Alles zu spät

Von Johannes Morschl

Ein Samstagabend im Oktober 2018 in Berlin. Der alte Franz Augustin, ein Emigrant aus Wien, der weder Frau, noch Mitbewohner oder Haustier hat, wandert in seinem Wohnzimmer herum und redet mit sich selbst. Was bleibt ihm auch anderes übrig.

„Alles zu spät. Habe alle Talente vernachlässigt. Wollte eigentlich Maler und Dichter werden, habe jedoch viel zu viel Zeit damit vertan, den Frauen hinterher zu sein. Habe mich vollkommen abhängig von den Frauen gemacht. Habe immer schrecklich gelitten, wenn ich von einer verlassen wurde. Hätte eigentlich schon mehrere Selbstmorde gemacht haben müssen. Für jede Frau, die mich verlassen hat, müsste es ein Grab für mich geben. Auf den Grabsteinen müsste zu lesen sein: Am Soundsovielten aus dem Leben gegangen wegen Anna, am Soundsovielten wegen Natascha, am Soundsovielten wegen Jenny, am Soundsovielten wegen Suse, und so weiter.“ Er besinnt sich kurz. “Jetzt übertreibst du aber maßlos! Ganz abgesehen davon, dass man nur einmal Selbstmord machen kann, könnte man das mit den Frauen und dir auch anders sehen. Man könnte auch sagen, es ist ein Wunder, dass die Frauen die Beziehungen mit dir überstanden haben, ohne einen größeren psychischen Schaden davonzutragen. Die Frauen sind eindeutig das stärkere Geschlecht. Sie haben sogar eine Beziehung mit mir mehr oder minder unbeschadet überstanden. Also wenn ich ganz ehrlich bin, als Frau hätte ich mich nicht auf eine Beziehung mit jemandem wie mir eingelassen.“

Er bleibt stehen und sagt: „Schon bei meiner Geburt war alles zu spät. War ein schwerer Schicksalsschlag, auf diese Welt zu kommen. Stand jedoch nicht in meiner Macht, dies zu verhindern. Würde am liebsten heute Nacht im Bett sanft entschlafen. Morgen früh wache ich dann auf und stelle erleichtert fest, dass es mich nicht mehr gibt. Blödsinn! Wie willst du feststellen, dass es dich nicht mehr gibt, wenn du tot bist?“ Er massiert sich mit den Fingerspitzen die Kopfhaut. „Ah, das tut gut! Es regt sich etwas unter der Schädeldecke. Vom Absterben bedrohte Gehirnzellen werden wieder aufgefrischt. Sollte dies mit geistiger Nahrung unterstützen.“ Er nimmt ein dickes Buch mit den Kritiken von Immanuel Kant aus einem Bücherregal, riecht an dem Buch und stellt es wieder ins Regal zurück. „Brauche nur daran zu riechen und schon strömt die reine Vernunft in mich hinein, leider aber nicht die praktische Vernunft. War nie fürs Praktische geeignet. Habe zwei linke Hände. Würde jemanden wie mich auf keinen Fall meine Wohnung renovieren lassen. Danach wäre sie nicht mehr bewohnbar.“ Dann nimmt er die Pensées (Gedanken) von Blaise Pascal aus dem Regal, blättert darin herum, bleibt an einer Stelle hängen und liest laut: „Ich sehe auf allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich umschließen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert und nicht wiederkehrt. Alles, was ich weiß, ist, dass ich sterben muss, aber was ich am allerwenigsten kenne, ist dieser Tod selbst, dem ich nicht entgehen kann.“ Er stellt das Buch ins Regal zurück und sagt: „Letztendlich kann man sich selbst nicht entgehen. Man ist lebenslänglich in sich selbst gefangen.“

Dann blättert er eine Tageszeitung auf, die auf einem kleinen runden Tisch in der Mitte des Zimmers liegt, und beginnt auf einmal zu lächeln. Er ist an einem Bild mit der Überschrift „Liebestolle junge Koalabärin aus Zoo in Australien entwichen“ hängengeblieben. Er kommentiert: „Dieses Bild von ihr, wie sie auf einem Eukalyptusbaum sitzt und nach einem willigen Partner Ausschau hält! Wie possierlich sie aussieht mit ihren kleinen Kulleraugen, ihrer dunklen runden Nase und ihren großen wuscheligen Ohren! Könnte mich auf der Stelle in sie verknallen. Nur bin ich leider kein junger Koalabär, sondern ein alter, stark linkslastiger Brummbär.“ Er beginnt die Internationale zu singen: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum hungern zwingt…“ Er stoppt. „Willst du der Koalabärin die Internationale vorsingen? Glaubst du, sie damit beeindrucken zu können? Du verschreckst sie nur mit deiner krächzenden Stimme, und das wollen wir ja nicht, sonst läuft sie noch aus dem Bild davon. Wusste lange Zeit gar nicht, dass Koalabären keine Bären, sondern Beuteltiere sind. Brummen auch nicht wie Bären, sondern geben schnell hintereinander klickernde Laute von sich und grunzen anschließend mehrmals, und dies alles in einer tiefen Stimmlage, was an dem besonderen Stimmorgan dieser ziemlich kleinen Tiere liegt.“ Er versucht, schnell hintereinander tiefe klickernde Laute zu machen und danach mehrmals zu grunzen, hört aber gleich wieder auf. „Klingt bei mir schaurig. Wenn das meine Nachbarn hören, alarmieren sie womöglich den psychiatrischen Notdienst. Die gucken mich ohnehin schon so komisch an, wenn ich ihnen begegne.“

Er wendet sich wieder dem Bild von der jungen Koalabärin zu und liest den Artikel zu dem Bild. Er schüttelt den Kopf und sagt: „Was muss ich da lesen? So eine Scheiße! Man hat dich schon wieder eingefangen und in den Zoo gesperrt. Ist ja ein Irrsinn, so ein wunderbares Geschöpf in einen Zoo zu sperren. Andererseits ist es dort vor den in Australien immer häufiger ausbrechenden Buschbränden geschützt, die auch die Eukalyptus-Wälder, den Lebensraum der Koalas zerstören, und denen schon viele Koalas zum Opfer gefallen sind. Sind hoffentlich wenigstens so anständig, einen passenden jungen Koalakerl für dich zu finden. Würde mich sofort freiwillig melden, wenn ich einer wäre.“ Er holt eine Schere und schneidet sich das Bild von der jungen Koalabärin aus. „Hebe ich mir auf. Wird mich in meinen dunklen Stunden erheitern. Habe ja fast nur noch dunkle Stunden.“

Dann wandert er wieder im Wohnzimmer herum. „Ach, wie schön wäre es, jetzt in den Armen einer Frau zu liegen. Die Frauen sind weicher als wir Männer, haben von Natur aus mehr Fettgewebe unter der Haut. Würde dann nicht mehr so frieren. Friere ja inzwischen selbst im Sommer. Werde womöglich bei 30 Grad plus erfrieren. Man wird sich dann wundern, wenn man bei mir Tod durch Erfrieren feststellt. Wird das nicht glauben wollen, wird sich irgendeine abstruse Erklärung aus den Fingern saugen, wird vielleicht denken, ich hätte statt im Bett in einer Kühltruhe geschlafen. Besitze aber keine Kühltruhe, sondern nur einen Kühlschrank, in den nicht einmal ein Gartenzwerg hineinpassen würde. Doch wer legt sich schon freiwillig in eine Kühltruhe? Bin zwar nach den Maßstäben der angeblich normalen Menschen ziemlich verrückt, aber so verrückt nun auch wieder nicht, als dass ich in einer Kühltruhe schlafen würde. Ist ja bei mir nicht nur ein körperliches, sondern auch ein seelisches Frieren. Ende der 60er-Jahre, als ich nach Westberlin kam, war das anders. Da habe ich nicht gefroren, sondern geschwitzt von dem dauernden Demonstrieren. Da bewegten wir uns ja nicht nur im Laufschritt vorwärts und riefen Parolen wie ‚Amis raus aus Vietnam!‘‚ ‚Ho, Ho, Ho Chi Minh!‘, ‚Hoch die internationale Solidarität!‘, und so weiter, sondern auch im Laufschritt zurück, wenn uns die Staatsgewalt mit Schlagstöcken, Tränengasgranaten und Wasserwerfern angriff. Außerdem hatten wir zwischen all den Demonstrationen viel Sex. Gingen damals sehr freizügig miteinander um. War wie bei den Bonobos, den Zwergschimpansen im Urwald. Dabei konnte man auch ins Schwitzen kommen. Hätte damals höchstens an Überhitzung sterben können.“

Er geht zu einem der beiden großen Fenster des Wohnzimmers, öffnet es und blickt auf die Straße hinaus. „Friedhofsstille draußen, kaum jemand zu sehen. Hocken jetzt alle hinter der Glotze oder in den trostlosen Kneipen in der Gegend. Ist mir nur recht, diese Friedhofsstille. Passt zu meiner Stimmung.“ Dann sagt er: „Ach, wenn ich jetzt fliegen könnte, frei wie ein Vogel wär! Da fällt mir das Wort vogelfrei ein. Ist ein merkwürdiges Wort. Bedeutet genau das Gegenteil von frei wie ein Vogel in der Luft. Wenn jemand in früheren Jahrhunderten für vogelfrei erklärt wurde, hieß dies, dass er geächtet wurde und keinen gesetzlichen Schutz mehr besaß. Auch wurde ihm das Grab versagt. Sein Leichnam wurde den Raubvögeln zum Fraße freigegeben, vogelfrei also frei für die Raubvögel zum Fraße. Bin zwar kein Geächteter, aber ein armer Hund, Bezieher von Grundsicherung vom Sozialamt. Bin nicht frei von lästigen Ämtergängen und endlos langen Formularen, die man da ausfüllen muss. ‚Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare!‘, hat schon Kurt Tucholsky gedichtet. Das Grab wird man mir aber sicher nicht versagen, das geht heute nicht mehr, würde gegen das Bestattungsgesetz verstoßen. Doch selbst wenn es noch möglich wäre, es mir zu versagen, würde mich das nicht jucken, wenn es mich ohnehin nirgendwo mehr jucken könnte. Tot ist tot, ob mit oder ohne Grab.“

Er gähnt und sagt: „Alles zu spät. Gehe sowieso bald in die ewigen Jagdgründe ein. Auch die Menschheit wird nicht mehr lange überleben, wenn es so weitergeht mit den Kriegen und Bürgerkriegen, den Hungerkatastrophen, dem Abfackeln der Regenwälder, der Verpestung der Luft, der Erderwärmung, dem Schmelzen des Polareises, und so weiter, und so fort. Lege mich jetzt ins Bett und träume von noch existierenden Eukalyptusbäumen, auf denen noch existierende Koalas herumklettern. Hoffe, dass ich aus diesem Traum nicht mehr erwache. Na, dann wünsche ich mir jetzt eine gute Nacht. – Danke, ebenfalls gute Nacht.“

Er verlässt das Wohnzimmer und singt dabei die erste Strophe eines alten Wiener Volkslieds, das sich auf einen Namensvetter von ihm aus dem 17. Jahrhundert bezieht, auf den Bänkelsänger und Dudelsack-Pfeifer Marx Augustin, der dem Alkohol sehr zugetan war, wobei er den Text leicht verändert:

„Oh, du lieber Augustin,
Augustin, Augustin,
oh, du lieber Augustin,
alles ist hin.
Geld ist weg, Frau’n sind weg,
alles weg, so ein Dreck.
Oh, du lieber Augustin,
alles ist hin.“

© 2021 Johannes Morschl
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An der Mauer

Von Michael Wiedorn

Eine graue Mauer. Am unteren Rand der Wand verfärbt die Feuchtigkeit den Stein in schmutziges Dunkel. An der öden Verhärtung der nicht enden wollenden und immer wieder gleichförmigen Tage zerschlägt sich der Schädel des Inhaftierten blutig. Ein nackter, junger Körper kauert in sich zusammengekrümmt im Stein. Das Blut in den Venen ist eingetrocknet und die Haut ist grau. Die Hände verdecken schützend den Kopf, von dem kaum etwas zu sehen ist. Ist die Gestalt ein Mann? Die Glieder sind so zusammengepreßt, als wollte der Beobachtete als Embryo in die Enge der Gebärmutter zurückkriechen. Ein versteinerter Embryo in einer versteinerten Gebärmutter.
Er sehnt sich danach blind zu sein und preßt die Augen zusammen und richtet sein Gesicht von herabhängenden, langen Haare verborgen auf seine im Schatten stehenden Füße. Die Leere. Er haßt die Welt. Er haßt das Außen. Seine Hand hält eine ihn umhegende Drahtschnur, die ihn scharf von der Außenwelt abgrenzt. Mit einer Peitsche züchtigt er sich selbst. Die Nabelschnur schneidet die Welt weg. Er haßt sein Fleisch. Er will kein Stück Fleisch sein. Der sich selbst Abwesende kauert auf grauen, großen Pflastersteinen, wie man sie für Bürgersteige verwendet. Er sitzt auf keiner Straße, sondern in einem abgelegenen Trakt der Klinik. Geist und Seele haben diesen Körper schon längst verlassen. Wo im Weltall treibt sich sein Ich herum? Grau ist das gehemmte Leben, sind die betäubten Gefühle, ist die quälende, unaufhörliche Langeweile. Schwarz ist die Nacht. Im Tod stürzt der Sterbende ins Schwarz. Das aufgeilende Schwarz einer heißen Sommernacht. Man springt ins tödliche Schwarz und versinkt tief in den Wogen des Dunkels.
Weiß ist die Leere und die Abwesenheit. Eine winterliche Schneelandschaft. Die Kristalle von Schnee und Eis blitzen und blenden das Auge. Grau ist das Maßvolle. Der Ausgelieferte versteckt seinen Kopf, weil er Angst vor Schlägen hat. Ein Häftling in einem Foltergefängnis. Ich beobachte den mir schutzlos Ausgelieferten. Der zudringliche Blick. Das Opfer schlägt seinen eigenen Leib um Grenzen zu ziehen. Die farblose Steinwand und das öde Straßenpflaster werden vom blutenden Rot befruchtet werden. Das Rot wird leuchten.

© 2021 Michael Wiedorn
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Stein umhegt mich

Von Michael Wiedorn

Nein! Nein! Mich gibt es nicht. Wo bin ich? War ich irgendwo? In der Grenzenlosigkeit der Außenwelt würden sich meine Glieder und Organe verlieren. Vielleicht würde ich mit dem Kopf auf der Sonne landen und verbrennen und meine Füße würden sich in den dunkelsten und kältesten Verliesen des Weltalls verlieren und sich auflösen. Vielleicht wird mein Körper durchsichtig und durchlässig wie wehende Luft. Stein umgibt mich und gibt meinem Leben einen Halt. Eine schützende Mauer sagt mir, wer ich bin. Eine scharf schneidende Linie bestätigt nochmals die Grenzen meines nackten Fleisches. Stacheldraht schneidet mir Striemen und Wunden in die Haut und die Haut erfährt freudig ihren Zweck. Meine Augenlider sind fest zusammengepreßt – leider werden die Augen nie zuwachsen – und die Welt ist aus meinem Inneren ausgesperrt. Meine nach innen gedrehten Augen starren in die Unermeßlichkeit meines Innenraumes. In mir erstrecken sich weit ausgedehntere Strecken als in der ganzen Milchstraße. Eine Tages blickte ich einem Kranken tief in das verschlingende Schwarz der Iris und ich verlor mich in seiner Blicklosigkeit. Seitdem ist mein Körper grau und flimmert unsicher wie ein gespenstisches Filmbild. Der Stein, auf dem ich hocke, ist hart und kalt. Er war nie hart und kalt, sondern immer nur meine Einbildung. Meinen Arm halte ich schützend über meinen zerbrechlichen Kopf.
Ein silberner Löffel schlägt hart gegen die dünne Eierschale und der Dotter strömt blutend aus meinem Hirn. Eine Eisenstange wird mir die Schädeldecke einschlagen.
Nackt dem zudringlichen Blick der Kamera ausgeliefert. Meine Körperzellen lösen sich in unzählige Pünktchen auf einem Bildschirm auf.

© 2021 Michael Wiedorn
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Sie trinken gemeinsam

Von Michael Wiedorn

Aus einer langen Schnittwunde an meinem Unterarm fließt Blut. Ein dicker, roter Saft voll Kraft und Leben. Ich blicke bewundernd auf den nicht enden wollenden Strom, der aus dem von der Haut abgeschlossenen Inneren meines Körpers quillt. Eine mir verborgene Stärke tritt aus mir ans Tageslicht. Sie spaltet sich von mir ab und ich fühle eine Kraftlosigkeit, die sich in mir ausbreitet. Wenn ich weiter tatenlos dem Fluß beim Strömen zusehe, wird der verlassene Körper immer bleicher, steifer, saftloser. Ein weiß schimmernder Rumpf gefriert in verdorrter Verlassenheit. Der rote Strom war unsichtbar, aber regierte mein Leben. Er bewahrte den Leib vor dem Weiß, das die Bewegungen einfrieren läßt, das den Körper in statuenhafter Reglosigkeit gefangen hält. Blut macht frei. Blut befreit, wenn es sich nicht von seinem ihm bestimmten Platz befreit. Es ist sichtbar in der Tönung der Haut. Auf dem harten Boden eines Schlachthofes, eines Mordtatortes, auf der Erde eines Schlachtfeldes drohen tiefrote Pfützen – dunkelrot fast braun und schwarz. Hier fand jemand den Tod. Ein Kadaver liegt reglos wie schlafend auf dem Boden und verwandelt sich. Sein Beschützer – das Nasse – hat ihn verlassen. Der Bewohner, der Ernährer, der das Ganze von Gewebe und Zellen davor bewahrt sich aufzulösen, sich zu verflüssigen, auseinander zu fallen. Blut darf nicht unverstellt sichtbar sein, sonst bedeutet es Trennung und Tod. Beim Verlassen des Lebens spüre ich erst das Leben, das sich in mir verbarg.
Zwei sich gegenüber sitzende Freunde schneiden sich gegenseitig Wunden in den Unterarm. Es fließt. Jeder saugt an der Wunde des Anderen den Saft in sich und wird der Andere. Er wechselt seine Gestalt. Beide sind in die selbe Zelle eingesperrt. Durch Mauern und Gitter von der Außenwelt ausgesperrt.
Christus hängt überströmt am Kreuz. Aus dem bläulich kranken Leib quellen unzählige Wunden. Er zeigt stolz die Wundmale im Inneren seiner Handflächen. Die Gemeinde trinkt seine Flüssigkeit und frißt Menschenfleisch. Das Purpur fließt den Gläubigen aus den Mundwinkeln. Gierig reißen und verschlingen sie die Fleischbrocken.

© 2021 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Auslöschen

Von Michael Wiedorn

Es ist erstickend heiss. Sechsunddreissig Grad im Schatten. Die feuchte Hitze lässt alles klebrig werden. Die Luft erstarrt in der toten Windstille und lässt sich nicht mehr atmen. Die Kleidung klebt und der Körper scheidet ranzigen Schweiss aus. Das nasse Fleisch verfault. Im Zeitraffer vergammelt das Fruchtfleisch des unachtsam auf das Straßenpflaster geschmissenen Apfels. Die einst blass gelbe Farbe des Inneren der noch frischen Frucht wird dunkler und dunkler und wird braun. Blau und Grau breiten sich wie Metastasen einer bösartigen Krebsgeschwulst aus und fressen sich vorwärts. Sie lassen die Festigkeit des Obstes zu einem ekelerregenden Brei aufweichen. Unter der brennenden Härte der Sonne altert und verwest das Leben schneller. Schmeissfliegen setzen sich in die Fäulnis und nähren sich vom zerfallenden Leben. Schweiss treibende Fieber durchdringen bleischwer die Glieder und lassen sie verschleissen. Von einer Bewegung zur nächsten brauche ich Jahre. In der reglosen Stille eines Sumpfes ruhen Jahrtausende lang Krokodil und Flusspferd. Könnte ich die erfrischende Todeskälte erlangen. Lebewesen, die sich bewegten, rannten, sprangen, kämpften, arbeiteten, sind zu trägen Pflanzen ermattet. Gebannt ins ewige Grün der Natur. Die zu feucht schmierigen Schlingpflanzen Verwandelten sind vereinsamt in wirre Fieberträume gesperrt. Jeder allein für sich und für immer verstummt. Die Ungeheuer und Götter auf den zugewachsenen Steinplatten vergessener Grossstädte sind vom gefrässigen Gift des Mooses weggesperrt. Dort erhebt sich kampfbereit ein erhobenes Schwert. Dort ist noch ein Mund zum Schreien geöffnet. Lautlos. Das Wasser der Flüsse modert und steht still. Der Landwehrkanal stinkt. Ich habe Fieber und mein Körper löst sich in Schweiss auf. Schlafe ich, wache oder döse ich? Ich verholze zu einem Baumstumpf, dessen Holz sich in der schwülen Luft zu giftigem Brei auflöst. Schnecken und Würmer nähren sich von meinem Inneren und mein Blut ist zu Harz verdickt. Die Eintönigkeit von Jahrhunderten und Jahrtausenden. Hier bewegt sich und rührt sich und wächst alles in zäh klebriger Langsamkeit. Die Bewegungen sind hinterhältig und schleichend. Kaum wahrnehmbar. Ein Schwimmer würde in der brackigen Masse in die traurig schwarzen Tiefen verschlungen werden. Meine glasig schmerzenden Augen starren auf die sonnenbestrahlte, weisse Wand meines Zimmers. Das grelle Licht blendet mich und ich möchte meine Augen wieder schliessen. Das Bettlaken ist nass und schmierig. Mein Schädel brummt vom wirren Leben der Bakterien und Blutkörperchen. Die geheime Arbeit der Träume. Das tote Wasser stinkt nach faulen Eiern. Dotter verfärbt sich grün. Mein Magen krampft sich zusammen. Lebensmittel werden im Hochsommer der beissenden Kälte des Eisschrankes anvertraut. Der bergende Schutz des Frostes. Kinder sollten in Kühlschränken gedeihen. Sie werden hart und stark. Die Hitze lässt Wunden schwären und lässt nicht zu, daß sie verheilen und sich wieder schliessen. Eiter und Blut sickern. Der geöffnet daliegende Körper empfängt schutzlos fressende Fremde. Die Wunden entzünden sich immer wieder neu. Auf der Haut flammen rote Male auf. Die kriegerische Reinheit der Eiswüsten. Die Bettdecke lastet schwer als Grabstein auf meinem gelb glänzenden Gerippe. Ich versuche sie wegzustossen, bin von der Anstrengung erschöpft und nahtlos in die Hitze eingeschlossen. Der Sommertag ist friedlich und ruhig. Mein Leib ist plötzlich vergreist. Ich bin alt. Auf den Reliefs der von Wäldern verschlungenen Metropolen sind die Gestalten von Moos und Schimmel gelöscht worden. Schlingpflanzen gedeihen. Leere und Vergessen verschlucken alle Geschichten. Schmeissfliegen fressen in wimmelndem Summen den zu Brei zerfallenen Apfel auf dem unter der Sonne glühenden Asphalt. Die Anwesenheit des Apfels ist ausgelöscht.

© 2021 Michael Wiedorn
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»Siebenreich – Die letzten Scherben« Kapitel 1.: Der Sohn des Drachen

Von Michael Kothe

1.

Nekromantie und Beherrschung der Elemente seine Mittel,
Unterwerfung und Vernichtung seine Ziele,
Rache und Macht sein Antrieb.

»Wie soll ich einer Bedrohung begegnen, wenn ich nicht erkenne, wogegen sie sich richtet?« Dürre Finger umklammerten die Tischkante. So, als suchten sie Halt, damit seine lange, hagere Gestalt nicht in sich zusammensinke. Solche Bedenken war er nicht gewohnt.
Der Blick aus dem Turmzimmer über die Balustrade des Balkons beruhigte Drogan´t´Har, den Sohn des Drachen, nur für einige Augenblicke. Vom Ende der steinernen Brücke, die von seiner uralten Festung über den Abgrund führte, erstreckte sich eine grenzenlos scheinende Steinwüste. So weit sein Auge reichte, störten kein Wald und keine Vegetation die Landschaft. Unter einem fahlen Himmel lag sie in Grau und Ocker gekleidet. So gefiel ihm das Land. Sein Land! Bar fast jeden Lebens trug es seine Lieblingsfarben.
»Allemal erfüllt diese Ödnis ihren Zweck«, resümierte er halblaut. »Noch nie ist ein Feind bis hierher vorgedrungen. Müsste er doch alles, was er für einen Angriff oder eine Belagerung benötigt, im Tross mitführen!« Seine eigenen Truppen waren genügsamer, er hatte für ihre regelmäßige Versorgung auf festgelegten Wegen gesorgt. Auch er selbst, seine Leibwache und seine Diener bekamen alles gebracht, was er forderte.
Hätte die Wand in seinem Rücken Fenster gehabt, hätte er den See betrachten können, der seine Festung von Norden her schützte. Auf ihre Uneinnehmbarkeit durfte er vertrauen.
Der Dunkle Herrscher, wie er sich auch gern nennen ließ, stand vornübergebeugt an der Mitte seines großen Kartentisches. Mit durchgestreckten Armen und auf die Knöchel beider Fäuste gestützt konzentrierte er sich auf seine Schlachtpläne. Seine Truppen aus Orks und Goblins führte er meistens durch Magie aus der Ferne in den Krieg, den er im Niemandsland nordwestlich von seinem Reich den Menschen und Zwergen aufgezwungen hatte. Er hatte erreicht, seit mehreren Jahren alle nennenswerten militärischen Kräfte der Menschen im Norden ihrer Heimat Siebenreich zu binden.
»Dass die Zwerge sich in die Schlacht geworfen haben, ist mir nicht hinderlich. Damit war zu rechnen.«
Seine Zufriedenheit erstarb jäh. Die neue Gefahr stahl sich zurück in seine Sinne. Vage war sie, verschwommen. Für ihn war sie real. Wogegen aber richtete sie sich? Gegen seine konkreten Pläne, gegen seine Macht oder gegen ihn selbst? Sicher war er sich nur in einem: »Sie kommt mir näher!«
Wieder einmal kam er zu keinem befriedigenden Schluss. Er stieß sich von der Kante ab, schüttelte sich und straffte die Schultern. Seine Hände vollführten rasch eine wedelnde Bewegung, wischten die Emotionen fort. Sein Verstand gewann die Oberhand.
Die Pläne hatte er schon ungezählte Male hinterfragt und stets für gut und notwendig befunden. Sie beruhten auf dem Streben nach Macht und Rache. Sein Machtstreben forderte die Unterwerfung des gesamten Kontinents, seine Rache die Vernichtung oder Versklavung der Menschen, Zwerge und Elben. Der Rachegedanke war so alt wie das Ende des so genannten »Großen Krieges«.
Wenige Tage vor Drogan’t’Hars damaliger Niederlage hatte ein menschlicher Edler, dem in Gefangenschaft ein qualvoller Tod bevorstand, vor ihm ausgespien und ihn verächtlich einen »Echsenmann« genannt. Unwillkürlich ballte er die Hände zur Faust. Zorn packte ihn noch jetzt wie jedes Mal, wenn dieser Vorfall nach Jahrhunderten aus seiner ererbten Erinnerung ihm ins Bewusstsein kroch. Der Gefangene hatte für diese Beleidigung noch grausamere Qualen verdient gehabt, stattdessen hatte ihm ein einziger von Wut geleiteter Schwerthieb schmerzlos den Kopf vom Rumpf getrennt. Für die Schmach sollten die drei Völker nun büßen.

Der Kartentisch hatte enorme Ausmaße. Ein breiter Rand mit großzügiger Stellfläche umfasste eine reliefartige und maßstabsgetreue Landschaft. Vom Osten ausgehend war das ehemalige Reich der Orks und Goblins, nun seines, detailliert nachgebildet. Im Westen schloss sich hinter den Morgenbergen Siebenreich an. Wie das Land der Zwerge nördlich davon und wie das Elbenreich noch weiter westlich war es mit flachen, ungefärbten Flächen durchsetzt. Dies waren Gebiete, die der Dunkle Herrscher bisher nicht hatte auskundschaften lassen. Im Süden wiederum war Seeland lückenlos ausgestaltet. Der Grund war die Nähe zur Heimat der Goblins und zur Piratenstadt, aus der er bevorzugt seine menschlichen Späher und Meuchler rekrutierte. Aus Onyx und anderem Stein geschnitzte Kriegerfiguren warteten auf dem Rand auf ihren Einsatz. In weiteren Gruppen standen einfache Klötze bereit, allesamt in dunklen Farben. Diejenigen, die in der Miniaturlandschaft ihren Platz gefunden hatten, stellten Kampfeinheiten Drogan´t´Hars und seiner Gegner dar. Magie bewirkte, dass die Symbole dem Weg der Einheiten folgten und im Falle von deren Niederlage zu Staub zerfielen. So zeigte der Kartentisch stets die neueste Lage.
Grimmig lenkte der Dunkle Herrscher seinen Blick auf Siebenreich. Hier würde er zuerst seine Fähigkeiten einsetzen, die Beherrschung der Elemente und die Nekromantie. Die Beherrschung von Luft und Erde sollten die Menschen mit Stürmen erschüttern. In der sich öffnenden Erde würden sie untergehen! Durch die Totenbeschwörung ließe er die Gefallenen des Großen Krieges auferstehen und verstärkte mit ihnen seine Truppen.
»Das wird ihr Grauen steigern!« Grimm und Hass ließen ihn diese Worte wie zu seiner eigenen Befriedigung laut hervorstoßen. Von der Nekromantie ausgehend wanderten seine Gedanken zu den Forschungen, deren bevorstehende Ergebnisse er gespannt erwartete. Er senkte die Stimme und beendete in beinah verschwörerischem Tonfall seine Vorstellung vom Kampf gegen Siebenreich. »Auch wenn ich ihnen schon vorher unvorstellbares Entsetzen bringe.«
Ein zynisches Lächeln zog seine schmalen Lippen zurück. Die fliehende Stirn und die beinahe seitlich liegenden Nasenlöcher ließen sein Echsenmaul noch markanter und weiter vorgeschoben erscheinen. Seine Mimik entblößte zwei Reihen kleiner, aber spitzer und scharfer Zähne. Obwohl er von beinahe menschlicher Gestalt war, bezeugte ein einziger Blick auf sein Gesicht und seine schuppige Haut eine sicherlich lang zurückliegende, aber nicht zu leugnende Anwesenheit von Drachen in seinem Stammbaum.
Derzeit beherrschte er die Elemente nur ansatzweise. Der Schaffung neuen Lebens war er sich noch nicht vollkommen sicher. Dafür benötigte er ein mächtiges Werkzeug. Es erfüllte ihn mit Genugtuung, einige Fragmente davon bereits im Besitz zu haben. Und weitere, dessen war er sich sicher, befanden sich auf dem Weg in sein Reich. Er lachte auf, denn ausgerechnet seine Feinde hatten dieses Artefakt geschaffen! Zwar war es gegen ihn gerichtet, aber als ihm das erste Bruchstück in die Hände gefallen war, hatte er das Blatt zu seinen Gunsten gewendet. Seit langem schon übte er, jetzt wähnte er sich kurz vor einem ersten großen Erfolg. Es war ein mühsames Unterfangen und langwierig, aber er hatte Zeit. Er hatte ein langes Leben.

2.

»Herr!« Der junge Ork übte sich in unendlich vielen Bücklingen. »Alles ist bereit, wie ihr es befohlen habt, Herr.« Das Turmzimmer hatte er schräg hinter dem Dunklen Herrscher betreten.
Der nahm ihn erst wahr, als er seine Stimme hörte. Er drehte sich zu ihm um und hob die Hand. »Schweig!«
Er beugte sich wieder über seinen Kartentisch. Schließlich nickte er, löste Blick und Gedanken vom Kriegsgeschehen und wandte sich seinem Boten zu. »Geh voraus!«
Der Junge kam der knappen Aufforderung sofort nach. Er war das jüngste Mitglied der Leibwache, von einem altgedienten Anführer empfohlen wegen seiner Tapferkeit und seines Geschicks.
»Der Rat scheint gerechtfertigt«, sagte sich der Dunkle Herrscher, »oft genug habe ich sein Können während der Waffenausbildung im Burghof beobachtet.« Nun folgte er ihm in einigem Abstand die Wendeltreppe hinab, sie schien endlos. Sie hatten den Turm verlassen und unterwegs einen Blick durch den offenen Zugang in den großen Saal geworfen. Hier hinein befahl der Herrscher ab und zu seine Anführer zu Lageberichten. Weiter unten ließen sie ein bewachtes Gittertor aufschließen und stiegen dahinter ungezählte Windungen hinab. Aus den Verliesen unterirdischer Kerkergeschosse hallten ihnen das Stöhnen und die Schreie der Gefangenen entgegen, die auf ihre Läuterung oder auf ihren Tod warteten. Ungerührt gingen sie weiter.
Unentwegt berichtete der junge Ork darüber, was seinen Herrn erwartete. Mehrmals blieb er dabei stehen. »Herr, die Formen haben wir abgenommen, wie ihr befohlen hattet. Genau zum angewiesenen Zeitpunkt. Es ist alles fest, nichts ist abgebrochen, wir haben …«
»Schweig!« donnerte der Sohn des Drachen noch einmal. Er war ungehalten. Nicht nur, weil die Erklärungen des Rekruten unnütz waren, er wusste schließlich, was er zu sehen bekäme, sondern wegen dessen Ungeduld. Er überlegte, ob er ihn aus seiner Leibwache entfernen lassen sollte. Sie erreichten einen Gang, der geradeaus leicht ansteigend wieder nach oben führte. Als sie an dessen Ende in den großen Raum traten, hatte er den Entschluss gefasst, den jungen Ork mit Strenge zu Geduld und Beharrlichkeit erziehen zu lassen.
Der Raum war riesig. Licht fiel durch Gitter weit oben in der Decke. Die Kommandos und das Waffenklirren, die von dort hereindrangen, machten klar, dass sie sich unter dem Burghof befanden, auf dem die Leibwache übte. Dort hinauf führte eine steile Rampe in einem Tunnel, der so hoch war wie der Raum selbst, und dessen Ende ein schweres, hohes Tor versperrte.
Drogan’t’Har trat zu einem der hüfthoch gemauerten Sockel, die die Wände säumten. Zufrieden betrachtete er das mehrfach mannsgroße Objekt, das darauf ruhte. Zwei, drei Wesen – Goblins, kleiner als Orks, aber geschickter – rutschten auf Knien über den Sockel, beugten sich über das Objekt. Sie entfernten letzte Reste der Form, in der es entstanden war, und raspelten die Ränder glatt, dort, wo die Teile der Form vereinigt gewesen waren. Zwei andere waren dabei, die Oberfläche zu verfeinern. Der Anblick seines Werkes erfüllte den Dunklen Herrscher mit Stolz. Vor seinem geistigen Auge sah er es in den Krieg ziehen, ein Wegbereiter für seine Orks und Goblins. Aber noch war es nicht vollendet! Eines seiner Fragmente hatte ihm ermöglicht zu schaffen, was er sah. Zeit und schier unendliche geistige Kraft hatte es ihn gekostet, zahlreiche Rückschläge hatte er erleiden müssen. Nun sollte ein anderes Bruchstück ihm helfen, sein Werk zu vervollkommnen. Er hatte alle mitgebracht, nun legte er sie in einer bestimmten Anordnung auf ein Pult vor dem Sockel.
Seit seinem Eintritt hatten die Goblins sich noch mehr beeilt, ihre Tätigkeit zum Abschluss zu bringen. Mit gesenkten Häuptern vermieden sie, ihrem Herrn in die Augen zu sehen. Er wartete stumm und reglos, bis ihre Arbeit getan war. Als sie vom Sockel rutschten, verwies er diejenigen, die nicht eilends von selbst den Ausgang suchten, mit einem harschen Kommando des Raumes.
Als er sich allein wusste, schob er die Ärmel seiner mit Goldfäden bestickten Robe über die Ellbogen hoch, um die Arme besser bewegen zu können. Das Ritual konnte beginnen.

© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Das erste Kapitel aus Kothes Fantasy-Roman »Siebenreich – Die letzten Scherben«. Mehr Information auf https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/ und https://das-buch-siebenreich.jimdosite.com

Xanadusel

Von Zartelli

Es erfüllt mich mit Stolz, dass der große Tom Paradiesel, dieser begnadete Künstler, Cojo, Sandra und mich, die Melonautencombo, zu seiner Vernissage in die Sternbald-Galerie eingeladen hat, als „meene musikalische Wundertüte: Kohle is keen Problem; und für reichlich Schampus is jesorgt, meene Süßen!“ Ich bin ein wenig geblendet von dem weißgoldglänzenden Hemd, das Tom in seine passgenaue hellrote Hose gesteckt hat. Er breitet die Arme aus, dreht sich herum mit seinem schräg aufgesetzten schwarzen Cowboyhut und blickt strahlend auf die überwiegend großformatigen Bilder an den Wänden und auf den Staffeleien. Seine Werke sind überwältigend in ihrer Farbenpracht. Ich komme mir vor wie in einem exotischen Garten, voller seltsamer Wesen: Pflanzenschlangen unter Wasserströmen auf der Jagd nach Riesenkopfoktopussen, fliegende Hundestiere über einem Waldsalat aus oszillierendem Gemüse. Auf Bildrändern schweben rötliche Liebesmoleküle mit Facettenaugen, in vertieften Mittelflächen ragen Sonnenkreise aus einem Blütenmeer von Königslilien. In einem Blätterkonglomerat von bunten Glasstücken turnen gehörnte Lemuren und geflügelte Möpse; aus einem Dschungel, gestiftelt wie aus Rote Beete und Zucchini, ragen auf langen Hälsen Giraffenköpfe und Dinos hervor, in sanftmütiger Sehnsucht, und ein Delophant balanciert auf dem Trabanten Tohu mit den Bällen des Wabohu.

Süßliche Düfte ziehen durch den Raum, in den sich inzwischen zahlreiche Gäste eingefunden haben. Frauen glänzen in den unterschiedlichsten Garderoben, oft in afrikanischem oder indischem Stil gewandet, Männer posieren in Anzügen, schwarzen Lederhosen, Schlupfhosen, Rüschenhemden, Slimshirts. Ein Glas wird angeschlagen. Galerist Sternbald, füllig, unrasiert, mit weißgrauer Mähne unter einem gewaltigen Strohhut, zeigt sich glücklich, Tom Paradiesel begrüßen zu dürfen, einen der „originellsten und vitalsten Künstler der Gegenwart!“

Tom, mit einem Blatt Papier in der Hand bewaffnet: „Ick freu mich wahnsinnig, dass ihr alle herjefunden habt. Anstatt euch mit ner langweilijen Rede zu traktieren, hab ick mir wat anderet einfallen lassen. Also spitzt einfach mal schön die Öhrchen: Ihr werdet durch meen Luftreich jagen, all ihr Geißel-Stierchen. Ihr werdet sagenhaft tief eintauchen in meen Wonnemondmysterium, um et zu erfüllen, meen Fruchtsaftversprechen, dit euch kirre macht vor lauter Liebeslust. Dann wirst du, Bruder Heribald, den Fußballjott verjessen haben, wirst nich wie´n Aschenbecher stinken, nich nach Freibier schreien, sondern nach dem Muttersaft aus der Tiefe meener Ekstasequelle. Und wir werden uns besoffen inne Wolle wagen, uns den Ernst des Lebens aus der Birne schlagen, bis wa nich mehr wissen wollen, wat wa waren, wer wa sind oder wie wa zu sein haben. Darauf kannste eenen lassen, meen maroder Eiertänzer!“

Die Feuchtfröhlichkeit seines Vortrags hat sich auf die Versammelten übertragen. Der Beifall wird hie und da von juchzenden Ausrufen begleitet. Tom bedankt sich bei allen, die ihm die Ausstellung ermöglicht haben, bekundet, wie glücklich er darüber sei, hier ausstellen zu dürfen und wie sehr es ihn freue, die Melonauten-Combo als besonderen Act für diesen Abend gewonnen zu haben. Sandra, Cojo und ich fackeln nicht lange und rocken munter los:

Die Wahrheitsleugner meinen – dass ich nur vor mich hin spinn
sie halten meine Botschaft – für eingemachten Unsinn
ihr habt doch keine Ahnung – ihr habt es nicht gecheckt:
das geniale Feuer, das mir in der Hose steckt
Niemand kann mich bremsen, mich hygienegeiles Rindvieh
ich fick dich dummes Querschwein, hier in der Galerihie
den Covidiotenhintern, halt ihn doch endlich still,
weil ich ihn maskieren, ihn jetzt maskieren will:
Ich bin endlich geheilt – ich bin born born to be child
Gott wie bin ich high – I´ll never ever die

Wir haben das Lied als unser eigenes ausgegeben, obwohl sich für rockhistorisch Gebildete in der Refrainmelodie das Steppenwolf-Original unschwer erkennen lässt. Doch meine Befürchtung, es könne sich unter den Gästen der Spion eines Urheberrechtssyndikats eingeschlichen haben, ist so gut wie verschwunden. Dreimal wiederholen wir den Refrain und fast alle aus der Galeriegemeinde schmettern ihn tüchtig mit, ohne jeglichen Mund- und Nasenschutz, wie wunderbar! Auch bei der nächsten Nummer droht uns die Gefahr einer Urheberrechtsverletzungsklage. Doch alle fallen begeistert in den Kehrreim ein:

Wunda wundern imma wieda, wär`n wa nich so blöde, würden wa vastehn:
Wunda sind wat janz Normalet, volljepumpt mit Impfstoff können wa se sehn

Tom verspricht nun einen besonderen Leckerbissen, dessen Beuteprofil unseren wackeren Urheberrechtskontrollspion in Ekstase versetzen dürfte: Toms ultimative Coverversion seines Lieblingsliedes. Ich habe nichts davon geahnt. Cojo spielt ein Arpeggio, dazu einen gängigen Basslauf, Sandra und Tom singen gemeinsam a place where nobody dared to go, the love that we . . . und mir wird nun klar, dass sie mich reingelegt haben. Zumindest Cojo weiß genau, wie grauenhaft ich dieses „Xanadu“-Zeug finde! Xanadu, jener sagenhafte Ort in China, dessen göttliche Hygiene nur eine einzige Infektion zulässt: die Infektion der ewigen Liebe – o Gott! Aber: Sandra und Tom singen die Schnulze mit einem schrägen Pathos und so scharmant, das sie sich ihre glücksgläubige Sentimentalität irgendwie bewahren können. Ich gebe mich geschlagen und begleite das Stück mit einigen Melodiebögen und einem besonders kitschigen Solo. Dabei fällt mein Blick auf Meene Lucy, das größte Bild dieser Ausstellung: eine Pop-Maharani zieht auf einem prächtigen Patchworkelefanten in eine Oase ein, wo zwischen kuchenartigen Bungalows Lorbeer- und Löwenzahnpalmen wachsen. Wesen mit Affen- und Hundeköpfen auf nahezu nackten Menschenkörpern begrüßen Lucy wie eine Erlöserin. Ihre rechte Hand scheint in einen Regenbogen aus Edelsteinen hineinzugreifen, der sich fast über den gesamten Himmel erstreckt. O ja, meene Lucy, ich liebe dich! Umso mehr, als wir Melonauten noch nie derart enthusiastisch aufgenommen worden sind. Was immer wir anbieten, erfährt eine überaus herzliche Aufmerksamkeit, sicher begünstigt durch die besonderen Schwingungen dieses lichtdurchfluteten Veranstaltungsortes.

Das nächste Lied hat die Melonautencombo gemeinsam erarbeitet, getragen von einem Gefühl liebevoll-wehmütiger Leichtigkeit und in dankbarem Gedenken an einen der größten Humoristen unseres Landes:

Es wirkt oft so verloren wie ein sehnsuchtkrankes Kind unter all den HomoToren
die so aufgeblasen sind. Treulich muss es hier verharren, Wesen nicht von dieser Welt
und wir machen uns zum Narren, solange wie das Möpschen bellt
Es ist machbar – für gewöhnlich- so ein Dasein ohne Mops
Es ist machbar – aber lieblos – unser Dasein ohne Mops

Wir fragen uns verwirrt, wohin das Leben uns noch führt, wir fragen immerzu,
warum das Möpschen uns so rührt. Doch in seinen lieben Augen können wir es sehn –
erkennen voller Staunen unser Wesen nackt und schön:
Es ist kein Leben so ein Leben – leben wir es ohne Mops
und wenn wir noch so an ihm kleben – einem Leben ohne Mops:
es ist herzlos – wie vergebens – dieses Leben ohne Mops
und höchst qualvoll – wenn wir sterben – sterben wir es ohne Mops

Ist das Magie? Wir singen die letzten Zeilen, alle miteinander, immer wieder, ein überwältigendes Bekenntnis zu unserer Kreatürlichkeit, aus vollen Herzen und Bäuchen. Amet, die Göttin des Spaßes, beherrscht uns nun bis in die Tiefenzonen unserer Eingeweide. Ja, lasst uns Spaß treiben, ohne Gnade! Kümmern wir uns nicht um all jene, die uns die Welt zur Hölle jammern, all jene, die auf dem Fett unserer Ängste schwimmen, die sie uns unablässig einzureden suchen, damit wir verlernen, einander als freie Menschen zu begegnen. Ignorieren wir die Hirnakrobaten, die uns mit ihren hochgetrabten Nullitäten das Gemüt verkleben. Halten wir uns von allen Kandidaten fern, die uns mit ihren Qualverlautbarungen in die Verliese ihres Verfehltseins sperren. Ja ich singe mich euch, die ihr mit mir in den Rausch einer frohsinnigen Resonanz geraten seid, singe, in dieser Galerie, als Kehlkopfmeister unserer innerlich tierköpfigen Oasenvolksnatur, singe zu ihr, der ganeshagetragenen Maharani, Königin der bunten Diamanten, singe zu den filigranen Klangmustern meiner Liebesleier ganz spontan die Quintessenz dessen, was ich hier und jetzt durch euch erfahren habe. Und all ihr Neuropathen, Idiokraten, Hygienespießer, Kindherzquäler: murkst uns nicht die Aussicht zu. Soll euer Labyrinthgefasel doch verfaulen im Sumpf eurer Maulflusssperren!

So bleibt er geschützt, singend unterm Sonnenbogen – der zarte Oasenkern!

© zartelli 2021
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Kontakt: zartelli@yahoo.de
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Bipolar

Von Renate Schiansky

Das rote Cabrio jagt mit röhrendem Motor über die Landstraße, schnell und immer schneller geht es dahin, die Landschaft rast an uns vorbei; Bäume, Sträucher und Blumenwiesen verschwimmen wie Farben auf nasser Seide. Im Fahrtwind fliegt das Haar, wie ein Banner weht mein bunter Seidenschal. Die Reifen quietschen in der Kurve, kurz schlingert der Wagen. Wir sehen einander an, lachend, uns passiert nichts, wir sind jung, wir sind unsterblich! 150, 160 km/h. Hoffentlich steht nirgendwo eine Radarbox. Und selbst wenn: es ist egal! Daniel singt alte Italienische Popsongs, er kennt sie alle auswendig. Die Sonne scheint, die ganze Welt steht uns offen. Wir genießen das Leben in vollen Zügen. Parken das Cabrio irgendwo am Straßenrand, laufen über die Wiesen, die Blumen duften, ich breche eine Rose vom Strauch und nehme sie mit. Wir kaufen uns einen eigenen Garten, sagt Daniel, dort pflanzen wir Rosensträucher und Apfelbäume! Ein Eiskaffee im Gastgarten, ein Spaziergang das Ufer entlang um den See. Wir schwimmen eine Runde, das Wasser ist angenehm warm. Am Abend gönnen wir uns ein Glas Wein in der Strandbar, wir machen Pläne für den Urlaub am Meer.

Die schweren dunklen Vorhänge sind zugezogen. Als Daniel es endlich aus dem Bett schafft, steht die Sonne bereits hoch am Himmel. Für die Morgentoilette braucht er viel zu lange. Zitternde Finger sortieren die Tabletten. Auf dem Stuhl liegt die Wäsche: Slip, Socken, Jeans. Die Wahl des T-Shirts wird zur Qual. Ich richte sein Frühstück her, Daniel knabbert lustlos an einem Käsebrot. Welche Schuhe, welche Jacke? Entscheidungen, die er nicht treffen kann. Routine ist wichtig, sagt der Arzt, auch wenn der tägliche Spaziergang durch den Park beinahe schon Zwang ist. Daniels Schritte sind schleppend, seine Worte ein Flüstern. Die Welt da draußen ist ihm viel zu laut, zu schrill, zu bunt. Daniel will niemanden sehen, will mit niemandem reden. Ich vertröste seine Freunde. Er geht nicht ans Telefon, liest keine Mails, öffnet keine Post. Zu groß ist die Angst davor, auf etwas reagieren, auf irgend eine Weise aktiv werden zu müssen. Wir spielen Pachisi oder Memory, zur Ablenkung, und um das Gehirn zu beschäftigen. Wir lesen viel in dieser Zeit.

Das rote Cabrio steht zugedeckt in der Garage.

Aber ich weiß, irgendwann wird es wieder mit röhrendem Motor über die Landstraßen jagen!

© 2021 Renate Schiansky
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Schlotterer

Von Johannes Morschl

„Mir macht das Schreiben Angst, es läuft mir immer aus dem Ruder, es kommen da Sachen heraus, die ich nie und nimmer schreiben wollte“, sagte sich der in die Jahre gekommene Schriftsteller Max Schlotterer, während er auf den Bildschirm seines Laptops starrte und las, was ihm da wieder aus dem Ruder gelaufen war.

„Du bist auf dem neuesten Stand der Selbstzerfleischung. Letzte Überprüfung: Heute 0 Uhr 27. Du kannst dich beruhigt weiter selbst zerfleischen, angetrieben von einer paranoiden Gehirnschaltung, die nicht abzustellen ist und ihren Ursprung im Trauma der Geburt hat, in jenem qualvollen Sturz in eine Welt, in der es nur eine einzige Gewissheit gibt, nämlich die, dass man irgendwann sterben muss. Aber, aber! Wer wird denn gleich so pessimistisch sein? Das ist ja düsterster Existenzialismus, gemixt mit der Theorie vom Trauma der Geburt als dem eigentlichen Ur-Trauma jedes Menschen, wie sie der Freud-Schüler und spätere Dissident der Psychoanalyse Otto Rank in seinem 1923 erschienen Buch Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse entwickelt hat. Mir scheint diese Ur-Trauma-Theorie durchaus plausibel zu sein, auch wenn Geburten sehr unterschiedlich verlaufen können, es gibt schwere und leichte Geburten. Aber ihnen gemeinsam ist es, dass man plötzlich aus der Geborgenheit in der warmen Höhle des Mutterleibs herausgepresst wird und in einer riesigen kalten und völlig fremden Welt landet. Das ist ein zutiefst schockierendes Erlebnis. Kein Kind kommt mit einem Lächeln zur Welt, sondern zerknautscht und oft mit dem berühmten ersten Schrei, der meines Erachtens trotz anderslautender medizinischer Erklärung ein Schrei des blanken Entsetzens ist. Beim Sterben hingegen ist es anders, da stirbt manchmal jemand mit einem Lächeln im Gesicht, während rundherum alle heulen. Eigentlich ist das eine Frechheit von der sterbenden Person, aber man kann ihr ja nicht sagen, sie soll mit diesem Lächeln aufhören, das sei pietätlos angesichts der Tränen der sie umgebenden Nächsten. Es wäre ja sinnlos, dies zu einer sterbenden Person zu sagen, nein, nein, man soll sie in Frieden sterben lassen, auch wenn sie unverschämt glückselig lächelt, so als wolle sie sagen: Ich habe es hinter mir, ihr aber müsst dieses Irrenhaus noch weiter ertragen.

Auch meine Mutter starb mit einem Lächeln im Gesicht. Ich muss gestehen, dass sie das erste Objekt meiner sexuellen Begierde war. In meiner Pubertätszeit, als ich mehrmals am Tag und in der Nacht onanierte, fantasierte ich beim Onanieren, dass meine Mutter nackt neben mir lag und mir in keinen Widerspruch duldendem Ton befahl, meinen Samen auf ihre großen dicken Brüste zu ergießen, sodass mir gar nichts anderes übrig blieb, als zu gehorchen. Nach der Ejakulation bekam ich immer ein schlechtes Gewissen, das mir sagte, solche Fantasien gehörten sich nicht. Und gar nicht auszudenken, wenn das mein bärenstarker Vater gewusst hätte, der hätte mich halbtot geschlagen. Aber die Fantasien kamen mir immer wieder, ich war ihnen hilflos ausgeliefert. Als ich anlässlich der Hochzeit meiner Kusine Susi, der Tochter von Onkel Franz, dem älteren Bruder meiner Mutter, das erste Mal eine Krawatte trug, erdrosselte ich mich fast mit der zu eng gebundenen Krawatte, was ganz offensichtlich ein unbewusster Akt der Selbstbestrafung wegen meiner sexuellen Fantasien mit meiner Mutter war. Ich stellte mir bei Susis Hochzeit vor, mit meiner Mutter vor dem Traualtar zu stehen, sie splitternackt mit weißem Brautschleier und ich in schwarzem Anzug neben ihr, halb erwürgt von meiner silbergrauen Krawatte.

Von wegen der Mensch, das vernunftbegabte Wesen! Triebgesteuert ist man, von Geburt an triebgesteuert! Das mildert sich erst im Alter ab, falls man ein solches überhaupt erreichen sollte und sich nicht schon vorher zu Tode gesoffen hat. Ich wundere mich sowieso, dass ich all meine Alkoholabstürze mehr oder minder unbeschadet überlebt habe. Es ist zwar einerseits entlastend, im Alter nicht mehr so triebgesteuert wie in jüngeren Jahren zu sein, aber andererseits vermisst man auch etwas und Wehmut breitet sich aus, wie schnell so ein Leben vergeht. Allerdings gibt es da auch die sogenannten Lustgreise, die sich einbilden, ewig jung zu bleiben und eine Ausstrahlungskraft auf junge Frauen zu haben, die jener von Giacomo Casanova, dem berühmten venezianischen Sexakrobaten und Frauenverführer aus dem 18. Jahrhundert gleichkäme. Onkel Willi, der Bruder meines Vaters, der das stolze Alter von 94 erreichte, war so ein Möchtegern-Casanova. Er war viermal verheiratet, seine Ehen hielten nie lange. Er fuhr noch als über 80-Jähriger jeden Sommer nach Ibiza, lag dort in sehr knapp sitzender, gerade noch so das Genitalbereich bedeckender Badehose in einem Liegestuhl am Strand, trug dabei auffällig große dunkle Sonnenbrillen, die an Onassis denken ließen, und beobachtete die jungen Frauen in Bikinis. Die älteren Frauen interessierten ihn nicht, die ignorierte er. Wenn ihm eine junge Frau einen Blick zuwarf, glaubte er sofort, sie wäre scharf auf ihn. Nun wurden ihm durchaus so manche Blicke von jungen Frauen zugeworfen, aber höchstwahrscheinlich nur deshalb, weil er ihnen mit seinen merkwürdigen Sonnenbrillen aufgefallen war. Wer weiß, was sich die jungen Frauen dabei gedacht haben mögen, vielleicht, das ist so ein alter Spanner, der sich hinter seinen monströsen Sonnenbrillen am Anblick junger Frauen in Bikinis aufgeilt. Ob der überhaupt noch einen Steifen bekommt, ja ob der überhaupt noch einen Schwanz hat, den man auch als solchen bezeichnen kann, und der nicht bloß so ein verschrumpelter Greisenstummel ist?

Igitt, igitt! Verschrumpelter Greisenstummel! Wie unappetitlich! Unwillkürlich begann ich zu schlottern. Nun gut, dass ich irgendwann in diesem Text zu schlottern beginne, drängt sich geradezu auf, wenn man so wie ich Schlotterer heißt. Das ist nicht besonders originell. Warum muss ich auch ausgerechnet Schlotterer heißen? Warum nicht Meier oder Müller? Als Meier oder Müller wäre ich erst gar nicht auf die Idee gekommen, wegen so einer Lappalie wie einem verschrumpelten Greisenstummel zu schlottern. Dessen ungeachtet begann ich zu schlottern. Es war ein Schlottern, das von innen her kam, den ganzen Körper erfasste und dessen Ende nicht abzusehen war. Schlimmstenfalls würde es bis zu meinem Tod anhalten und schlotternd würde ich meinen letzten Atemzug machen. Aber als Toter würde ich nicht mehr schlottern, Tote schlottern nicht, oder hat man schon jemals eine schlotternde Leiche gesehen? Ich überlegte, wie ich dieses lästige Schlottern wieder loswerden könnte und beschloss, es mit einer paradoxen Intervention zu versuchen. Ich übertrieb das Schlottern und begann absichtlich so stark zu schlottern, dass es dem Schlottern, das von innen her kam, zu blöd wurde und es wieder verschwand. Ich spürte zwar das Verschwinden des von innen her kommenden Schlotterns, traute dem aber nicht ganz. Vorsichtig ließ ich mein absichtlich übertriebenes Schlottern ausschlottern, bis ich mir ganz sicher war, dass darunter kein instinktives Schlottern mehr sein Unwesen trieb. Ich war sichtlich erleichtert, als ich feststellen konnte, dass es sich tatsächlich wieder ausgeschlottert hatte.“

Hier endet Schlotterers wieder einmal aus dem Ruder gelaufener Text. Nachdem er mit dem Durchlesen des Geschriebenen fertig war, sagte er sich: „Kein Wunder, dass mir das Schreiben Angst macht. Es macht mit mir, was es will. Das ist mir unheimlich.“ Doch dann fiel ihm ein Spruch von Karl Kraus ein, dem einzigen Österreicher, den er vorbehaltlos verehrte, ansonsten waren ihm die Österreicher eher suspekt, was vor allem daran lag, dass er selbst ein gebürtiger Österreicher war. Der Spruch von Karl Kraus lautet: „Weh der Zeit, in welcher Kunst die Erde nicht unsicher macht und vor dem Abgrund, der den Künstler vom Menschen trennt, dem Künstler schwindlig wird und nicht dem Menschen!“ Dieser Spruch bestärkte Schlotterer, den Entgleisungen seines Schreibens standzuhalten und jenen Kontrolletti in ihm, der ihn beim Schreiben beobachtete und sein Schreiben total in Frage stellte, ganz einfach zu ignorieren. Doch der Kerl ließ sich nicht abschütteln. Spöttisch sagte er zu Schlotterer: „Bemühst du jetzt Karl Kraus, um den Unsinn, den du schreibst, zu rechtfertigen? Der würde sich im Grab umdrehen, wenn er deine Texte lesen könnte.“ Daraufhin beschloss Schlotterer, sich eine Frau zu suchen, die reich war und ihn durchfüttern konnte, denn er stand wieder einmal kurz vor der Obdachlosigkeit. Ihm fiel jene vollschlanke Millionärin ein, die er bei einer Lesung in Hamburg kennengelernt hatte und die ihn nach der Lesung zu verführen versuchte. Leichtsinnigerweise hatte er sie abgewiesen. Seine antikapitalistische Einstellung war ihm dazwischengekommen. Das könnte er vielleicht noch nachträglich korrigieren, ihre Handynummer hatte er ja noch. Sie würde dann seine Ersatzmutter werden, mit der er endlich jenen Sex machen könnte, den er mit seiner Mutter nur in der Fantasie machen konnte. Aber ob der besser sein würde, als der einst fantasierte mit seiner Mutter? Das schien ihm dann doch höchst fraglich zu sein.

© 2021 Johannes Morschl
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Tote Fische

Von Anna Schöne

„Fass das nicht an!“ haben sie gesagt, als ich mich gebückt hatte. Unsere Augen – meine neugierig, seine panisch – waren beinahe auf einer Höhe gewesen, mein Kopf hatte das Straßenpflaster berührt. „Vielleicht ist es ansteckend!“, haben sie gesagt. Und dann habe ich es tatsächlich liegen lassen.
Das arme kleine Vogelküken. Die kleinen Vogelfüße haben es nicht mehr getragen. Und das scheußlich und doch irgendwie so niedlich durcheinander gebrachte Gefieder hat sich in mein Gehirn gebrannt. Der kleine Brustkorb hatte sich, beinahe flehend, gehoben und war dann erschöpft wieder in sich zusammengefallen. Ein Vorgang, der sich so oft wiederholte, dass mein Mitleid zu einem Helferdrang geworden war. Doch ich ignorierte es.
Der großen Leute wegen.
Schließlich waren sie es, die immer Recht hatten. Ich habe noch oft an den kleinen Vogel gedacht. In Gedanken habe ich ihm sogar einen Namen gegeben.
Manches Mal habe ich noch an seine winzigen Schreie und seine kleinen Augen gedacht, die mich so hilflos angeschaut hatten. Ich habe mich gefragt, was er getan hätte, wäre er an meiner Stelle gewesen. Ich weiß nicht, was es ist, das mich zu dieser Annahme bewegt, doch ich bin mir sicher, er hätte mir geholfen. Vielleicht hätte er mir sogar einen Namen gegeben. Damals hatte ich nicht verstanden, was die Erwachsenen dagegen hatten, doch jetzt weiß ich, dass es ihre Einstellung ist. Ihre engstirnige Einstellung zum Leben. Die großen Leute interessieren sich nicht für etwas wie einen kleinen Vogel, der piepst und vergeblich nach Hilfe ruft. Es ist ihnen egal, was bei den anderen passiert, solange der Rasen nicht länger wird als 5 Zentimeter und die Mülltonne pünktlich um 20 Uhr vor der Tür des feinen Reihenhauses steht. Sie denken, sie sehen die Welt als Ganzes. Doch die, wirklich wichtigen Dinge bleiben ihnen verborgen. Es ist ihnen wichtig, dass du ein Eigenheim besitzt oder viel Angespartes auf dem Bankkonto. Doch wann haben sie dich das letzte Mal gefragt, wie es dir wirklich geht? Und es nicht als Lückenfüller genutzt, um ein eh sinnloses Gespräch über die Börse oder andere Nichtigkeiten am Laufen zu halten?
Ich frage mich, wie sie sich fühlen würden, wären sie für einen Moment dieser hilflose, kleine Vogel. Würden sie ihren Blick auf das Leben ändern? Oder würden sie danach in ihren tristen Alltag zwischen Plastik und Fremdenhass zurückkehren? Manchmal, wenn man ganz genau hinschaut, dann kann man auch bei ihnen das Kind, welches sie einst gewesen sind, sehen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob sie es selbst sehen und wenn doch, ob sie es wollen. Vermutlich kommt es ihnen skurril vor, so etwas in sich selbst zu entdecken. Sie kämpfen dagegen an und verschließen ihre Augen davor. Dann sperren sie sich wieder in ihr einsames Spießbürgerleben ein. Denn, sind sie nicht genau das? Einsam?
Ein Kind lächelt, wenn es sich freut, weint, wenn es traurig ist und schreit, wenn die Wut es packt. Die großen Leute lächeln, wenn sie sich freuen. Sie lächeln, wenn sie traurig sind und auch, wenn die Wut über sie hereinbricht. Es könnte ja einer denken, sie seien nicht glücklich in ihrem eigentlich viel zu großen Eigenheim, mit ihrem 5 Zentimeter hohen Rasen oder ihrem Einsatz an der Börse. Einst hatte ich eine Frau kennengelernt. Ich war mir schon fast sicher gewesen, dass die Welt der Erwachsenen auch mich bald in ihre Fänge ziehen würde. Doch es schien Ausnahmen zu geben. Solche, die die Welt zu schätzen wussten und solche, die ihr Ding durchzogen. Ihre Worte klingen noch heute in einem Kopf, als wäre es nicht länger her als fünf Minuten. „Nur tote Fische treiben mit dem Strom.“ Ich verspreche, das nächste Mal werde ich den Vogel aufheben. Ich werde seinen Namen aussprechen.

© 2021 Anna Schöne
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