rentner an. Bleiches Gesicht. Dünne, weiße Haare. Weiße Jacke und hellbeige Stoffhose. Diese bemühte Helligkeit ist von einer quälenden Nüchternheit. Es ist die Nüchternheit entschlossener Geheimnislosigkeit. Die deutschen Rentner sollten sich lieber schwarz anziehen. Bei dieser penetrant tageshellen Nüchternheit denke ich an fade Kaffeefahrten, Apothekerrundschau, Wim Tölke. Die vormittäglichen Flure von Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arztpraxen sind weiß, vielleicht noch etwas beige und grau. Der Alltag ist eine klinisch saubere Verödung.
Ich überquere eine Straßenkreuzung und gehe zum Halleschen Tor. Ein Notarztwagen am U-Bahneingang mit flackerndem Blaulicht. Ein Kreislaufkollaps eines gestressten Verwaltungsangestellten, der noch schnell in der allzu knapp bemessenen Mittagspause zusammengebrochen ist? Er hatte heute noch einige, wichtige Termine. Sehr wichtige Verabredungen, wichtig für sein berufliches Vorankommen. Er hat noch einige bedeutende Termine in den nächsten Tagen. Sehr Wichtige! Er wird die nächsten Tage im Krankenhaus verbringen. Er wird zur Untätigkeit verurteilt sein. Vielleicht ist ein Betrunkener mit Alkoholvergiftung gefunden worden? Der Alltag ist grau und elend! Rot und tödlich!
Ich überquere die Straße und eile eifrig weiter zur AOK. Ich habe Kohldampf und eile zur AOK-Kantine. Ich könnte irgendeinen vorbeilaufenden Passanten oder Köter anfallen und aus dessen Körper ganze Fleischstücke herausbeißen und verschlingen. Bei den Bauhütten am Parkplatz spricht ein drahtiger Arbeiter mit blauem Helm in der einen Hand in eine Hütte, deren Türe er die ganze Zeit mit der anderen Hand offen hält. Sein großer Adamsapfel unter dem sprechenden Mund sinkt und steigt die ganze Zeit rauf und runter. Ein klobiges Kinn und eine fleischige Nase. Der Mann grinst die ganze Zeit so zynisch.Kleine, fiese Augen blitzen von Häme. Ich laufe über den Parkplatz vor der AOK. Ich fühle mich leer. Meine Adern sind ausgetrocknet. Die Farbe der Leblosigkeit ist ein leicht stechendes Hellgrau. Der Benzingestank und das blinkende Metall der Autos.
Es öffnet sich die Glastüre zur AOK. Die beiden Flügel öffnen sich gehorsamst bei meinem Eintritt. Vor mir erstreckt sich eine geometrisch schmucklose Empfangshalle. Links das Empfangsbuffet mit jungen Empfangsdamen in Businesskostümen, die sitzend in irgendwelchen Papieren blättern.
Rechts kommt ein Fahrstuhl an, öffnet sich und drei Leute steigen aus und fünf andere Leute steigen ein. In einem im Fahrstuhl angebrachten Spiegel sehe ich eine unscheinbaren Kerl, schon in fortgeschrittenem, mittlerem Alter, den ich plötzlich als mich selbst erkenne. Ganz benommen gehe ich weiter und es öffnen sich vor mir die beiden Flügel einer anderen Glastüre. Ich gehe weiter, sehe durch eine offene Türe in einen sonnenüberfluteten, für den Publikumsverkehr gesperrten Gang, öffne mit eigener Kraft eine weitere Türe und befinde mich endlich in der Kantine der AOK. Ich nehme Tablett und Besteck in die Hand und stelle mich an der Theke an. Ich sehe eine gebratene Ente in brauner Sauce mit Knödeln für 5,50 Euro. Ist mir eigentlich zu teuer. Ich versuche von meiner Postion als Letzter einer Schlange von fünf Leuten die anderen Gerichte zu erkennen. Ich sehe nur Teller mit Gelb-, Grün- und Brauntönen. Die Frau vor mir, Ende fünfzig, mit billigem, rosafarbenem Mäntelchen, macht sich – scheint mir – bereit, mich zu tadeln. Sie sieht nicht zu mir, sondern blickt fast zu angestrengt auf irgendetwas vor ihr. Mir scheint, sie belauert mich aus den Augenwinkeln. Sie wartet geradezu darauf, dass ich mich vordrängle. Sie hofft es geradezu. Sie hat immer wieder die Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen erfahren. Sie ist immer zu kurz gekommen in ihrem Leben. Sie sieht niemandem frontal ins Gesicht – niemals. Man kann dabei die lieben Zeitgenossen bei ihren Lumpereien ertappen. Sie lässt sich nicht mehr in ihrem Leben beiseite stoßen – hat sie sich fest vorgenommen. Sie legt sich beim Belauern meines unbefugten Vordringens einen zuschlagenden, einen meine Würde zertrümmernden Satz zurecht, der ihr bei meinem unberechtigten Vordringen einfallen wird. Der Satz sollte verletzen, aber er sollte beim Feind keine Überreaktion herausfordern oder, was noch wichtiger ist, er sollte die Umstehenden nicht auf die Seite des Feindes treiben.
Ich erblicke Rührei mit Rahmspinat für 3,80 Euro. Das ist mein Essen. Ich reihe mich wieder hinter ihr ein – leider. Entschuldigung! Ich glaube eine leichte Enttäuschung bei ihr zu spüren. Sie blickt jetzt frank und frei mit geradezu strahlend freundlichen Augen zu den beiden weiblichen Kantinenangestellten. Geradezu Liebe heischend. Ihre Backen strahlen. Sämtliche Backen an ihrem Körper strahlen jetzt – kann ich mir vorstellen. „Mahlzeit!“ -sagt die Angstellte. „Mahlzeit! Bitte! Ein Rührei mit Spinat!“ Die Frau vor mir, eingehüllt in ihr rosa Mäntelchen mit riesigen Perlmuttknöpfen – die Knöpfe sperren wie eine Schutzvorrichtung ihren Körper in den nie und nimmer zu öffnenden Mantel ein – lächelt das kalte, siegesgewisse Lächeln eines Menschen, der noch weiß, was sich gehört. Das angenehme Bewusstsein im Einklang mit – es mag jetzt altmodisch klingen – Sitte und Anstand zu leben. Sie bekommt ihr Essen gereicht. „Danke“ haucht sie und macht dabei unwillkürlich einen Knicks. Ein Lächeln, in dem ihr Gesicht kalt aufblitzt, huscht schnell über ihr Gesicht. Plötzlich gefriert ihr Lächeln und sie blickt wieder aus den Augenwinkeln in meine Richtung – scheint mir. „Jott, hab ick Kohldampf!“ – dröhnt es direkt hinter mir. Ein kräftiger Arm mit Tatoos – Weiber voll die Titten – knallt ein Tablett auf die Metallschiene entlang der Speiseausgabe. Ich beobachte aus den Augenwinkeln, wer sich hinter mich gestellt hat. Nur nicht frontal ins Gesicht sehen! Hinter mir stehen Raubtiere – brutale Bestien, die es gewohnt sind mit den bloßen Armen ganze Stahlträger zu zertrümmern. Ich wage es nicht Ungeheuer unnötig zu reizen. Zwei Arbeiter – wohl von der Baustelle am Parkplatz – stehen hinter mir. Ein Jüngerer direkt hinter mir – große, markante Nase, Kinn wie zum Betonpfeiler zermalmen, blaue, verträumte Kinderaugen und die Träume auf die Arme tätowiert. Der Andere – etwas älter – schütteres, dunkelblondes Haar, schon nicht mehr ganz schlank. „Mahlzeit!“ Ich bin aus meinen Gedanken gerissen. Die Angestellte sieht mich ungeduldig an. „Ich nehme Rührei!“ – sage ich und erhalte mein Essen. Ich bezahle und steuere dann einen Tisch nahe am Ausgang an. Ein kleiner Tisch nur für mich mit drei Stühlen. Ich interessiere mich nicht weiter für meine Umwelt und spachtle.
„Man möchte doch auch mal ins Musical oder gepflegt essen gehen“ – höre ich vom Nachbartisch. Ich schütte Pfeffer über die Rühreier. Das glitschige Gelb und Weiß wird mir gleich ganz weich – angenehm weich – auf der Zunge liegen. Die Zähne werden sie klein beißen und keinen Widerstand spüren. Die Sanftheit der Eier wird sich der blanken Härte der Zähne hingeben. Das Dunkel des Schlundes wartet auf mein Mahl. „Abends kommt er von der Arbeit nach Hause – nach Schweiß stinkend und noch in verdreckter Arbeitskleidung, dass auch ja die ganze Wohnung voll Erde ist – der Herr hat es ja nicht nötig sich nach der Arbeit zu waschen und umzuziehen. Er rennt dann gleich, nach dem er eingetreten ist zum Eisschrank, holt sich ein Bier, pflanzt sich auf das Sofa, wechselt ohne mich zu fragen das Fernsehprogramm. Entweder Sport oder einen Krimi.“ „Naja, er arbeitet ja den ganzen Tag hart und braucht dann am Abend Erholung. Du darfst ihn nicht überfordern. Danach, nachdem ihr im Bett die Nachtischlampe gelöscht habt, habt ihr sicher euren Spaß.“ Das Ei ist würzig und liegt und schmiegt sich sanft gegen Gaumen und Zunge. Die beiden jungen Frauen sehen sich tief und bedeutungsvoll in die Augen und brechen plötzlich in schallendes Gelächter aus. Zwei Frauen biegen sich und können sich nicht halten vor Lachen. Fließt aus Ei und Spinat in flammendem Rot das Blut? Ich führe Spinat in meinen Mund. Er ist schön cremig. Spinat -die reine Gesundheit. Viele Kinder hassen ihn und werden dazu verdonnert ihn sich einzuverleiben – die reine Kraft der Natur. „Man will ja beruflich und auch sonst reifemäßig – wenn du verstehst – weiterkommen im Leben und da zählen Niveau und Stil.“ Sie hält geziert wie eine Ballerina, deren eine Hand bei einer gar zu gespreizten Bewegung im Krampf erstarrt ist, ihre linke Hand in der Luft. Der Dessertlöffel hängt ihr etwas ratlos zwischen zwei Fingern und droht mit einem lauten Scheppern auf den Boden zu fallen. „Entschuldigung, darf ich helfen?“ Die schnelle Hand eines jungen Mannes Anfang Dreißig, den mageren Körper in einen eleganten, dunkelblauen Anzug gekleidet, nimmt der jungen Frau den Löffel aus der Hand, die sich gleich aus ihrer Erstarrung löst und den Weg heim zum Körper ihrer Herrin zurückfindet. „Darf ich mich setzen?“ – fragt höflich mit einem fröhlichen Zwinkern in seinen Augen der junge Mann – Nickelbrille und solider Fassonschnitt – stellt ohne eine Antwort abzuwarten sein mit einem Teller beladenes Tablett auf den Tisch der beiden jungen Frauen. Sie nicken lächelnd. Es zählen Niveau und Stil. Ich bin mit Futtern fertig und stehe auf. Ich verlasse die Kantine.
Ich überquere die Stresemannstraße und gehe Richtung Möckernbrücke. Das Laub an den Bäumen ist noch grün, aber gelb, rot und braun erobern die Landschaft. Der Himmel leuchtet blau. Rot leuchtet die Kapuze des zornigen Zwerges, spitz in den Himmel weisend. Fängt der Film heute um 19h oder um 20h an? Ich habe ihn schon vor vielen Jahren schon gesehen und war begeistert. Ein Motorradfahrer mit wuchtigem, schwarzem Helm fährt auf einer schwarzen BMW-Maschine an mir vorbei. Das Visier ist herabgelassen. Der in eine schwere Motorradlederjacke wie in eine Rüstung gesperrte Körper ist straff nach vorne gebeugt. Der schwarze Ritter zieht in den Krieg. Der Kleine sticht zu und der Held lässt zum letzten Mal reißende Ströme fließen. Zwei undurchsichtige Greisinnen erklären dem Vater der Toten seine Fähigkeit zu Vorahnungen und seine Fähigkeit die Toten zu sehen. Vor dem Fenster einer verwahrlosten Villa im Herbst schaukelt ein Kind auf einer Schaukel.
Auf der Stresemannstraße hantiert ein Jongleur vor den an der Ampel stehenden Autos mit Kegeln. Ich überquere die Straße. Das blicklose Gesicht einer alten Frau lächelt. Die Pupille zerläuft.
Ich betrete einen Bäckerladen. Mittags kommen immer die Angestellten aus den umliegenden Büros und man muss, um etwas einzukaufen, Schlange stehen. „Ich hätte gerne zwei Brezeln!“
„1,40 Euro, bitte!“ – sagt die Verkäuferin – eine junge Türkin. „Danke!“ Der Vater wird geschlachtet. Die Söhne sterben doch nicht vor den Vätern – denke ich befriedigt. In meinem Alter haben andere Männer schon längst Kinder. Ich nehme die Tüte mit den beiden Brezeln und verabschiede mich. „Einen schönen Tag!“ „Danke ihnen auch!“ Auf dem Weg zur Möckernbrücke fange ich an eine Brezel zu essen. Ich habe vor, mich vor der Postbank auf eine der sonnigen Bänke zu setzen und meinen Erwerb zu verzehren. Das Jugendmotel mit dem roten Trabbi im Rasen. Das Hau 2 mit der jetzt noch geschlossenen Gaststätte. Zwei kleine, türkische Jungs kommen mir entgegen. Der Eine der Beiden macht vor mir, indem er herausfordernd zu mir hochblickt, die Geste eines Boxers, der seinem Gegner einen Kinnhaken verpasst. Ich zucke erschrocken zusammen. Der Boxhandschuh – die gepanzerte Faust des schwarzen Ritters, eingeschlossen in hartem Eisen – knallt mit der Wucht eines stürzenden Betonpfeilers in das Antlitz des Opfers. Die strahlend blauen Augen träumen. Weit draußen im Meer sammelt sich die blutrote Flut – weit drinnen im Herzen und den Gedärmen. Das Rot der Krebse und Krabben. Der kleine Junge amüsiert sich köstlich über mich. Ich hasse mich für meine Feigheit.
Ich überquere wieder eine Straße. Das Posthochhaus erhebt sich über bunten Laubbäumen. Ich setze mich auf eine Bank, öffne die Tüte vom Bäcker und nehme die Brezeln heraus und nehme ein kleines Taschenbuch aus der Jackentasche. Das Taschenbuch ist rot mit dickem, schwarzem Rand. Die meisten Bewohner einer alten Reedervilla in Altona wissen nichts von ihrem seit Jahren totgesagten Mitbewohner, der aber garnicht tot ist. Der tote Bruder ist nicht, wie alle Welt glaubt, vor Jahren in Argentinien verstorben. Er lebt nicht, sondern spukt in seinem Wahn auf dem Dachboden der Villa. Die Menschheit, nicht er – er hielt imKriege einem russischen Partisanen eine Mauser ins Maul – hat sich schuldig gemacht. Die entsetzensgeweiteten Augen erscheinen ihm nachts im Dunkel der Villa.
Die U-Bahn nähert sich ratternd der U-Bahnstation Möckernbrücke. Die Menschheit muss sich vor dem Gericht der Krabben verteidigen – nicht er. Ich stehe von der Bank auf und gehe weiter Richtung Möckernbrücke, gehe weiter in die Richtung zu den Grünanlagen quer gegenüber des Technikmuseums. Vor dem Familiengericht steht ein junger Mann und eine junge Frau so betont einander abgewandt nebeneinander – Trennungsstrich! Trennungsstrich! Dass es nur jeder sieht! Man könnte sie für Schauspieler halten, die als Sinnbild für Scheidung engagiert sind. Der Schlächter von Smolensk. Er brennt vor Liebe zu Deutschland. Deutschland ist abgebrannt. Es ist verelendet. Es wird von den Siegern in den Dreck gedrückt – mit der Schnauze voll in den Dreck. Die Deutschen werden in wenigen Jahren ausgerottet sein wie Tasmanier oder Neandertaler. Er traut sich nicht aus seinem Versteck, weil er beim Anblick des Elends seines Vaterlandes – bettelnde, stinkende Straßenkinder mit blonden Haaren; verwilderte Greise, unterwürfig vor Hunger und Todesangst -des Landes, für das er gekämpft hat, zusammenbrechen würde. Das Gericht der Krabben. Die Scheren und Klauen der unruhigen Krabben. Für ihn zerbricht die Welt, als er vom Wirtschaftswunder erfährt. Ein roter Porsche mit aufgeklapptem Dach fährt an mir vorbei. Die Deutschen schlemmen. In Schaufenstern prangen mit Krabben und Hummern überhäufte Tabletts. Den Deutschen schmeckt es! Der fette Deutsche rülpst selbstzufrieden. Der Schlächter von Smolensk ist ein Mörder. Er gehört nicht zu Deutschland.
Ich überquere die Straße und laufe in den Anlagen den geteerten Fußweg zu den Sitzbänken. Das BVG-Gebäude – ein Kasten aus Glas und Beton – steht am anderen Ufer des Landwehrkanals. Sein Vater bewundert ihn. Der Bruder des Schlächters ist kein Schlächter, sondern ein solider, grundanständiger Rechtsanwalt, der sich nie und es wird auch nie dazu kommen, etwas zu Schulden hat kommen lassen. Er schaut zu seinem Vater auf – hoch hinauf. Der Vater schaut zu ihm herab. Die Söhne sind das Produkt des Vaters. Die Brüder sehen sich gegeneinander ins Gesicht und sehen nur das Gesicht ihres Vaters. Der Schlächter von Smolensk hat aber seine Morde und Folterungen. Sie sind ganz sein Eigen. Er ist nicht mehr der Sohn seines Vaters, sondern der Sohn seines Mordes. Sein Mord hat ihn gezeugt. Der schwarze Ritter zieht in den Krieg.
Die blanke Klinge des Messers schnellt hasserfüllt durch die Halsschlagader des Vaters. Ein junger Motorradfahrer mit verschlossenem Integralhelm – statt Haut und Fleisch sieht man das Glänzen des Visiers – rast auf seiner schweren BMW-Maschine die Straße vorwärts. Die Söhne sterben mit den Vätern. In der Ethik könnte man den Gegensatz Gut – Böse durch den Gegensatz Selbstentfremdet – Eigentlich – oder besser gesagt zu sich selbst entschlossen – ersetzen, denke ich, könnte der Philosoph denken, wenn ich nicht alles missverstanden habe. Die Blätter der Weide sind noch grün. Von irgendwoher schwebt langsam ein gelbes Blatt zu Boden. Es ist nicht mehr heiß wie im Sommer, aber noch sehr warm. Ich stecke das Buch in die Jackentasche. Der Sohn lernt seine Schuld verstehen – seine Verbrechen sind sein Eigenes. Sie zu leugnen, bedeutet sich selbst abzuleugnen. Der Vater, der an die Nazis Kriegsschiffe verkauft hat und ein Grundstück, auf dem die Nazis ein KZ gebaut haben, versteht seine Schuld. „Wir haben die Nazis gehasst. Wenn wir den Führer verehrt und geliebt hätten, was hätten wir ihm noch mehr geben können, als wir ihm schon gegeben haben. Ich habe für ihn getötet und gefoltert und du hast Schiffe geliefert. Hätten wir Hitler geliebt, was hätten wir ihm noch schenken können.“- sagt der Henker. Die Väter sterben mit ihren geliebten Söhnen. Vater und Sohn rasen gemeinsam mit einem Sportwagen in den Tod. Das immer gleichmäßige Rauschen des Straßenverkehrs. In den Anlagen riecht es feucht und vermodert. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der überall etwas verfault und verwest. Ohne, dass ich sie sehe, sind um mich Würmer, Larven, Schnecken. Glitschig. Schweiß und Nässe aussondernd. Das Wasser des Landwehrkanales ist schwarz und steht. Niemand kann sich in diesem Wasser erquicken. Das Meer mit seinen Brandungen ist weit weg. Eine Ratte huscht ängstlich über den Weg. In der Feuchtigkeit des Herbstes löst sich alles auf. Alles Leben kehrt zum Schlamm zurück. Es wird Abend. Ich möchte heute noch ins Kino und stehe von der Bank auf und laufe zum Mendelssohn-Bartholdy-Park auf.
Auf der Rasenfläche des Mendelssohn-Bartholdy-Parkes spielen zwei Jungs Fußball. Ein Hund rennt dem Ball hinterher – hin und her, her und hin – und versucht ihn vergeblich mit der Schnauze zu schnappen. Die Buben scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, das arme Hündchen zu tratzen. Die kleine Zunge des Tieres leuchtet rot im offenen Maul. Der wolkenlose Himmel strahlt blau. In München wird das Oktoberfest gefeiert. Als Kind ging ich unter dem vor Bläue geradezu knisternden Himmel zum Oktoberfest. Ich fuhr mit einem holpernden Wagen rasend schnell durch eine mit Grabkreuzen und Totenköpfen geschmacklos bemalte Flügeltüre in das Dunkel der Hölle. Undurchdringliche Finsternis. Ich fuhr weiter durch das Schwarz und ich begann mich zu langweilen. Plötzlich blitzte ein weißes Skelett mit Sense auf, die es in meine Richtung schwenkte. Der Wind der sich mir nähernden Sense streifte mich. Sofort wurde das Skelett vom Dunkel verschluckt. Ich fühlte mich wieder wie in einem Grab tief in einem zusammengestürzten Bergwerksstollen. Es wurde nicht hell. Der Wagen stand still und fuhr nicht weiter. Warum ging es nicht weiter? Ein Mädchen, das meine Schwester hätte sein können, drehte sich in schwindelerregender Geschwindigkeit. Gesicht und Körper waren reglos wie bei einer Puppe. Das Kind war erstarrt. Unter dem Kreuzgewölbe einer gotischen Kirche. Ein wuchtiger Schlag. Mit einem Krachen schlug der Wagen die Flügeltüre zur Außenwelt auf und der Schein der Septembersonne errettete mich. Das Fahrzeug hielt abrupt. Ich stieg aus und war der Held, der die Hölle durchquert hatte.
Ich überquere den Rasen, achte darauf, dass mir nicht der Fußball gegen den Schädel knallt. Der kleine Hund rennt neben mir und kläfft ganz empört zu mir hoch. Er denkt wohl, dass ich ebenfalls hinter dem Ball her bin. Aber Pustekuchen! Was interessiert mich der blöde Ball? Ich überlege noch, ob ich bei Plus noch eine Dose Erdnüsse und etwas Obst – Äpfel und Bananen – für die nächsten Tage einkaufen soll. Aber ich entscheide nichts zu kaufen. Es ist unangenehm und sieht albern aus im Kino mit einer vollen Plastiktüte dazusitzen.
Ich gehe die Straße rauf zum Potsdamer Platz. Berlin ist hier eine moderne, sehr moderne Stadt. Kleine, sehr junge Bäume säumen den breiten Mittelstreifen der Straße. Auf dessen mittleren Linie ist eine Art Damm aus Gras und Erde aufgehäuft. Auch hier spielt eine Gruppe junger Ausländer Fußball. Ich laufe auf dem Kies des Fußweges. Die Gebäude an der Straße und an den Nachbarstraßen sind nach der Jahrtausendwende erbaut worden. Große Reisebusse stehen vor einem geräumigen, weißen Kasten, der ein Hotel darstellt. Gegenüber erhebt sich ein Hochhaus, dessen Fassade mit weinroten Steinplatten bedeckt ist. Krabben. Das Fleisch dieser Tiere ist rosa bis hellrot. Krebsrot. Krebsrote Scheren. Als Kind aß ich an den Weihnachtsfeiertagen zart rosa Krabben aus Grönland. Das angenehm weiche Fleisch umschmeichelt die zubeißenden Zähne. Der faulige Fischgeschmack in der Mundhöhle. Glitschige Fische im dunklen, kalten Wasser zwischen weißen, scharf schneidenden Eisflächen. Mein Maul ist keine tiefgefrorene Eishöhle. Mein Futter, das mein Innerstes nährt, kommt aus der lebensfeindlichsten Fremde. Krabben kommen aus den Eiswüsten und sind teuer. Kaviar kommt aus den Tiefen des Kaspischen Meeres und ist nicht zu bezahlen. Klitzekleine, schwarze und rote Kügelchen. Ich denke an Sperma. Die modrige Feuchtigkeit eines Samenergusses. Einzelne, gelbe Blätter fallen von den Bäumen. Sie sind schmutzig. Die Kügelchen. Die Existenz offenbart sich im Ekel. Der Kies knirscht unter meinen Schuhen. Der Ekel vor dem Fischigen erweckt in mir den Appetit. Die ausdruckslosen und gefühllosen Gesichter an Fischköpfen beunruhigen.
Ich blicke auf das Display meines Handys. Der Film fängt gleich an. Ich sollte etwas zügiger voranschreiten. Die Wolkenkratzer des Potsdamer Platzes. Ziegelfarbige Hochhäuser. Ein anderes Gebäude ist bronzefarben. Glas und Beton. Die Straßen sind belebt, aber es ist gewissermaßen eine künstliche Belebtheit. Ein Freilichtmuseum für bummelnde Touristen. Landessprachen sind hier Englisch und Schwäbisch. Die Kellner und selbst die Straßenkehrer wirken wie verkleidete Angestellte vom Fremdenverkehrsbüro um normalen Großstadtalltag nachzuäffen. Unter uns gesagt, die Kellner und Straßenkehrer sind verkleidete Statisten. Das ist hier nicht einmal ein falsches oder gekünsteltes Berlin, sondern es sind die Kulissen für das Stereotyp der modernen Weltstadt an sich. Berlin will New York, London oder Tokio sein. Internationalität, Weltläufigkeit. Glas und Stahl. Du streichst mit dem Finger über die Fassaden und alles ist so schön glatt.
Ich stehe vor der Glaswand und ich durchquere sie. Lautlos heben und senken sich die Aufzüge aus Glas. Schneewittchen ruht in einem Glassarg. Ein Glasfahrstuhl taucht von unten herauf, öffnet lautlos die Türe, damit ich einsteigen kann. Der Lift meint mich – wirklich mich – und steht mir zu Diensten. Der Deckel des Glassarges schließt sich über Schneewittchen. Ich sinke lautlos in die Tiefe – ganz tief hinab – in mein Grab weit unter dem Erdmantel. Stumm schleicht eine Katze aus einem Traum. Das geöffnete Maul leuchtet signalrot. Die Lifttüre öffnet sich wieder dienstfertig. Ich gehe zur Kasse und kaufe die Eintrittskarte. Filmplakate für Eisensteinfilme. Zar Iwan der Schreckliche im Profil. Ein Muschik kniet im Schnee, die Blicke aufgerichtet zum Allmächtigen und schlägt ein Kreuz in die Luft. Ich betrete den Kinosaal und pflanze mich in den purpurnen Plüsch eines Kinosessels. Im Saal wird es dunkel. Schwarz wie die Nacht, die die Traumbilder zeugt.
Ein Junge und ein Mädchen spielen in düsterer Herbstlandschaft. Grauer Himmel und Nieselregen. Das süß-kalte Frätzchen einer leblosen Puppe – Papis Liebling – versinkt im Wasser. Vom Vater zu Tode geliebt. Blut strömt und strömt. Die alte Kirche in Venedig versinkt in den Fluten des Blutes. Der Vater kann für sein Kind nichts tun. Zerrissen vor Schmerz hält er den kleinen Leichnam in den Armen. Die Krabben halten Gericht über die Menschen. Die Kamera verfolgt jede Bewegung meines den Blicken gnadenlos ausgelieferten Körpers. Sie halten Gericht über die Menschen. Eine alte Villa. In einem verkommenen Park schaukelt ein nie gelebt habendes, unsichtbares Geisterkind. Es ist nur für Begnadete sichtbar. Das Gesicht einer Greisin mit erstarrtem Lächeln. Die leuchtend blauen Pupillen zerlaufen. Der Vater verfolgt seine tote Tochter durch die menschenleeren Gassen. Sie dreht sich um. Der zu frühe Tod lässt sie nicht erwachsen werden und lässt sie sich in eine uralte Zwergin verwandeln. Die Rachsucht lässt sie nicht sterben. Kalter Stahl durchschlägt meine Halsschlagader. Das Gericht der Krabben hat sein Urteil über den Vater gesprochen. Weit draußen im Meer sammelt sich die todesrote Flut. Tief in den Innereien meines Leibes. An Land geht ahnungslos der Alltag weiter. In den Schulen lernen die Schüler. Hausfrauen kaufen für nie stattfindende Mittagessen ein. Auf den Baustellen werden nie fertig werdende Häuser gebaut. Gefrierende Härte durchschlägt die Halsschlagader des Vaters.
Der Film endet und ich kehre heim in die Nacht.

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© 2022 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Etwas in uns will raus

Von Michael Wiedorn

Sind es Wespenschwärme, die im Körperinneren meiner Mutter herumschwirren? Durch die Herzkammern, durch die Eingeweide, durch die Hirnwindungen. Unter ihrer Gesichtshaut sehe ich mehrere sich ständig hin und her bewegende Blasen und Beulen. Sie sind eingesperrt und suchen verzweifelt einen Ausweg. Im stillen Zimmer hört man nur kaum hörbares Wespensummen. Meine Mutter schwitzt vor Schmerz und Angst. Sie sitzt reglos da und gibt keinen Laut von sich. Sie hält es für angemessen die Qual in sich hineinzufressen. Ihr Körper müsste sich in unzählige Wunden und Schwellungen auflösen. Nur ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie kommt mir wie ein trauriges, geduldiges Tier vor.
Ein gedemütigter, hässlicher Hund mit schlapp herabhängenden Ohren und nass stinkendem Fell folgt mir auf Schritt und Tritt. Er läuft mir zwischen den Beinen, dass ich immer wieder stolpere und er versucht mich immer wieder abzuschlecken. Das Tier braucht dringend Hilfe und möchte mir mit seiner schlabbernden Zunge über das Gesicht lecken. Lecken und Schlecken lassen nährendes Leben verschwinden.
Ich laufe eine Straße in unmittelbarer Nachbarschaft meines Geburtshauses entlang. Der Himmel ist von Rauchwolken geschwärzt. Es muss etwas Furchtbares mit dem Haus meiner Kindheit geschehen sein. Der Hund läuft vor mir her, als würde er mich wohin führen. Er wendet immer wieder den Kopf zu mir zurück und blickt dabei flehentlich zu mir hoch. Es wäre mir peinlich, wenn ein zufällig Vorbeikommender denken würde, ich und das Tier würden zusammengehören. Plötzlich ergreift irgendetwas meinen Führer in seinen Eingeweiden und er bleibt stehen. Sein Körper verkrampft sich und lässt einen ganzen Strom von Blut und Eiter herausstürzen. Mein Begleiter entlässt etwas unendlich Ekelerregendes in die Außenwelt, das von Giftigem wimmelt und nahezu glitzert. Das Entsetzliche des Lebendigen. Die Beine des Hundes brechen ein. Er wird gleich verenden. Er liegt im Sterben. Nur ich hätte ihm helfen können. Seine verlöschenden Augen blicken mich so bittend an. Ich bleibe steif und kalt stehen. Die Berührung mit dem Sterbenden und seinen Ausscheidungen wäre mein sicherer Tod.
Ich ziehe in eine andere Wohnung. Eine alte, grauhaarige Säuferin mit sanftem Mondgesicht und dem faden Geruch nach miefender Unterwäsche, die vorher hier lebte, schaut neugierig bei mir vorbei. Ein roter Ausschlag frisst ihre Lippen und die rechte Backe. Plötzlich packt es mich und ich gebe ihr unvermittelt einen Kuss. Mir wird klar, was ich eben getan habe und ich schäme mich zu Tode. Sie starrt mich befremdet an und verschwindet schleunigst aus meiner Wohnung.

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© 2022 Michael Wiedorn
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Die Erde als Würfel

Von Andreas Rüdig

Der Deutsche Verein für mögliche Alternativwelten lädt für den morgigen Donnerstag zu einem Vortrag ein. Arvid Freiherr vom Samland geht der Frage nach: „Ist die Erde ein Würfel?“ Ort des Geschehens wird das Institut für Exogeologie an der Alternativwissenschaftlichen Universität in Mönchengladbach sein.
Freiherr vom Samland? Freiherr vom Samland? Ist das dieser landadelige Hochstapler aus Ostpreußen, der mit dem Verkauf von Bernstein ein Vermögen gemacht hat? Genau derselbe.
„Ich habe mich lange Zeit mit der Theorie der flachen Erde beschäftigt,“ führt der Ostpreuße in die Thematik ein. „Der zufolge hat die Erde ja eine flache und kreisförmige Gestalt. Ihre Größte hat die des alten Römischen Reiches (einschließlich des damaligen Germaniens und des Slawenreiches bis zum Ural). Die Erde war von einer Mauer umgeben, so daß die Meere nicht auslaufen konnten, weil das Wasser – wie in einem Schwimmbecken – an seinem natürlichen Ursprungsort gehalten wurde.
Die Erde, wie wir sie heute kennen, gilt bei den Flachwelttheoretikern als phantasievolles Hologrammprodukt,“ führt vom Samland in seinen geistig-beruflichen Lebenslauf ein. „Papperlapapp,“ schob er damals alle Widerrede konsequent beiseite. „China, Amerika, und all´ die anderen Länder waren damals reine Phantasieprodukte für mich.“
Ein Umdenken begann, als der Zauberwürfel in den `80er Jahren aufkam und zeitweise sehr beliebt war. Man kann ihn drehen und so neue Farbkombinationen zusammenstellen. Man kann mehrere Zauberwürfel nebeneinanderlegen und so den Eindruck erwecken, daß es beispielsweise eine größere Fläche gibt oder der Würfel in die Höhe wächst.
Und dann ist da ja noch das Bernstein. Manchmal sind Insekten eingeschlossen, manchmal Blätter und andere Pflanzenteile.
Irgendwann begab sich der Freiherr vom Samland auf Reisen. „Mir war erzählt worden, daß die gute, alte Seidenstraße eine Wiedergeburt erlebt, zwar von Singapur gefördert, aber immerhin. Also machte ich mich auf die Suche nach neuen Handelswaren – Seide aus China, Gebetsmühlen aus Tibet, fliegenden Teppichen aus Persien (hahaha, kleiner Scherz), Windhunden aus Afghanistan, Diamanten aus Usbekistan oder Porzellan – Fayencen aus Tadschikistan – Sie wissen schon, was die Leute so mögen und kaufen.“
Dann kam der (selbsternannte?) Freiherr nach Samakand. Wie der Zufall es wollte, bot ihm dort ein zweifelhafter Händler Schmuck mit geschliffenen Steinen an. „Das meiste davon war kitschiger Modeschmuck, billig und unverkäuflich,“ so die Einschätzung des Profis. Ein paar noch nicht geschliffene hühnereigroße Steine erregten aber seine Aufmerksamkeit. „Bernstein? In Zentralasien? Im Kaukasus? Ist das möglich?“ fragte sich der umtriebige Mann. Die Antwort überraschte ihn: „Ach, nein, mitnichten ist das Bernstein. Das ist Kitt aus den Scharnieren der Welt.“
Davon hatte der Freiherr vom Samland noch nie gehört. Die Erde sei ein Würfel, wurde ihm bedeutet. Klappstellen zum Zusammenfalten gebe es in allen Hochgebirgen der Welt, den Alpen, Anden, dem Himalaya und eben auch im Kaukasus.
Die Ecken dieses Würfels sind abgerundet und somit nicht spürbar. Die Vorteile des Würfels? Man kann immer geradeaus gehen und umrundet trotzdem die Welt. Man kann Erdteile und Weltmeere je nach Belieben miteinander kombinieren. Und, noch wichtiger: Man kann Äther- und Parallelwelten aneinanderreihen und die Grenzen problemlos passieren. Platz genug dafür ist ja im Weltall.
Die nächste Geschäftsidee von Samlands war geboren: „Stellen Sie sich vor, Sie möchten Urlaub machen, kennen aber schon die ganze Welt und wissen nicht, wohin. Mit meiner Hilfe können Sie Parallel- sowie Alternativwelten kennenlernen, ausspannen und dabei im wahrsten Sinne des Wortes Ihren Horizont erweitern.“
In der Literatur, Religion, Philosophie und politischen Utopie ist es einfach, von anderen, besseren Welten zu träumen und davon zu reden. Doch wie sie im wirklichen Leben beweisen? „Das geht ganz einfach, wenn wir uns auf eine andere Naturwissenschaft einlassen, auch wenn wir sie momentan noch nicht beweisen können,“ ist sich der Freiherr sicher. „Ein Yeti ist auch in den südamerikanischen Anden und im Hochgebirge des Kaukasus möglich. Und die Chemiker sollen sich mal mehr Mühe geben, dann finden sie auch mehr Anti-Materie.“
Welche anderen kruden Ideen der Adelige sonst noch vertritt, soll an dieser Stelle nicht vertreten werden. Sie, liebe Leser, sollen ja zu dem Vortrag kommen. Er beginnt um 18.30 Uhr im Audimax.

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© 2022 Andreas Rüdig
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Lotterschreck 2

Von Johannes Morschl

Früher hatte Lotterschreck an offenen Lesebühnen teilgenommen, wo jede/jeder ihre/seine schriftlichen Ergüsse vorlesen konnte, doch ermüdete ihn die Teilnahme an offenen Lesebühnen immer mehr, diese oft tragischen oder krampfhaft originell sein wollenden Gedichte, oder diese oft banalen bis todlangweiligen Texte, die da vorgetragen wurden. Am schlimmsten fand er die Leute, die sich in Fantasy-Geschichten versuchten. Was kam da für ein hanebüchenes Zeug heraus! Nur selten war bei den Lesungen etwas dabei, das ihm wirklich gefallen hatte und wo er sich gedacht hatte, die oder der habe echt etwas drauf. Er war immer öfter während der Lesungen eingeschlafen. Er war zwar wegen seiner Texte, die er dort vortrug, ab und zu gelobt worden, war sich aber nie sicher, inwieweit das ehrlich gemeint oder bloß Lobhudelei war. Manchmal hatte er den Eindruck, er beteilige sich an einem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Aber immerhin war er da wenigsten ein- oder zweimal im Monat unter die Leute gekommen, und da waren ja auch ab und zu Leute dabei, die durchaus Ahnung von Literatur hatten und mit denen er über Literatur diskutieren konnte, ja sogar über Thomas Bernhard. Dieses geradezu Zwanghafte an Thomas Bernhards Romanen mit den ständigen Wiederholungen schien so manche, die an Literatur interessiert waren, anzusprechen. Wenn man etwa ein Gedächtnisproblem hat, wird man ja in fast jedem Satz von Thomas Bernhard daran erinnert, was das Hauptthema und wer die Protagonisten des Romans sind.

Eine graue Wolkendecke hatte sich über das Viertel, in dem Lotterschreck wohnte, geschoben. Lotterschreck fantasierte, dass es jeden Moment Blut regnen könnte, Blut aus der Ukraine, Blut von ukrainischen und russischen Soldaten, Blut von Zivilisten, Blut von Tieren, die im Kriegsgeschehen schwer verletzt wurden oder zu Tode gekommen waren. Dann begann es plötzlich zu schütten, es kam aber kein Blut aus der grauen Wolkendecke, nur normaler Regen. Es schüttete und schüttete immer heftiger. Es wollte nicht aufhören zu schütten. Thomas Bernhard hätte daraus einen Roman machen können, in dem es von Anfang bis Ende in jedem Satz schütten würde, so stark schüttete es, dachte Lotterschreck. Der Titel des Romans hätte Das Schütten lauten können, entsprechend dem Roman Die Pest von Albert Camus. Aber dann dachte er, dass das Das bei Schütten das Schütten zu sehr verallgemeinern und somit verharmlosen würde. Besser wäre es, den Roman Es schüttet wie aus Eimern zu betiteln. Dies würde seines Erachtens viel eher dem realen Vorgang dieses Schüttens aus der grauen Wolkendecke entsprechen. Da wäre man gleichsam schon beim Lesen des Titels mitten im Schütten drin, würde zum Regenschirm greifen und ihn während des Lesens über sich aufspannen. Lotterschreck holte seinen Regenschirm und spannte ihn über sich auf, legte ihn aber bald wieder weg, da es sich als äußerst unpraktisch erwies, in der Wohnung mit einem aufgespannten Regenschirm herumzusitzen, und erst recht, wenn er schreiben wollte. Er fragte sich, ob schon jemals eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller mit aufgespanntem Regenschirm in der einen Hand, mit der anderen Hand geschrieben hätte, während es draußen wie aus Eimern schüttete.

Dann musste er wiedereinmal an seine letzte Freundin Wanda denken. Was hätte sie zu seinen Überlegungen über das Schütten gesagt? Wahrscheinlich hätte sie einen kräftigen Schluck aus ihrer Flasche mit 40-prozentigem spanischen Brandy genommen, die sie immer in Reichweite stehen hatte, und dann mit ihrer ihn so elektrisierenden Kontra-Alt-Stimme gesagt: „Alter Mann, dir haben sie ins Hirn geschissen. Das kommt davon, wenn man den Genuss von geistigen Getränken verabscheut. Da verblödet man an notorischer Nüchternheit,“ und Ähnliches mehr. Und er wäre von ihrer Stimme wieder hingerissen gewesen, hätte vielleicht sogar eine Erektion bekommen, was bei ihm immer seltener vorkam. Er hatte das Gefühl, innerlich zu vertrocknen und langsam in eine Wüste überzugehen, auch in eine geistige Wüste.

Unwillkürlich musste er an Kafkas berühmte Geschichte Die Verwandlung denken, in der Gregor Samsa eines Morgens aufwacht und merkt, „zu einem ungeheuren Ungeziefer“ verwandelt zu sein. Nach Kafkas Beschreibung dieses „ungeheuren Ungeziefers“ handelte es sich um einen riesigen Käfer. Lotterschreck, der ebenso wie vor Ameisen und Bienen auch vor Käfern großen Respekt hatte und schon das eine oder andere Mal einen Käfer, der ihm im Park über den Weg lief, höflich angesprochen hatte, – zum Beispiel: „Sie sind aber ein Prachtexemplar von einem Geotrupes stercorarius, gemeinhin Mistkäfer genannt!“ -, versuchte nachzuempfinden, wie es sich anfühlen würde, zu einem Käfer verwandelt zu sein. Um dies besser nachempfinden zu können, kroch er auf dem schon ziemlich abgewetzten Teppich in seinem Wohnzimmer herum. Er musste aber sofort einsehen, dass er als Abkömmling der Affen absolut ungeeignet zum Käfer war und es auch niemals schaffen würde, sich voll und ganz in die Existenz eines Käfers hineinfühlen zu können, was er als ein echtes Manko empfand. Sich in einen Affen hinein zu fühlen, das schien ihm viel eher möglich zu sein, da man von den Affen abstammte und nicht nur im Aussehen, sondern auch im Verhalten noch viel Äffisches an sich hatte.

Wenn Lotterschreck sich in der Öffentlichkeit aufhielt, schienen ihm manchmal die Leute, denen er begegnete, bekleidete Affen mit Schuhen zu sein, die sich jederzeit mit äffischer Hingabe am Hintern oder am Kopf kratzen könnten und kreischende Laute von sich geben könnten. Manche schienen auch Mühe mit dem aufrechten Gang zu haben, aber nicht nur Besoffene, sondern auch Stocknüchterne, die sich stocksteif bewegten, sodass man befürchten musste, dass sie bei einer etwas stärken Windböe sofort umfallen würden, oder – grober ausgedrückt – auf die Schnauze fallen würden.

Und unter all diesen Zeitgenossen und -genossinnen war man einsam, ja selbst im dichtesten Gedränge war man einsam. Kein Schwein interessierte sich für einen, so wie man sich umgekehrt ebenfalls für kein Schwein interessierte, zumal man noch dazu Vegetarier oder noch schlimmer Veganer war. Ja früher, als man noch ein junger Spund war, dem der Saft aus allen Poren quoll, da lebte man von Luft und Liebe. Aber jetzt als älterer Mann, dem seine letzte Freundin davongelaufen war, da sie ihn nicht mehr ertragen hatte, wovon sollte man da noch leben können? Man war nicht nur äußerlich vereinsamt, zumindest was den Kontakt mit den sogenannten Mitmenschen betraf, sondern auch innerlich vereinsamt. Lotterschreck spürte dies besonders, wenn er nachts an seinem Laptop saß und irgendetwas einigermaßen Zusammenhängendes zu schreiben versuchte. Da spürte er diese ungeheure Leere im Weltall, für das er nicht einmal ein Pünktchen war, für das er de facto gar nicht existierte. Wozu also noch schreiben, dachte er sich dann. Er war ja schon in der Gegenwart nahezu in Vergessenheit geraten und konnte sich selbst nur noch mühsam daran erinnern, dass er offensichtlich noch existierte. Aber nicht mehr lange, sagte er sich. Dieser Gedanke hatte etwas Beruhigendes für ihn. Er konnte die Leute nicht verstehen, die Angst vor dem Tod, vor dem Erlöschen für immer hatten. Für ihn war der Tod eher eine Erlösung, die eigentliche Erlösung, die einzige Erlösung, die es überhaupt gab.

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© 2022 Johannes Morschl
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Eine innere Melodie wird frei

Von Regine Wendt

Diese wunderbare Welt in Blau. Morgens ist die Stimmung besonders schön., sie nimmt mich gefangen. Leichter Dunst in der Luft, kein Mensch am Strand. Blaues Licht hüllt Wasser,
Sand und den Himmel in Magie. Ich bin ein Teil der Natur. Ich bin Eins mit ihr.

Das Meer ist meine Welt. Ich gehöre hier hin. Aber warum? Ich wohne in der Stadt. Zwar am
Stadtrand mit Garten, viel Grün und hohe Bäume. Es ist eng. Nur der Himmel ist weit. Ich
liebe die Weite und die Einsamkeit. Dann fühle ich mich frei und schön. Alles gehört mir und ich tauche ein, verschmelze mit der Weite. Am Meer ist es noch intensiver. Ich gehe über den Horizont hinaus. Es ist das einsame Meer. Nur die Wellen, die Möwen, der feine Sand und ich. Meine Füße berühren feuchte Steine, ich singe leise und meine Stimme hat einen vollen sonst vermissten Klang. Eine innere Melodie wird frei.

Der Himmel, das Meer und ich. Einsamkeit, die zur inneren Ruhe wird. Ein Gefühl von
Loslassen, von innerer Freiheit. Angekommen in mir selbst.

R.W: 2008

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© 2022 Regine Wendt
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Einig

Von Regine Wendt

Sanfter Wind, fast Abend. Wir sind auf dem Meer. Antonio und ich. Das kleine Boot schaukelt langsam dahin. Der Motor tuckert und trotzdem flattert ein Segel im Wind.
Antonio ist alt, ganz in Grau, sonnengegerbt. Das Bild eines Mannes, der viel gesehen und erlebt hat, voll Stolz in sich ruhend. Graues Haar, wundersame graue Augen, die mich intensiv anschauen. Ich betrachte ihn in der Stille des ruhigen Meeres, das uns umgibt. Für mich ist er schön und er weiß es. Ohne Worte fühlen wir uns wohl, fühlen uns vertraut.
Langsam nähern wir uns unserem Ziel der Sehnsucht. Isola Blanca. Die Schöne. Die Kleine. So weit vom sicheren Ufer entfernt.
Mich fröstelt leicht in meinem leichten weißen Kleid, das sich wie eine Haut um meinen Körper schmiegt. Meinen sonnengebräunten Körper, den ich liebe. Ich genieße unsere Zweisamkeit, das leise plätschern der Wellen, die Liebkosung des Abendwinds. Träume entfalten sich und nutzen meinen halbwachen Zustand. Zärtlichkeit und Seelentiefe hüllen ein, verführen, diesen Augenblick besinnungslos zu genießen, sich treiben zu lassen.
Langsam kommt unser Reiseziel näher. Mein Wunsch – Isola Blanca. Am Ufer war es ein festes, starkes Wollen. Doch jetzt, so kurz davor, in dieser Abendstimmung zwischen Wachheit und Traum, ist das Erreichen nicht so wichtig.
Antonio und ich befinden uns in einem Kokon aus hauchzarter weißer Seide, in den Wünsche und Wollen keinen Eingang finden. Silberlicht umflutet uns. Unsere Blicke habe eine Brücke gebaut. Eins und einig, Antonio und ich auf dem Meer in diesem kleinen Boot, die Nacht nicht mehr fern.
Isola Blanca mit deinen weißen Häusern fern vom Ufer von Agami, du Sehnsuchtsziel. Nun bist du fast erreicht und plötzlich doch nicht so bedeutend. Wenn uns die traumhafte Fesslung aufgibt, werden wir dich in Besitz nehmen, wie es in der Vorstellung schon geschehen ist. Wir werden durch deinen schmalen Gassen gehen und jeden begrüßen, der uns entgegen kommt. Der Wind wird durch die Zypressen wehen, südliche Düfte werden sich ausbreiten. Unsere Sinne betören. Oleander wird uns mit seiner Blütenpracht umschmeicheln. Vor dem einzigen kleinen Café werden uns Hunde und Katzen begrüßen, und wir werden leise Musik hören, wenn wir dort sitzen bei einem Glas roten Wein.
Zum Greifen nahe, fast nur noch aussteigen, voll Erfüllung, voll Versprechen lockst du. Und doch, es gibt einen anderen Weg, den der Umkehr.
Unter dem Sternenhimmel Antonio und ich. Er hat es verstanden, ohne Worte war Umkehr möglich. Die Bewahrung der Magie. Zurück ans Ufer von Agami.
Jetzt nur dunkles Wasser, Mondspiegelung, leichtes Schaukeln auf gekräuselten Wellen. Unwirklich silbern mondet das Licht und entrückt in Zauberwelt. Graue Augen und grüne Augen vereinen sich, verstehen.
Traumnahrung, zart und zerbrechlich, mit erkennendem Begreifen in Sicherheit gebracht.
Mit tuckerndem Motor fährt das Boot zurück. Abschied im Zeichen der Einigkeit, berührt. Eingebrannt für immer.

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© 2022 Regine Wendt
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Die Höhle

Von Michael Kothe

Angst. Namenlose Angst. Anfangs hielt sie sich leicht über mich gebeugt. Mit der Zeit lernte sie, wie sie mich zur Verzweiflung brachte. Schwer presste sie sich auf mich, drückte mir die Augen zu, kroch mir in Mund und Nase und schnürte mir den Atem ab. Sie setzte sich mir auf die Brust, auf Arme und Beine und verbot mir, mich zu bewegen.

Kurz vor dem Ersticken bäumte sich mein Körper auf, ich schrie. Sand und Erde spürte ich im Rachen, ich würgte sie aus. Dämmerlicht nahm ich wahr, mein Bewusstsein kehrte zurück. Mein Körper fühlte sich geschunden an, Verletzungen stellte ich aber nicht fest. Die Erkenntnis über meine Umgebung jedoch versetzte mir einen bodenlosen Schrecken. Bodenlos? Vor Glück durfte ich reden, nicht noch tiefer gestürzt zu sein! Der Schacht setzte sich nach unten unendlich weit fort.

Ich bin keine Heldin. In meine Lage hatte mich mein Bestreben gebracht, als Hobbyarchäologin einen Erfolg vorzuweisen, ein einziges Mal nur in der Presse namentlich genannt zu werden. Immer war ich verlacht worden als die, die Sagen nachjagte und in Märchen abtauchte. Zwar berichteten jene von Schätzen, die hier draußen vergraben sein sollten, aber darauf gab ich nichts. Mir hatte es einfach das Erdloch angetan, das ich erforschen und über das ich berichten wollte.

»Licht!« schrie ich. Immer wieder. Bis mir einfiel, dass ich allein war.

Der natürliche Schlot, in den ich gestiegen war, wies eine Engstelle auf. Als ich mich dort hindurchwand, zerbrach oben das Gestänge. Durch den Ruck hatte sich wohl meine Kletterleine losgerissen. Jedenfalls stürzte ich ab und sah den Karabinerhaken am Seilende mir nachfallen und, als ich auf dem Vorsprung aufprallte, an mir vorbeistürzen, soweit die Leine ihm erlaubte. Meine Lampe fiel hinterher. Die Rufe meiner Kameraden »Wir holen Hilfe!« ermunterten mich nicht. »Warum wir?«, schrie es in mir, »sollte nicht einer an meinem Einstieg bleiben?«

Langsam wurde mir klar, dass ich auf mich selbst gestellt war. Ich lag auf dem Rücken, stemmte mich auf die Ellbogen. Ich wollte mich aufsetzen, doch stieß meine Stirn an die Decke meines Gefängnisses. »Die Leine«, fiel es mir ein, »die brauchst du noch.« Instinktiv drehte ich mich auf den Bauch und zog Hand über Hand das lose Seil ein und legte es in ordentlichen Schlingen ab. »Wozu ist es dir nütze?« meldete sich mein Unterbewusstsein, »nach oben kannst es nicht werfen.« Da war sie wieder, die Angst! Zur Untätigkeit wollte sie mich verdammen, mir jeden Gedanken an Rettung nehmen.

»Und wenn ich schon wanderte im finsteren Tal …« Gläubig war ich gewiss nicht, aber nun spendeten mir die spontan gemurmelten Worte Zuversicht. Ich konnte doch etwas tun! Langsam tastete ich meine Umgebung ab. Meine Füße offenbarten mir einen Tunnel, der von dem Vorsprung sich waagrecht in der Wand fortsetzte. Umdrehen konnte ich mich nicht, unweigerlich wäre ich von dem winzigen Sockel gestürzt. Rücklings zog ich mich mit den Fersen in die Röhre, stets bedacht, bei einem Hindernis nicht in Panik zu verfallen. Je weiter ich eindrang, desto dunkler wurde es. Nach mehreren Körperlängen fühlten meine Hände ein Ansteigen der Decke, irgendwann konnte ich mich aufrichten. Meine Erleichterung schwand schnell, als mir bewusst wurde, dass eine im Dunkel unsichtbare Spalte mich so umso leichter verschlingen konnte. Spontan ließ ich mich auf alle Viere fallen und betastete jede Handbreit, bevor ich mich vorwärtswagte. Meine Finger griffen etwas Rundes. Ich befühlte die Scheibe, führte sie an meine Zähne und erkannte sie an ihrer Festigkeit und dem flachen Relief, das ich ertastete, als Münze. Ein Schatz! Woran ich nicht geglaubt hatte, bot sich mir aus freien Stücken. Es musste der Schatz aus den Sagen sein, zumal ich weitere Münzen fand und etwas Geschmeide. Alles schob ich in meine Taschen. Euphorie trieb mich tiefer in die Finsternis.

So weit vom Schlot entfernt umschloss mich vollkommene Schwärze. Ob es Einbildung war oder ob wirklich jemand im Flüsterton zu mir sprach, war mir unmöglich festzustellen. »Willkommen«, vermeinte ich zu hören, »seit Langem hat uns niemand besucht.« Sicherlich spielte mir meine Fantasie einen Streich. Oder führte ich ein Selbstgespräch mit verteilten Rollen? »Wo bin ich? Wer seid ihr?« hörte ich mich fragen. Statt einer Antwort glaubte ich, eine Hand um meinen Arm zu spüren, die mich noch oben zog. Ich folgte und verspürte den unnachgiebigen Drang, weiter in die Höhle vorzustoßen, fort von dem letzten Bisschen Licht, das das Ende meiner Röhre als graue Scheibe erahnen ließ. Etwas zog mich, so wie jemand mit Höhenangst in den Abgrund starrt und sich hinabgesogen fühlt, beseelt von der Vorstellung springen zu müssen.

Weitere Stimmen drängten sich meiner Einbildung auf. »Komm weiter«, übersetzte mein Unterbewusstsein, »du bist in Sicherheit.« Echo erklang. Also war die Höhle weit, aber endlich. Etwas trieb mich weiter. Das Echo verstummte. Ich befand mich in einem Gang, konnte mit ausgestreckten Armen beide Wände berühren. Unter meinen Sohlen knirschte es. Von dort glaubte ich ein Wehklagen zu hören. Ich ging in die Hocke, meine Hand fuhr über den Boden. Panisch zog ich sie zurück, ich hatte Knochen berührt. »Komm weiter«, verlangte der Führer meines Unterbewusstseins, »pass auf deinen Weg auf! Die Vergangenheit fühlt Schmerz, wenn du ihre Reste zertrittst.«

»Wohin führst du mich?«

»Zu einer Erkenntnis, die sich euch Lebenden selten offenbart. Ihr kümmert euch nur um euer Jetzt oder sorgt euch um eure Zukunft. Ihr vernachlässigt eure Seele und vergesst. Hier erlangst du die Erinnerung wieder.«

Ungezählten Windungen folgte ich dem Gang und meinem Gefühl. Die Angst fiel von mir ab, Beruhigung und Neugier erfüllten mich, dazu ein nie so intensiv gespürter innerer Frieden. Kindheitserinnerungen stiegen auf, mein Toben auf der Wiese nahm ich ebenso mit den Augen wahr, wie ich den frischen Wind spürte, der mich mit dem Duft von Blumen und Wald umspülte. Meine Eltern, gestorben schon vor Jahren, saßen auf einer Picknickdecke. Ich war wieder das Mädchen, das unbeschwert das Leben genoss. Als ich den Blick hob, fand ich mich in einer riesigen Höhle. Ich folgte meinen Eltern bis in die Menge von Schemen, die sich als frühere Bekannte zu erkennen gaben. Über die Zeit hatte ich sie zum Teil schmerzlich aus den Augen verloren. Alles schien grau. Dennoch trübte die Eintönigkeit meine Freude keineswegs, sah ich doch eine bunte Welt, sobald ich die Augen schloss, und die Wiedersehensfreude überlagerte jedes Unbehagen.

»Bianca! Hörst du uns?« Dumpf klangen die Worte. Nach Ewigkeiten begriff ich ihre Bedeutung. Meine Kameraden waren zurückgekehrt, um mich hinaufzuholen. Aus der Dunkelheit zurück ins Licht!

»Kommst du wieder?« hörte ich meine Mutter fragen. Ich schluckte. Schon hatte ich mich umgedreht und hastete der Röhre entgegen, die mich zum Schlot geleitete.

»Ich bin noch hier. Es geht mir gut.«

»Wir lassen dir ein Sicherungsgeschirr herab und ziehen dich hoch. Beeil dich, die Schachtwand bröckelt schon! Lang hält sie nicht mehr, dann bricht der Schacht ein. Brauchst du noch etwas?«

»Mehr Licht«, schrie ich, »nur mehr Licht!«

Schon hörte ich die Schnallen an den Wänden schaben, sah das Riemengeschirr. Dankbar lächelte ich. Dann fuhren meine Hände in meine Taschen, zogen Münzen und Schmuck hervor und ließen sie zusammen mit den von oben herabfallenden Steinen und Erdbrocken in den Abgrund rieseln. Ich band die Taschenlampe vom Seil und tastete mich in die Höhle zurück, in meine geliebte Erinnerung.

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© 2022 Michael Kothe
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Mit einem alternativen Ende steht die Kurzgeschichte in der aktuellen Sammlung „Geschichten-Bowle – ein Vorlesebuch für Menschen in besonderen Lebenslagen“, an der sich der Autor auch als Lektor und Mitherausgeber beteiligte. Die gezeigte Urfassung lest ihr in Kothes „Quer Beet aufs Treppchen – 2019/2020“. Zu beiden Büchern geht’s über die Autoren-Homepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/my-books/stories/.

Die Macht der Zähne

Von Michael Wiedorn

Er öffnet den Mund und seine Zähne leuchten – spitz und weiß. Jeder Mensch trägt seine Waffe im Gesicht. Kampfbereit zur Begegnung mit Mensch und Tier. Weiße, leuchtende Perlen – besser gesagt Messer – strahlen und bedrohen und dringen in das leckere Fleisch der Mitmenschen. Der Zahn leuchtet scharf. Das Weiß der Zähne im Rot des Mundinneren. Der weiße Stachel läßt rote Feuchtigkeit verströmen. Eine Lanze eingerammt ins Fleisch des Feindes.
Ein unscheinbarer, grauhäutiger und grauhaariger Mann. Ein schmächtiger Körper, der fast unsichtbar ist, aber er hat ein Maul. Einen riesigen Schlund um die ganze Welt zu verschlingen. Der Fremde auf dem Bahnsteig öffnet seine Fresse und zeigt der Welt, daß er was hat, daß er was besitzt, das für seine Mitmenschen tödlich sein kann. Seine stattliche Schnauze mit seinen gewaltigen, gewalttätigen Mordwerkzeugen sind das, was er hat. Der ganze Stolz seines Lebens liegt in den Zähnen. Nicht in den Zähnen als solches, sondern in ihrer alles zerschneidenden Schärfe. Die Waffen eines Raubtieres stoßen in Leben, lassen es bluten und reißen Steaks und Schnitzel heraus. Das Opfer schreit und schreit, verwandelt sich in einen einzigen Schrei und zerfällt in zerfließende Bruchstücke. Der Zahnarzt bewundert das Raubtier. Die Sprechstundenhilfe und die anderen Patienten mit vor Bewunderung und Neid leuchtenden Augen stehen um den Zahnarztstuhl, in dem die Kraft der Zähne sitzt.
Der Böse steht anscheinend schon seit Stunden aufrecht in der U-Bahnstation. Er ruht sich nie auf den Plastiksitzen aus und zeigt der Menschheit nur die Schärfe seines Gebisses. Ein Säugling hat keine Zähne. Er kann nicht beißen. Eines Tages spürt die Mutter harte Konturen im bis jetzt sanften Zahnfleisch. Das Kind wird zum Tier. Als ausgewachsene Männer stehen wir alle im Raubtiergehege und zeigen unsere blitzblanken Hauer. Wir stehen hinter Gittern und unsere Gebärerinnen bewundern uns. Das Tier schlägt seine Scheren ins Mittagessen – der Mensch muß sich schließlich ernähren – und reißt Sehnen und Muskeln von den Knochen seines Opfers. Mittags Rinderbraten, abends Schweineschnitzel. Die Mutter bindet ihrem Raubtier eine blütenweiße Serviette um. Die Gabel – feinstes Fadenmuster – ist ein erweitertes Gebiß.
Alte Menschen verlieren nach und nach ihre Zähne und Haare. Sie verlieren an Biß. Ein Dolch nach dem Anderen löst sich vom Körper. Läßt ihn schwächer und ohnmächtiger zurück. Greise schlürfen vorsichtig mit zitternden Händen aus Schnabeltassen lauwarme Brühe. Wieder zum unmündigen Kind geworden – verachtet und gedemütigt von den Schwestern. Weite Hauben blühen über schönen Köpfen. Die Kette weißen, zuschneidenden Porzellans. Eine Perlenkette um den Hals einer jungen Frau. Das Krachen des jungen Bisses in das Fruchtfleisch eines feuerroten Apfels. Lachen und sonnengebräunte Leiber.
Der Irre in der U-Bahnstation – grau und verkümmert – öffnet zur Sicherheit seine dünnen, vertrockneten Lippen und vergewissert sich selbst und seine Umwelt seiner leuchtenden Pracht. Heute früh kam er aus langer Gefangenschaft weißer Mauern und weißer Gespenster frei. Er hat Macht. Seine zornigen Nägel, seine hassenden Brillianten im Maul wollen heute Körper reißen. Der Verbrecher steht nur da und beobachtet die Angst in den Augen der vorbei eilenden Passanten. Sie haben wirklich Angst vor ihm. Er könnte, wenn er hätte. Hat er aber nicht. Geld für Wildbret, für Rinderherden, Löwen, Elefanten.
Zwei Herren von der Polizei nähern sich unauffällig. Sie schlendern ruhig und gemächlich wie zwei gelangweilte Sonntagsspaziergänger über den Bahnsteig. Sie beobachten aufmerksam mit geschärftem Blick – man könnte sagen – wie mit frisch geschliffenen Dolchen den Mann mit den Zähnen.
Ein Greis – Jahrtausende alt – schlürft entsahnt und verprügelt in seiner Zelle aus der Schnabeltasse. Er kann nur mehr Flüssiges zu sich nehmen. Kein Fleisch, nicht einmal Gemüse.

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© 2022 Michael Wiedorn
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In der Hirschau

Von Michael Wiedorn

Eine Dogge hat ihr Gebiss in ein menschliches Gesicht geschlagen. Sie schäumt vor Hass. Sie kann ihr Beißwerkzeug nicht mehr von ihrem Opfer lösen. Ihr Opfer ist ein einsamer Spaziergänger, dessen Gesichtsfläche nur mehr noch ein quellendes, leuchtend rotes Nass ist. Dieser ehemalige Mensch hat kein Alter und kein Geschlecht mehr. Ein brüllendes, namenloses Etwas wälzt sich ruhelos auf dem Erdboden. Der Februarmorgen in der Hirschau ist eiskalt. Es sind weit und breit keine anderen Menschen zu sehen. Es ist Sonntag. Die Dogge hat sich selbst in ihrem Rausch verfangen. Sie verzweifelt. Ein einsam herumstreunendes Tier, für das niemand die Verantwortung trägt. In seiner Verzweiflung und seiner Angst seine Zähne nicht mehr vom fremden Körper lösen zu können, hebt es kurz den Rumpf des Menschen etwas vom Boden. Die Schreie des Mannes sind längst verstummt. Eine geduldige Puppe. Die Kampfszenen bestehen aus heftigen, lautlosen Bewegungen. Alles ist nass und dunkel.
Ich beobachte die Szene aus der Ferne wie einen Fernsehkrimi. Ein interessantes Spiel und ich entferne mich nicht eilig, sondern ruhig und gemächlich. Ich bin ein Spaziergänger. Mir ist kalt und ich strebe zum Bus, der mich sicher nach Hause bringen wird. Es ist mir die ganze Zeit nicht im geringsten eingefallen in irgendeiner Weise einzugreifen. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Ich bin ein Schlafwandler in einem tiefen Traum. Erst am späten Nachmittag wird mir die Schuld bewusst.

März 2007

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