Wo sind die Ziegen geblieben?

Von Anna B.

Mit teils gemischten Gefühle erinnere mich an viele Urlaube auf griechischen Inseln. Es gab Zeiten, als die Strände noch fast leer waren, nirgendwo Liegen oder Schirme, einige Rucksacktouristen schliefen am Strand. Die Unterkünfte waren nicht gerade komfortabel. Die Toiletten wurden eher selten gereinigt, waren oft verstopft und nur mit einem Loch ausgestattet. Bei einem der ersten Aufenthalte auf Kreta frühstückten wir täglich in einem von Griechen und Touristen gleichermaßen gut besuchten alten Café. Der Wirt hatte gelernt, dass die Touristen gerne weiche Eier bestellen. Das griechische Frühstück besteht für die Griechen nur aus schwarzem Kaffee und einer Zigarette. Griechische Frauen sah ich nie im Café. Der Wirt bot um wenige Drachmen Joghurt mit Honig, Brot, Butter, Marmelade und eben auch Eier an. Ca. ein Dutzend Eier lagen in einem Topf mit heißem Wasser auf dem Herd. Bestellte man ein Ei, bekam man irgendeines aus dem Topf, es war entweder noch fast roh oder schon hart. Ein richtig weich gekochtes Ei war ein Glückstreffer. Bestellte man einen Ouzo wurde man aus dem Lokal gewunken. Alkohol gibt es erst am Nachmittag. Am Abend wurde die Hauptstraße für Autos gesperrt, Tische und Sesseln für die Besucher wurden vorbereitet. In den Küchen konnte man die wenigen Gerichte – meist in Öl schwimmend – einsehen und auswählen. Zu trinken gab es Retsina und Wasser. Vielleicht auch Mythos Bier.

Damals fuhr ich oft mit meinem Mann auf dem Motorrad durch die Gegend. Man konnte einfache Fahrzeuge recht günstig mieten. Ich klammerte mich etwas ängstlich an ihn, nach wenigen Kilometern begann mir der Arsch weh zu tun. Nach einer Stunde brauchte ich eine Pause. Manchmal kamen uns Schafherden oder Ziegen entgegen und wir mussten warten, bis das liebe Vieh den Weg wieder frei gab. Den Geruch habe ich heute noch in der Nase. Wir liebten diese Fahrten, je nach Jahreszeit pflückten wir Orangen, Feigen oder Weintrauben als Wegzehrung. Manchmal nahmen wir einen öffentlichen Bus und ließen uns über Serpentinen in die Bergdörfer fahren. Enge Straßen, abenteuerliche Manöver mit klapprigen Fahrzeugen. Ich bewunderte die Chauffeure. Der Rückspiegel über dem Fahrersitz war immer mit diversen Devotionalien behangen. Griechische Schnulzen erfüllten den Bus. Der Fahrer blieb stehen, wenn jemand am Straßenrand winkte, sichtbare Haltestellen gab es nur wenige.

Heuer war ich nach einigen Jahre Pause wieder in Griechenland, in einem Touristennest. Unglaublich viele Österreicher tummeln sich dort herum. Der Strand ist auf einigen hundert Metern mit Liegen und Schirmen ausgestattet. Die ganze Stadt ist voll von Bars, Cafés und Restaurants und Hotels aller Art. Ich erkannte kaum mehr etwas wieder.

Die Atmosphäre ist aber immer noch sehr angenehm. Die Leute sind freundlich, unaufgeregt und nicht aufdringlich. Das Essen schmeckt meist wunderbar und schwimmt selten in Fett. Völlig neu waren für mich die herrlichen Weißweine. In einem Lokal bekamen wir sogar Pilsner Bier. Ein Restaurant mit dem Namen Palm Tree zeigte uns zwei Gesichter. Tagsüber waren die Tische mit vielen Griechen besetzt, die lautstark und lachend gemeinsam aßen, tranken und rauchten. Wir fühlten uns sehr wohl, wurden von einer jungen Frau freundlich bedient und wollten einmal am Abend dort essen. Wir wurden mit gedeckten Tischen überrascht und mit den Worten „Have you made a reservation?“ begrüßt. Nein, hatten wir nicht, durften uns aber trotzdem niederlassen. Ein Ober im weißen Hemd kam mit zwei Kuverts an den Tisch, für jeden eines, darin befand sich eine auf teurem Papier gedruckte englische Speisekarte. Wir nahmen zwei kleine Speisen und tranken einige Gläser Wein. Palm Tree sah uns nie wieder. Wir fanden einige Lokale, die an die Gemütlichkeit von früher erinnerten und heute mit sauberen WCs und Waschgelegenheiten ausgestattet sind.

Zwei Dinge habe ich besonders vermisst. Erstens die Sterne. Die Unsitte, die Straßen in der Nacht voll zu beleuchten und die vielen Lichter vor den Hotels und Lokalen, die bis spät in die Nacht Gäste bewirten und betreuen, lassen den Himmel wie eine riesige graue Glatze mit blassgelben Punkten erscheinen. Ich hatte mich so auf den strahlenden Sternenhimmel gefreut. Wir sind auch einige Male mit dem Bus durch die Gegend gefahren, die Orte sind verwaist und Schafe oder Ziegen sieht man nur vereinzelt in abgezäunten Gärten. Um Sterne und Ziegen zu sehen, fährt man besser wo anders hin. Die Idylle von früher hat sich klarerweise gewandelt, die Griechen wollen auch nicht in der Steinzeit hängen bleiben, aber der Tourismus hat vieles zerstört. Trotzdem liebe ich das Land immer noch.

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Odos Kiafas, 65 302 Kavala

Von Hans Peter Flückiger

395 Strassen gibt es in der nordgriechischen Stadt Kavala. Dazu kommen 23 Kirchen und 13 Plätze. So ist es zumindest auf dem Stadtplan im Verzeichnis der Strassen, Kirchen und Plätze vermerkt. Von A wie Odos Averof in den Feldern D-E10 bis PSI wie Odos Psaron in Feld E 11. Beschriftet sind die Strassen mit blauen, rechteckigen Schildern. In der neusten Fassung sind oben links die griechische und oben rechts die Flagge der Europäischen Union aufgedruckt. Dazu kommen die Strassenbezeichnungen in griechischer und lateinischer Schrift. In grossen Lettern. Beispielsweise ΟΔΟΣ ΚΙΑΦΑΣ – KIAFAS STREET.

Bemerkenswert ist, dass jedes geteerte, gepflasterte oder sonst wie verkehrstüchtig gemachte Stück Boden eine Odos, eine Strasse ist. Die grössten wie eine Ethniki Odos (Autobahn), Haupt- und Nebenstrassen ausserhalb der Dörfer und Städte und in diesen die Boulevards, Einkaufsstrassen und Verbindungswege jeglicher Art. Auch die Odos Kiafas, ein kleiner Teil des Strassengewusels auf dem Souyiolou, wie das zweitälteste Quartier der Stadt heisst.

Die Bezeichnung Gasse oder gar Gässchen wäre zutreffender. Zumindest im ersten Teil. Um gegen das Ende hin strassenähnliche Züge anzunehmen. Den Anfang nimmt sie an der Odos 13 Septembriou, um nach 130 Schritten an der Odos Tsavela zu enden. Vorbei an fünf Strassenlaternen. Und man hat auch noch die Odos Papaflessa zu queren. Nebenbei zu den Strassenlaternen bemerkt. Diese erfüllen hier drei Funktionen. Neben der naheliegendsten, als Träger der Strassenlampen die Strassen zu beleuchten, braucht man sie auch gleich noch als Masten für die Stromleitungen. Aus vielen Richtungen hergezogen, bilden sich teils riesige Kabelknoten. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt und man hat an die Masten der Stromleitungen gleich noch eine Strassenlaterne montiert. Drittens sind sie auch noch «Publikationsorgane». Ist jemand gestorben, werden die Todesanzeigen an dir meist noch hölzernen Stangen gepinnt.

Das Haus Kiafas 1 gehört Kyria Marika. Es ist eines der schöneren, mit einem einst kleinen, gepflegten Gärtchen davor. Heute ist es eine Betonfläche. Weg sind auch die schönen Blumen in den zu grossen Töpfen «umgebauten» Blechkanister, in denen vorher Feta-Käse und Olivenöl aufbewahrt wurde. Und sauber ist es. Zu verhindern, dass Hundemädchen Sofie gerade dort ihre «Geschäfte» verrichtet – insbesondere das kleine, das grosse kann man ja wegtragen – ist morgens beim Gassi-Gehen die erste Herausforderung. Kyria Maria – darum sprechen auch alle von der Frau Maria – ist eine Respekt heischende Person und seit einer halben Ewigkeit Witwe. Ihren Mann hat sie im 2. Weltkrieg oder im drauf folgenden, im Herbst 1949 endenden Bürgerkrieg verloren. Viele Jahre führte sie mit ihren drei Kindern am Meer unten eine Taverne. Eine der besseren.

Weniger erfreulich, aber wie vielerorts keine Ausnahme ist die verwilderte Bauparzelle gegenüber von Kiafas 1. Dieser schliesst sich bis zur Kreuzung mit Papaflessa ein «Häusertunnel» mit kahlen Wänden an. Die Häuser stehen so nahe beisammen, dass man zwischen den Balkonen den Himmel noch knapp zu erkennen vermag. Aber einen Vorteil hat es. Ist die eine Hausbewohnerin weg, kann die Nachbarin auch gleich deren Wäsche an der am Balkongeländer angebrachte Hänge abnehmen.

Über die Odos Papaflessa zu kommen ist absolut ungefährlich. Sie ist nämlich eine lange Treppe. Am Anfang und am Ende und wo sie sich mit der Kiafas kreuzt, mit den blauen Tafeln beschildert. 101 Tritte geht es hoch beziehungsweise runter. Diese waren einst nicht einfach grau, sondern an den Frontseiten bunt bemalt. Sechs rot, dann fünf blau, sechs gelb, drei braun … Eine Aktion von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gegen graue Städte. Heute kann man das verblasste Farbenspiel noch erahnen. Hinter dem aus allen Ritzen spriessenden Unkraut.

Ob grau oder farbig, die Treppe hochzusteigen, geht nicht erst im Sommer an die Puste. Wie man vornehmlich bei Frauen sieht. Mit mehreren kleineren und grösseren Plastiksäcklein in den Händen und nicht selten an einem Krückstock oder mit einer anderen Gehilfe. Verschnaufen kann man auf den unterschiedlich grossen Plattformen vor den Hauseingängen. Wenn man so steht, kann man darüber nachdenken: «Wie geht das wohl von sich, wenn da jemand umzieht?» Oder ist das einer der Gründe, das kaum noch jemand herzieht? Nur Festeingesessene bleiben und sagen: «Hier habe ich gelebt, hier sterbe ich auch.»

Das erste Haus ennet der Papaflessa gehören Fotini und ihrem Mann Sakis. Dass er von Beruf Maurer war, sieht man dem Bauwerk auch an. Nur die beiden Kanarienvögel in ihren kleinen Käfigen zwitschern etwas traurig. Weitere drei Liegenschaften schliessen sich an. Die erste gehörte der inzwischen verstorbenen und vor ihrem Wegzug hier «residierenden Dame» Kiria Athini. Obschon seit Jahrzehnten unbewohnt, macht das rosafarbene Haus noch immer einen ganz passablen Eindruck. Und seit kurzer Zeit haben sich sogar wieder Bewohner finden lassen. Ein ursprünglich von der gegenüber liegenden Insel Thassos stammender Grieche und eine Schweizerin aus Zürich.

Trister sieht es fünf Meter weiter aus. Ein Wrack von einem Gebäude hinter einem verrosteten Gartentor und einem verwilderten Garten lassen erahnen, dass hier einmal jemand gewohnt haben könnte. Wann das war, daran kann sich niemand mehr erinnern. Wenn sich auch nur noch Katzen auf dem Gelände herumtreiben, werden Prospekte der Grossverteiler Masoutis, Lidl, Kosmo Plus, Discount Markt und wie sie alle heissen, noch immer in das Gitter des Tores gesteckt. Von wo sie dann zu Boden fallen und verrotten. Vermutlich werden die Verteiler pro ausgetragenes Exemplar bezahlt.

Haus Nummer drei gehört wieder in die erfreulichere Kategorie. Auch wenn es schon in die Jahre gekommen ist. Hinter der hohen Mauer ist der Garten aber gepflegt. Dafür ist Dimitra besorgt. Auch drei Hunde wohnen hier. Diese «Rowdys» haben aber meist Stubenarrest oder geniessen zum Leidwesen von Sofie auf der Hinterseite des Hauses den Auslauf.

Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckt sich vis-à-vis dieser Häuserreihe ein langes Gebäude. Zum grössten Teil auch schon seit Jahren unbewohnt. Wo es Fenster hätte, sind diese verbarrikadiert. Nur ganz vorne, gegenüber Sakis und Fotini ist ein kleiner Teil bewohnt. Neben dem Eingang ist das Küchenfenster mit blühenden Blumenstöcken geschmückt. In diesem Haus wohnt Ilias. Er hat das Downsyndrom. Dank einer guten medizinischen Versorgung ist er schon gegen 50 Jahre alt. Er wohnt hier zusammen mit der Familie seines Bruders oder der Schwester. Nur noch selten ist auf den Stufen der Eingangstüre der grosse schwarze Hund anzutreffen. Er hat seinen Standort vor den Elvetos (griechisch für Schweizer) verlegt. Einem der noch recht zahlreichen Läden im Quartier, wo es immer wieder etwas zu ergattern gibt. Eröffnet hat ihn ein griechischer «Schweiz-Fan» nach seiner Rückkehr in die Heimat.

In Grenzen halten sich an der Kiafas die in der Stadt teilweise sonst recht präsenten Wandmal- und –Schreibereien. Nur eine fällt an drei, vier Orten auf. In lateinischen Buchstaben hat jemand da und dort Forte aufgesprayt. Ein englischsprachiger Aufruf, Stärke zu zeigen? Oder ist es – als Schweizer kommt man auf die Idee – eine Empfehlung für den Fussballtrainer Uli Forte? Wer weiss, ob das etwas werden könnte? Der lokale Fussballklub A.O. Kavala hat in der zweitobersten Fussballliga eine durchzogene Saison erlebt.

Gegen das Ende der Kiafas, sie beginnt sich schon langsam zu senken, um dann recht steil in die ebenfalls abfallende Odos Tsavela zu münden, stehen noch einmal drei Häuser. In einem leben Barbara, ihr Mann und ihre beiden erwachsenen Söhne. Barbara ist eine vorzügliche Bäckerin. Immer, wenn es auf der Strasse köstlich riecht weiss man, es ist Sonntag, Barbara ist am Werk.

Wo neben dem Haus einst eine Bauruine stand, ist heute ein Parkplatz. Daneben dient heute auch eine kleine eingefriedete Hofstatt, in der früher noch angepflanzt wurde, auch diesem Zweck. Es ist ein Kampf gegen die Windmühlen. Man kann es machen wie man will. Wie viele Parkplätze es auch gibt, immer ist ein Auto mehr da.

Die Häuser 12 und 14 bilden den Abschluss der anderen Häuserzeile. In Kiafas 12 wohnt Aphroditi, eine Russlandheimkehrerin, nachdem die Vorfahrern um 1920 aus dem osmanischen Reich dorthin vertrieben beziehungsweise deportiert worden waren. Aphroditi ist auch hier nicht so glücklich. Wie viele nach der Finanzkrise, nur noch von der Hand in den Mund zu leben, ist ihre Sache nicht.

Haus Kiafas 14 ist ein Eckhaus. Es ist das Familienhaus von Claudia, in dem wir heute viel Zeit verbringen können. Im Erd- und Obergeschoss hat es je eine Wohnung, und zuoberst eine grosse Dachterrasse. Von der aus kann man, vorbei an Häuserlücken, sogar noch das Meer erkennen.

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Mesoropi, die Perle am Pangeion

Von Hans Peter Flückiger

Im zweiten Anlauf erwischen wir die Abzweigung. Gut, man weiss ja, dass man nicht in der Schweiz ist. Aber irgendwie stellt man sich auch beim bald zehnten Griechenlandaufenthalt diese Strassenabzweigungen anders vor. Aber da ist er ja, der Wegweiser, der bergan den Weg nach Mesoropi zeigt.

Ja, richtig, nicht weit oben, am Hang, hinter Bäumen, sind Dächer zu erkennen. Einige wenige Minuten später haben wir die wenigen Kehren hinter uns gebracht und stehen auf dem Dorfplatz. Aber, wo ist nun dieser Mesoropi Path, dieser Wanderweg, über dessen Eröffnung sogar der staatliche Fernsehsender EPT berichtete?

In dieser Beiz können sie uns sicher helfen. Oder besser davor. Diese ist nämlich leer. Nur Musik scheppert heraus, damit die in der Gartenwirtschaft sitzenden Gäste etwas davon haben. «Richtig», bestätigt man uns an einem der beiden, besetzten Tische, «der beginnt hier im Dorf – dort ist der Wegweiser.» Na klar – das zweite Aha-Erlebnis innert 15 Minuten. Hier steht es: Monopati – Fussweg. Er weist den Hang empor. Erst bleiben unsere Augen an den Häusern hängen. Die sind ja richtig schmuck herausgeputzt.

Wir entschliessen uns, vor dem Abmarsch in der Gartenwirtschaft die Zahl der Gäste um zwei auf acht zu erhöhen. Und Sofie hat sicher auch Durst. Als sie diesen beim Ablauf des kleinen Brünnchens vor der Beiz diesen stillen will, kommt sie an die Richtigen. «An diesem Brunnen trinken Menschen nicht Hunde», poltert einer über den Platz. Dann halt.

Wir nehmen an einem der Tische Platz. Nein, mein Kopf gibt nicht klein bei. Ich fingere Sofies zusammenklappbaren Wassernapf aus dem Rucksack und fülle ihn beim Brunnen. Trotzig stelle ich ihn vor Sofie hin. Sie dankt es mir mit beherztem Schlabbern. Aber ohne eine spitze Bemerkung geht es aber nicht ab. Claudia sagt: «Als du beim Brunnen warst, hat der „Polterer“ gebrummt, er habe auch Durst.» Ich bin genervt. «Sie könne ihm ja ausrichten», antworte ich, «wenn er Hunger habe, ich hätte auch noch überzählige Hunde-Goodies in der Tasche».

Jetzt sind wir an der Reihe. «Καφές» – «Nές;» – «Nαι, ζεστός, μέτριος» wickelt sich ein kurzer Dialog mit der Serviertochter ab. «Kaffee» – «Nescafé?» – «Ja, warm, mittel (gesüsst)». «Δύο» – «zwei», bestätige ich nickend. Ein Euro 50 kostet eine grosse Tasse mit dem Logo des am Genfersee domizilierten, grossen Lebensmittelmultis. Dass das Pulver vermutlich mit Boilerwasser angerührt wurde, nehmen wir ihn Kauf.

Wir marschieren los – na ja, sagen wir – wir setzen uns gemütlichen Schrittes in Bewegung. Vorbei an der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Eintracht und dem Volkskundlichen Museum geht es das Dorf hoch. Es gibt auch noch zwei Lebensmittelgeschäfte und zwei Kirchen. Agios Georgios welche im Kirchenjahr dem neuen – gregorianischen – Kalender folgt, und Timios Prodromos, in der man sich noch an den alten, julianischen Kalender hält.

Wir wollen einen Blick in eine der beiden Kirchen werfen. Sie sind abgeschlossen. Unverschlossen ist eine kleine Kapelle. Wenn man keine Angst vor Körperkontakt hat, finden zwei Personen Platz darin. Vor einer Ikone, auf der der Kirchenheilige St. George abgebildet ist, brennt eine Kerze. Dazu hat es einen Stapel mit dünnen, langen und braunen Kerzen, welche darauf warten, dass jemand einen Euro in das kleine Kästchen mit dem Holzschlitz wirft und eine anzündet. Wir tun das und halten einen Moment inne.

Hier sollte doch irgendwo der Partisanenführer Dimitrios Chatzulas gewohnt haben?

Immer wieder staunen wir über die schönen Häuser. Ob alt und etwas windschief oder neu, keine kitschige Postkartenidylle, sondern einfach schön. Mit etwas Phantasie fällt es leicht, sich vorzustellen, dass gleich irgendein helvetischer Schellenursli oder Alpöhi um die Ecke kommt. Die Ziegen hört man jedenfalls schon meckern. Nur die, in den Himmel ragenden Berggipfel sind nicht aus Granit, Quarz und Gneis, sondern bis zuoberst bewaldet und begrünt. Hier gibt es auch keine Drei- und Viertausender, der Pangeion bringt es auf knapp 2 000 Meter. Diesen steuern wir nun an. Beziehungsweise dessen Richtung. Ein auf eine Gartenmauer aufgemalter Pfeil und in grossen Buchstaben ΜΟΝΟΠΆΤΙ (Wanderweg) bestätigen uns, auf dem richtigen Weg zu sein.

Das Dorf liegt nun hinter uns. Der Weg führt über Magerwiesen, vorbei an Hecken und Trockenmauern. Die Vögel zwitschern, Ameisen schleppen das Vielfache ihres Körpergewichtes wiegendes Baumaterial herum, und in einer Waldlichtung steht eine Dutzende Stöcke zählende, bunte Bienenvölkersiedlung. Zu sehen oder hören ist aber niemand. Zu tun gäbe es auf den prächtig blühenden und spriessenden Matten wahrlich genug. Vermutlich sind die Bienen in einer anderen Himmelsrichtung unterwegs. Frei machen sie kaum, nur weil Sonntag ist.

Das Gehen und die Sonne sind dafür besorgt, dass die ersten Schweisstropfen auf der Stirn perlen. Gut können wir im, alle Grüntöne tragenden Mischwald weitertippeln. Entlang des Nidrios, wie der Bach heisst. Bevor es jetzt teils zügig bergan zu gehen scheint, queren wir ihn über eine neu gemachte Steinbrücke. Ein tipptoppes Bauwerk, besser kann man es nicht machen. Nur das Geländer fehlt. Wohl schon einige Zeit. Die Löcher, in denen die Geländer verankert werden könnten, dienen als «Töpfe» für Gräser und Farne.

Die nächste Brücke – etwa 500 Meter weiter oben – hat ein Geländer. Sie ist deutlich älteren Jahrgangs und aus Runden Holzstämmchen zusammengezimmert, welche einen dürren Eindruck machen. Sie tut aber ihren Dienst und wir kommen auch gut über sie.

Noch einmal 500 Meter weiter oben entschliessen wir uns auf einer Bank sitzend, umzukehren. Mit dem nicht gerade idealen Schuhwerk an den Füssen und den im Auto vergessenen Getränken … abgesehen davon, dass es nie unsere Absicht war, den Pangeion zu besteigen. «Aber warte, wir kommen wieder.»

Beim Abstieg begegnen wir einem aufsteigenden Wanderpaar. «Χαίρετε» – «Grüss Gott», sagt der Mann beim Vorbeigehen. «Καλημέρα» – «guten Tag» antworte ich und ärgere mich. Es ist ja schon bald 16 Uhr, da sagt man längst Kαλησπέρα – guten Abend. Ach, diese Griechen und dieses Griechisch. Γεια σας – Hallo – sage ich zur nachsteigenden Frau. Sie antwortet ebenso. Das passt immer.

Ich setze mich, habe Bolonka-Hündchen Sofie auf dem Schoss. Ich habe sie teilweise getragen. Sie ist froh, die steilsten Passagen nicht gehen zu müssen und das «Taxi» nehmen zu können. Ich befürchte, dass sie sonst bis in 15 Jahren künstliche Hüftgelenke braucht.

Endlich ist Claudia auch wieder da. Ihr Gespräch mit den Wanderern war aufschlussreich gewesen. Mit drei bis vier Stunden müsse man schon rechnen, um auf den Pangeion zu kommen, plus den Weg zurück. Oben habe es auch eine kleine Höhle.

Eine Höhle oberhalb des Dorfes. Mir kommt aus Franz Hohlers Einmanntheater «Die Drachenjagd» Prinz Georg l. in den Sinn. Dieser wollte als Drachentöter in einer Höhle oberhalb Zürichs logieren, als er das Untier töten sollte, das die Stadt bedrohte. Ob es hier auch solche Viecher gibt? Ein Überlebender aus grauer Vorzeit? Schliesslich sollen sich damals Götter, Halbgötter und Heroen am Pangeion mit diesen gegeben haben. Sicher ist, dass die erwähnte Höhle beim Gipfel nicht das einzige Loch dort oben ist. Vielmehr gleicht der Pangeion – dessen Name nicht nur der Gipfel sondern der ganze Hügelzug trägt, wohl einem Emmentaler-Käse gleicht. Schon im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung sind hier Gold, Silber und andere Bodenschätze abgebaut worden.

Das im Kofferraum vergessene Wasser ist lauwarm geworden. Wir nehmen noch einmal in der Gartenwirtschaft Platz. Nicht nur, weil wie keinen Boilerwasser-Nescafé wollen, sondern Durst haben, bestellen wir einen Tee. Was dauert, sich aber lohnt. Der frisch gebrühte Bergtee schmeckt köstlich.

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Sofies «Urahn»

Von Hans Peter Flückiger

Wir gehen Sofies «Urahn» besuchen, und nach einer knapp einstündigen Autofahrt stehen wir vor ihm. 50 Kilometer östlich von Thessaloniki: Vier Meter hoch, aus Marmor, auf einem noch einmal vier Meter hohen Sockel aus marmornen Kuben.

Natürlich handelt es sich beim erhabenen thronenden Tier – dessen hintere Pranke etwa gleich gross ist wie unser ganzer Vierbeiner – nicht um den ersten Bolonka aller Zeiten, sondern um den Löwen von Amphipolis. Ein Grabschmuck aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. 2200 Jahre bevor im 18. Jahrhundert nach Christus in Frankreich die ersten bolonkaähnlichen Hunde Mode wurden. Mit etwas Phantasie ist eine gewisse Verwandtschaft zwischen Sofie und dem steinernen Giganten erkennbar. Nicht nur optisch, sondern auch, dass beide von politischen Querelen nicht verschont wurden.

Den Bolonka-Vorfahren setzte die Französische Revolution zu. Diese kleinen Knuddelbälge waren im 18. Jahrhundert bei den Damen des französischen Hofes sehr beliebt. Verschiedene dieser Vierbeiner landeten bei Besuchen als nette Mitbringsel am russischen Zarenhof. Selbst Katharina die Grosse soll Bolonka Franzuskas besessen haben.

Wie gut 100 Jahr vorher in Frankreich, bedeutete in Russland die (Oktober-)Revolution von 1917 das Aus für den dortigen Adel und auch dessen Nebenerscheinungen wie diese «unnützen» Hunde mussten um überleben kämpfen. Für was waren diese schon zu gebrauchen ausser zum Hätscheln? Für das war jetzt keine Zeit. Jetzt brauchte es Wach- und Arbeitstiere, schliesslich hatte man nicht weniger vor, als ein «Arbeiterparadies» zu schaffen.

Nach dem 2. Weltkrieg begann man in der Sowjetunion, die noch existierenden, weisshaarigen Bolonka Franzuska mit andern kleinen Hunderassen wie Chow-Chow und Malteser zu kreuzen. Zur Welt kamen Цветная болонка (Zwetnaja Bolonka), Bolonka Zwetnas, bunte Schosshündchen. Bolonka steht in der russischen Sprache für Schosshündchen, zwetnaja für bunt. In den 1970er-Jahren traten sie in der DDR einen ersten Sympathiezug an, welcher nach der Wende nach Westeuropa überschwappte.

Ohne Politik geht es auch beim Löwen von Amphipolis nicht. Man musste ja eine gewichtige Persönlichkeit gewesen sein, um ein solches Grabmal zu erhalten. Eine solche war Lameodon von Mytilene, dessen Grab er schmückte. Ein makedonischer Feldherr Alexanders des Grossen und dessen Statthalter in Syrien.

Irgendwann zerstört und verschüttet, wurden erste Fragmente während dem Balkankrieg von 1912/13 entdeckt und vor allem 1929 während der teilweisen Trockenlegung des Kerkini-Sees und weiteren Meliorationsarbeiten. Ein 1941 erschienene Buch «Der Löwe von Amphipolis» von Oscar Broneer dokumentiert seinen aufwändigen Wiederaufbau.

Dass der Löwe an einen makedonischen Feldherrn ehrt, freut viele Griechen. Es ist ein Beweis mehr, der zeigt, wo Mazedonien einzig und alleine liegt: Nirgendwo als in Griechenland.

Bei der Unabhängigkeit Jugoslawiens verselbständigten sich dessen Teilrepubliken. Die Teilrepublik Mazedonien firmierte international mit der «Behelfstitulierung» FYROM, Former Yugoslav Republic of Macedonia. Kein Dauerzustand. Aber es dauerte 30 Jahre, bis man sich einig wurde. Denn eines war für Griechenland klar. Mazedonien wird dieser neue Staat nie heissen.

Als Kompromiss einigte man sich 2019 auf Nordmazedonien. Dieser Entschied war im gleichen Jahr namentlich in Nordgriechenland ein Grund für die desaströsen Wahlresultate der «Koalition der Radikalen Linken» SYRIZA um den Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Egal ob im Mai bei den Europa-, Regional- und Lokalwahlen oder einige Wochen später bei den vorgezogenen Wahlen ins nationale Parlament.

In der Zwischenzeit haben sich die Gemüter – zumindest oberflächlich – beruhigt. Der Löwe von Amphipolis nimmt dies auf seinem Sockel thronend mit stoischer Gelassenheit zu Kenntnis. Was sind schon fünf, 30 oder auch 100 Jahre. Täglich tut er seine Pflicht als Publikumsmagnet und Anziehungspunkt für Touristen. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Man steigt aus, schaut, staunt, und liest – oder entziffert in griechischer oder englischer Sprache – welche Bewandtnis es mit diesem Monument hat. Manche haben es aber auch eilig. Innert 30 Sekunden ist der Spuk vorüber: Am Strassenrand anhalten, beim Auto die Fenster öffnen, knips, knips, knips, und weg ist man wieder.

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reise-erinnerungen an südliche gefilde

Von Heinz Erich Hengel

am südlichen wendekreis

im norden

beginnt die wendung ihren lauf zu nehmen
laufmaschen maschendraht drahtgitter gitterstäbe stabsfunktionen funktionalitäten

im süden

dann die lage wendet sich
kreise werden zu quadraten
quadraturen multiplizieren sich

im westen

multiple konvergenzen
konzile als konzessionen
eine konzentration konzentrischer kreise

im osten

die kreise wenden sich erneut konvulsionen am firmament und der himmel amarant

in der mitte

mittelpunkte
jenseits des punktes liegt das nichts
mittel- schluss- brenn- & blickpunkte
erst ein schlusspunkt kann dem ganzen ein ende setzen
im nirvana gibt es keinen punkt und erst recht auch keine kreise

erkenntnisse anlässlich einer rast am plateau du tademait(zentralsahara)

pdt – auch der ´garten des satans` genannt: die steinwüste des tademait: hier scheint außer geröll & steinen nichts anderes zu existieren.

1) felsige wüste – wüste leere
2a) schwarzer boden … blauer himmel
2b) schwarz nicht nur bei nacht; auch in der sonne schein rotbraun die dünen in der abendsonne
3) armut hat hier keinen platz seuchen transpirieren in der mittagssonne
4) unendlich – öd – bizarr: unendlichkeit in stein und dunklem schwarz
4a) die sonne sich duelliert mit diesem schwarz: hitze, durst und flimmern ständig es wird schlimmer
5) schreie hier zu flüstern werden – vertrocknen wie schlieren in der heißen luft
6) nur faust vielleicht in diesem garten wandelt
6,1) menschenleere: keine geknechteten, stig- & traumatisierten schlimmstenfalls neurosen hinter palmenblätterzäunen
7) wasser bestenfalls in wasserpfeifen dornen anstatt datteln reifen selbst faust wirkt hier zerzaust
8) für kants kritiken finden sich hier keine kritiker die vernunft zu kritisieren: wem wäre hier das zuzu-trauen?
9) jenseits des horizonts(?): wasser, palmen & oasen … in salah
10) der zweifel hier, er schmeckt wie sand im salat unterm kreuz des südens: gekreuzigte hier nicht über-leben leere gräber – zugeweht vom wüstensand …

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© 2022 Heinz Erich Hengel (Text & Bild / Sunrise in the Desert)
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Blaue Stunde in Kavala*

Von Hans Peter Flückiger

Anfangs Juni ist auch in Nordgriechenland der Vorsommer definitiv da. Es ist keine Seltenheit, dass die vom oft wolkenlosen Himmel scheinende – man ist schon beinahe geneigt zu sagen brennende – Sonne das Thermometer unerbittlich auf die über 30-Grad-Marke steigen lässt. Nach 20 Uhr ist der Sonnenuntergang aber nicht mehr fern. Und weht erst recht noch eine sanfte Brise vom Meer her, ist die Zeit da, auf die Dachterrasse zu steigen und, vor sich hin sinnierend, über die Dächer der Stadt zu schauen. Vorzugsweise in einem Klappstuhl sitzend – solche gibt es bei Masoutis1) für 12.99 Euro – und mit einem Glas kühlen Ouzo2) in der Hand.

Im Hintergrund ist die mit 20 Meilen nur einen Katzensprung entfernte Insel Thassos in einem Dunstschleier bloss schemenhaft zu erkennen. Das Meer ist ruhig und kräuselt sich leicht. In seinem Graugrün entspricht es aber keiner Postkartenidylle. Heller glänzend sind vereinzelt Schiffe zu erkennen. Die letzten Segel- und Motorjachten kehren von ihren Törns zurück und steuern den Hafen an. In die entgegengesetzte Richtung, hinaus auf die offene See, fahren Fischerboote. Gegen Morgen werden sie nach getaner Arbeit wieder zurückkehren. Vermutlich mit – im Vergleich zu früher – bescheidenem, bestenfalls mittelprächtigem Fang. Auch die Ägäis ist überfischt. Der Problemlösung aus dem fernen Brüssel, für eine Prämie ihre kleinen Boote abzuwracken und den grossen Trawlern das Feld zu überlassen, können nur die wenigsten etwas abgewinnen.
Im Westen bilden die Häuser von Kalamitsa, einem der neueren Stadtteile Kavalas, das Ende der Stadt. Die hellen Gebäude, welche sich entlang der Küste den Hang emporziehen, schimmern in der Abendsonne und erwecken einen urbanen Eindruck. In der Fortsetzung verliert sich am Horizont der Küstenstreifen von Nea Iraklitsa und Nea Peramos. Der Eindruck, dass sie die Fortsetzung der Stadt bilden, trügt. Die näherliegenden Buchten mit den Badestränden von Batis und Tosca und dem Dorf Palio sind hinter dem ansteigenden Hügelzug nur nicht zu sehen.

Im Vordergrund bilden die Hausdächer ein verschachteltes Neben-, Durch- und Miteinander. In allernächster Nähe ragt auf einer der wenigen unverbauten Grünflächen dunkelgrün eine Zypresse in den Himmel. Wie alt sie sein mag? Niemand, der hier wohnt, nimmt in Anspruch, vor ihr hier gewesen zu sein. Die Häuser haben den Glanz ihrer besten Tage verloren. Die pastellfarbenen Putze blättern ab. Da der ockerfarbene, dort der grünliche und andernorts die rötlichen und gelblichen. «Gut», kann man sagen, «das ist weiter nicht verwunderlich.» Immerhin sind wir hier – nach der Altstadt – im ältesten Quartier der Stadt. Was stimmt, aber nicht der «ganzen Wahrheit» entspricht. Die Finanz- und Wirtschaftskrise – ja, ja, es gab seither schon wieder andere – hat ebenfalls ihren Teil zur Tristesse beigetragen. Hauseigentümern, welche auch noch heute Wert auf eine gepflegte Liegenschaft legen würden, fehlt das Geld. Selbst für Pinselsanierungen. Mittels solchen ist früher vor Ostern, die Gassen hoch und Strassen runter, den Häusern regelmässig zu neuem Glanz verholfen worden. Erst recht mangelt es heute vielerorts am Geld für einen ordentlichen Gebäudeunterhalt. Nicht wenige der hier ansässigen Griechen sehen sowieso schwarz. Bei den Jungen lautet das Motto «Wer kann, der geht». Oder man ist schon gegangen. Mindestens in einen besseren Stadtteil, vorzugsweise aber nach Thessaloniki und Athen oder gleich ins Ausland. Zurück bleibt die ü50-Generation. Mit der Folge, dass immer mehr Häuser und Wohnungen leer bleiben oder von Nichtgriechen in Beschlag genommen werden.

Aus den Flachdächern – die meisten Häuser haben solche – ragen Armierungseisen in die Höhe. Diese ermöglichen problemlos ein weiteres Geschoss hochzuziehen. Das ist aber so eine Sache. So wie gegenüber, wo das Geld anscheinend vor den Ziegelsteinen und dem Mörtel ausgegangen sind. Eine zwischen anderen Gebäuden eingeklemmte, halb fertige Bauruine steht seit Jahren da.
Wäsche hängt an den Leinen. Neben Sonnenkollektoren und zwischen Warmwasserboilern, Fernsehantennen und einerseits ziemlich windschiefen, anderseits aber auch ganz stattlichen Aufbauten. Diese dienen als Einstellräume und Unterstände. Manchmal steht auch eine Heizung drin. Wer sich eine solche, und auch eine Klimaanlage leisten kann, ist gut daran. Ab dem Spätherbst bis Ostern die Wohnungen heizen und während des Hochsommers kühlen zu können, erleichtert das Leben spürbar.
Einer entzog sein Dach solch profanem Nutzen. Er errichtete eine Pergola. Reben und Efeu ranken, Wimpel und Fähnchen flattern im Wind. Der vom Grill hochsteigende Rauch lässt keine Zweifel aufkommen, dass ein derartiges Outdoor-Wohnzimmer eine reizvolle Sache ist. Andere geniessen die Abende auf den Balkonen. Solche fehlen kaum an einem der Häuser. Die einen sind schön und gepflegt. Einzelne zieren gar Geranien und andere Pflanzen. Bei anderen verunmöglichen heruntergelassene Storen einen klärenden Blick. Deren teilweise desolater Zustand lässt die Einsicht reifen, dass es vielleicht ganz gut ist, nicht immer alles so genau zu wissen.
Gegenüber hat auf einer der besseren Terrassen eine Frau Freundinnen zu Besuch. Zu dritt sitzen sie um einen kleinen Tisch. Darauf stehen eine Karaffe mit Wasser und vier Gläser. Man weiss ja nie, ob und wann sich noch jemand zur Runde gesellt. Die Gastgeberin hält ein Smartphone in der Hand. Auf dieses tippend streckt sie es gegen die Mitte des Tisches und erklärt etwas. Interessiert hörend und schauend beugen sich auch die beiden anderen vor. Was die Runde wortreich zu bereden hat, lässt sich nicht feststellen. Um auch nur Wortfetzen aufschnappen zu können, ist die Geräuschkulisse zu gross. Ein permanenter Brummton liegt in der Luft. Übertönt wird dieser durch aufheulende Motoren, gellende Autohupen und quietschende Reifen. Und knatternd liefert ein Motorradkurier Pizzen aus. Nur der Gruss an die Nachbarin „καλησπέρα Βαρβαρα, τι κάνεις;3)» und deren Antwort «ευχαριστώ, είμαι καλά4)» sind zu verstehen.

Ruhiger geht es in den «oberen Regionen» zu. Hoch am Himmel ziehen zwitschernde Schwalben elegant ihre weiten Bogen. Das ist ein gutes Zeichen. Es stellt für die nächsten Tage gutes Wetter in Aussicht. Vereinzelt kreuzen gurrend Tauben auf. Nicht viel zahlreicher sind von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze kohlrabenschwarze Vögel. Raben sind es aber kaum. Dafür scheinen sie zu klein zu sein. Sind es Dohlen? Diese haben aber doch gelbe Schnäbel? Gelbrötliche haben die Seemöwen. Diese sind tagein und -aus optisch, und vor allem akustisch, die dominantesten. Auf einem Entlüftungsrohr thronend hat eine den höchsten Punkt der Dachlandschaft in Beschlag genommen. Ununterbrochen schnattert sie und gibt wohl bekannt, dass sie hier das Sagen hat. Wenn sie ihren Thron einmal verlässt, ist es nur für kurze Zeit, um mit Artgenossinnen trötend über ihrem Reich Runden zu ziehen.
Es ist dunkel geworden. Schrill miauend sorgen Katzen in einem Hinterhof für ihren Nachwuchs. Eine Autotür wird zugeschlagen. Am Himmel gewinnt der noch fahle Mond stetig an Farbe und silbern funkelnd erwachen die ersten Sterne. Konkurrenz bekommen sie von zwei parallel fliegenden Punkten. Einer ist grün, der andere rot. Von Athen kommend fliegt Flug 37154 mit etwas Verspätung den Kavala international Airport Megas Alexandros an, bevor es nach Alexandroupolis weitergeht. Apropos international Airport. Täglich landen und starten etwa 20., 24 Flugzeuge. Die meisten von und nach den grossen Zentren Athen und Thessaloniki. Plus – während der Urlaubssaison – die Ferienflieger aus den nördlicher gelegenen Gefilden Europas.

Zum besseren Verständnis:

*Kavala ist eine Handels- und Hafenstadt in Nordgriechenland

1 )Masoutis heisst eine genossenschaftlich organisierte Supermarktkette
2) Ouzo ist eine Anisspirituose
3) «καλησπέρα Βαρβαρα, τι κάνεις;» / «kalimera Varvara, ti kanis?» / «guten Abend Barbara, wie geht es dir?»
4) «ευχαριστώ, είμαι καλά» / «efcharisto, ime kala» / «danke, mir geht es gut»

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© 2022 Hans Peter Flückiger (Text und Bild)
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«Komm herüber nach Mazedonien»

Von Hans Peter Flückiger

Golden schimmert das grosse Mosaik vor der Kirche Agios Nikolaos in Kavala* in der Morgensonne. Seit dem Jahr 2000 steht es dort und erinnert an den Apostel Paulus, der auf einer seiner Missionsreisen im Jahr 49 nach Christus hier zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben soll. Der Heilige Paulus ist darauf doppelt abgebildet. Links schlafend an die Stadtmauern von Troja lehnend. Im Traum begegnet ihm ein Mann, der ihm zuruft: «Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!» Rechts sieht man Paulus – aus einem Segelschiff steigend – bei seiner Ankunft in Neapolis, wie Kavala damals hiess. Nachzulesen sind diese Geschehnisse in einem der Bücher der Bibel, im 16. Kapitel der neutestamentlichen Apostelgeschichte. Zusammengefasst steht dort, dass Paulus und seine Wegbegleiter schon einige Zeit in Kleinasien – der heutigen Türkei – unterwegs waren. Zuletzt in der Troas, wie zu Beginn unserer Zeitrechnung der nordwestlichste Teil Kleinasiens – südöstlich der Meerenge der Dardanellen und nördlich der Insel Lesbos – hiess. Aber was sie sich anscheinend auch vornahmen, ein ungutes Gefühl im Bauch hinderte sie, das Vorhaben in Angriff zu nehmen. Der Einladung übers Meer nach Mazedonien konnten sie dagegen ohne innere Widerstände folgen.

Bald ging es per Schiff los. Wie damals wohl üblich, segelten sie die Küste entlang. Das ermöglichte, bei schlechtem Wetter oder vor dem Einnachten einen sicheren Hafen anlaufen zu können. Abgesehen davon, dass man ja nicht genau wusste, wo die Erdscheibe endete und man Gefahr lief, über deren Rand hinunterzufallen.

Anscheinend ging es auf der Reise aber flott voran. Überliefert ist, dass es zügig voranging. Einzig ein kurzer Zwischenhalt auf der Insel Samothrake ist vermerkt. Vielleicht reichte es, einen Blick auf die Statue der Siegesgöttin Nike zu werfen oder ein Bad in einer der heissen Quellen in einem der Platanenwälder zu nehmen. Schon am folgenden Tag ging es nach Neapolis und von dort weiter nach Philippi.

Um dorthin zu gelangen ging es von Neapolis aus erst einen Kilometer über die Via Egnatia, die antike Hauptverbindungsstrasse, bergan. Hoch, dorthin, wo die Gebirgszüge Symvolon und Lekanis sich berühren. Wohl eine unbebaute, karge Gegend. Nicht einmal das Kloster Agios Silas – benannt nach einem der Wegbegleiter des Paulus – stand. Heute geht dort die Egnatia Odos (Autobahn A2) Thessaloniki – Xanthi – Alexandroupolis durch, und das neue Krankenhaus von Kavala thront über der Stadt. Wenn die Sicht gut war, konnte Paulus in der Tiefebene unten aber das noch etwa 15 Kilometer entfernte Reiseziel erkennen.

Wer, im Gegensatz zu Paulus damals, heute keine Mission zu erfüllen hat, muss sich nicht so sputen. Und es lohnt sich, in Kavala noch etwas in der Kirche Agios Nikolaos zu verweilen und sich mit deren bemerkenswerten Geschichte zu befassen. Das heutige Gebäude stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Erbaut als Hauptmoschee, zentral, gleich beim Markt gelegen und Teil der Imaret-Anlagen mit Moscheen, Medressen (Institutionen, in der islamische Wissenschaften gelehrt werden), Armenhäusern, Herbergen, Bädern und Geschäften. Benannt wurde sie nach Ibrahim Pascha, der um 1530 als Wesir (Regent) und Schwager von Süleyman dem Prächtigen in Neapolis das Sagen hatte.
Um 1926 wurde die Moschee zur Kirche umgestaltet. Dabei wurde das Äussere des Gebäudes im islamischen Baustil erhalten, ausser dass, wo einst das Minarett stand, heute ein Glockenturm in den Himmel ragt. Nach Anbauten ist die Kirche heute dreischiffig. Das linke Kirchenschiff ist nach Agios Ioannis Chrysostomos, das rechte nach Agios Dimitrios und das Mittelschiff nach dem Hauspatron Agios Nikolaos benannt. 1945 wurde sie eingeweiht und dem Heiligen St. Nikolaos, dem Beschützer der Seefahrer, gewidmet. Agios Nikolaos ist aber nicht die erste Kirche an dieser Stelle. Vor der Moschee stand dort eine frühchristliche Basilika, mutmasslich zu Ehren des Apostels Paulus oder des Heiligen Lazarus.

* Kavala ist eine Handels- und Hafenstadt in Nordgriechenland mit etwa 70 000 Einwohnern

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Auf der Egnatia Odos A2 Kavala – Thessaloniki

Von Hans Peter Flückiger

Der Wecker ist auf sieben Uhr gestellt. Geweckt werde ich eine halbe Stunde vorher. Durch den Regen, der auf das Wellblechdach der Kiafas 14 niederprasselt. Dabei muss ich in einer Stunde los, um gegen zehn Uhr in Thessaloniki auf dem Makedonia Airport Claudias Bruder Res abzuholen. Plus/minus wird der jeden Augenblick starten, um dem regnerischen und kühlen Zürich zu entfliehen. Der Flugkapitän wird sie schon begrüsst haben. Er freue sich mit seiner Crew, dass er – und die 170 weiteren Fluggäste – sich entschieden hätten, mit SWISS nach Thessaloniki zu fliegen. Dort sei das Wetter bei einer Temperatur von aktuell 12 Grad bedeckt und regnerisch.
Nur ein temporäres Intermezzo? Ein Blick gegen den Himmel und auf die Wetter-App gibt dieser Hoffnung eher den Anschein eines frommen Wunsches. Das Regenwasser zischt beim Fahren unter den Pneus und spritzt gegen den Strassenrand. Drei Fussgänger ohne Regeschütze marschieren zügigen Schrittes die Odos Th. Kavalioutou hoch. Knöcheltief durch die ihnen entgegenkommende, lehmbraune Brühe.
Reisecars stehen auf einem Parkplatz. Die ersten Touristen scheinen in der Blauen Stadt, wie Kavala genannt wird, eingetrudelt zu sein. Was werden diese für Augen machen, wenn sie schon vom Hotelbett aus diese meteorlogische Bescherung sehen? Bei der Vorampel blinken die beiden gelben Lichter nicht. Das ist wirklich eine gute Einrichtung. Würde sie es tun, würde mir dadurch signalisiert, dass in etwa 200 Metern die Ampel auf Rot steht. Entsprechend könnte ich das Tempo drosseln. So kann ich aber zügig auf die Autobahnauffahrt in Richtung Thessaloniki abbiegen.
Aber was soll denn das? Hinter der ersten Kurve steht ein Auto, daneben, von der Strasse weggewandt, zwei Männer. Die Dringlichkeit muss hoch sein, dass sie ihr kleines Geschäft gleich hier und im strömenden Regen verrichten müssen.
Ich beschleunige. Die Scheibenwischer streichen quietschend über die Frontscheibe. Der Regen hat beinahe aufgehört. Wie immer, an einem Sonntagmorgen, ist kaum jemand unterwegs. Im – grosszügig berechnet – Minutentakt kommen mir Fahrzeuge entgegen. Hie und da werde ich von einem überholt, der es noch eiliger hat.
Ich meinerseits schnappe mir dann und wann einen Sattelschlepper. Die wenigsten tragen griechische Nummernschilder, sondern sind zum grössten Teil in der Türkei oder Bulgaren immatrikuliert. Auf einer Tafel lese ich, dass in Notfällen die Pannenhilfe unter der Telefonnummer 1077 zu erreichen ist, und etwas weiter, dass es bis Thessaloniki noch 172 Kilometer sind. Zum ausserhalb der Stadt, im Osten gelegenen Flughafen sind es noch zehn, zwölf mehr.
Viel anders als in der Schweiz ist es auf der Egnatia Odos nicht. Die Strassen und die Kunstbauten scheinen von guter Qualität zu sein. Jedenfalls erwecken sie diesen Eindruck. Namentlich die grün leuchtenden Fluchtwegportale in den Tunneln fallen mir auf. Was ich nicht begreife ist, wieso ich vor und nach Tunnels aufgefordert werde, am Fahrzeug das Licht ein- beziehungsweise auszuschalten. In der EU gilt doch seit einigen Jahren die Regel, auch tagsüber mit Licht zu fahren? Eine Regelung, welche vom Nicht-EU-Land Schweiz autonom nachvollzogen wurde. Wer sich nicht daran hält, wird mit 40 Franken gebüsst. Hier? Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich,
Aber es gibt – wenn teils auch nur in Nuancen – Unterschiede. Etwa die Kilometrierungsschilder, welche am Strassenrand im 500 Meter-Takt angeben, wie lange die Autobahn noch ist. So gibt es in der Schweiz kein kleines Schild, auf dem die Kilometerzahl 463 angegeben ist. Dieses streift mein Auge auf halbem Weg und sagt mir, dass ich bis an das westliche Ende der Autobahn 2 in Igoumenitsa noch so weit zu fahren hätte. Vom griechischen Hinterland im Osten in Thrakien an der Grenze zur Türkei sind es deren 670. In der Schweiz informiert das erste, weisse Schild an der A1 in St. Margrethen, dass es diagonal durch die Schweiz nach Genf 410 Kilometer sind.
Auch gewöhnungsbedürftig ist, dass viele der Sicherheitslinien kaum zu erkennen sind. Nach helvetischen Ansprüchen wäre ein Neuanstrich überfällig. Wobei – die meisten Autofahrer scheinen diese sowieso nur für eine dezente Verzierung der grauen Strassenfläche zu halten. Gut sind auf den grossen Strassen die beiden Fahrtrichtungen meist baulich getrennt. Übrigens oft nicht durch profane Mauern und Abschrankungen, sondern durch prächtig blühende Sträucherreihen. Am gewöhnungsbedürftigsten sind aber die Autofahrer, welche mit bedächtiger Geschwindigkeit halb auf dem Pannenstreifen durch die Gegend tuckern.
Die Linien, welche auf Baustellen Änderungen in der Breite und Führung der Spur markieren, sind hier nicht wie in der Schweiz rot, sondern gelb. Gut wäre, wenn die Baustelle geräumt ist, diese wieder entfernt würden. Wer diesen blind folgt, kann – insbesondere abseits der Autobahnen – arg ins Abseits geraten. Beachtlich sind auf Baustellen die Schilderwälder, welche aufgestellt werden, um Änderungen bei der Linienführung zu signalisieren. Dutzendweise wird man mit weissem Pfeil auf blauem Grund aufgefordert, ein Hindernis links zu umfahren. Die Gefahren- und Vorschriftssignale haben – rot umrandet – einen gelben Grund. Augenfällig ist das Gefahrenschild mit einer gehörnten Kuh darauf, welches – entlang der Autobahn – vor freilaufenden Rindviechern warnt.
Für mein Verständnis ist dieser Signaliritis kontraproduktiv. Was da alles aufgestellt wird, da eine 50-, dort gar eine 30 Stundenkilometerbegrenzung. Aber wen kümmert es? Wenn man sich einigermassen daran hält, sprich bei einer 30iger mit 40 durchfährt, wird man sicher überholt. Das Überfahren von doppelten Sicherheitslinien inbegriffen.
Das nächste Strassenschild informiert mich, dass in zwei Kilometern eine Mautstation kommt. Mousthéni, die erste von zweien auf den rund 170 Kilometern zwischen Kavala und Thessaloniki. Eine dritte ist im Bau. Der zu entrichtende Obolus ist bescheiden. 1,80 Euro für Motorräder, 2,40 für Autos, 8,70 für Lastwagen. Aber es sind unbeliebte Einrichtungen. Der erste Sturm der Entrüstung – bei dem auch mal ein Mauthäuschen in Flammen aufging – ist vorbei. Zumindest vordergründig. Hie und da wird an einem «Ochi-Tag» («Ochi» griechisch Nein) lauthals gegen einen Ausbau der Mautstationen demonstriert. Es ist offensichtlich, dass gebührenpflichtige Strassen möglichst weiträumig umfahren werden. Das Verkehrsaufkommen ist generell, und nicht nur an einem Sonntagvormittag, gering. Entlang der Überlandstrassen wird auf grossen Schildern darauf hingewiesen, dass, wer grundlos abseits der Autobahn unterwegs ist, mit einer saftigen Busse von 1500 Euro rechnen muss. Heute ist alles anders. Ich kann den Geldbeutel stecken lassen. Personenwagen können heute Sonntag die Autobahn kostenfrei benutzen.
Aus dem Nichts kommend schlagen auf einmal zwei Regenbogen ihre farbigen Bögen über die Autobahn. Da sollte es doch auch regnen? Und ob – plopp, plopp, plopp, beginnen grosse Regentropfen auf die Windschutzscheibe zu fallen. Wolkenbruchartig beginnt es zu giessen. Ich schalte die Scheibenwischer wieder ein.
Ein von Tierschützern gebasteltes Plakat bittet, auf die die Autobahn querenden Frösche achtzugeben. Ob die auf Beleuchtungsmasten sitzenden Störche diesen Wunsch auch beherzigen? Oder haben sie etwa das Warnschild gesehen und sind gerade deshalb hier?
Halb neun Uhr ist vorbei. Eine knappe Stunde bleibt mir noch. Das sollte passen. Landschaftlich sieht es entlang der Egnatia Odos gar nicht so unschweizerisch aus. Es ist gebirgig, und die Farbe Grün überwiegt. Irgendwie ist es wie auf der Fahrt durch das westliche Mittelland. Rechts, im Norden, vertreten – etwas höher – die letzten Ausläufer der Rhodopen den Schweizer Jura, die Reben und Olivenbäume die Laubmischwälder und die Treibhäuser die grossen Lagerhäuser und Verteilzentren der Grossverteiler. Hier ist noch, was das Schweizer Mittelland mal war: der Obst- und Gemüsegarten des Landes.
Thessaloniki naht. Hier nimmt der Verkehr zu. Aus allen Himmelsrichtungen vereinen sich an dieser Stelle die Hauptverkehrsstrassen. Zu wievielspurigen Schnellstrassen lässt sich mangels wirklich sichtbaren Markierungen anhand der durcheinander wuselnden Autos nur erahnen. Sechs werden es sicher sein. Neben den offiziellen Kuh-Tafeln warnen Eigenkreationen vor Wildschweinen. Jetzt heisst es Augen auf, um den Faden in Richtung Flughafen Makedonia nicht zu verlieren und die entsprechenden Ausfahrten zu erwischen. Ein langer, mehrspuriger Blechwurm, von dem ich ein Gelenk bin, kriecht dem Flughafen zu.
Da bin ich ja schon. Genau, da vorne, rechts Richtung Arrival geht‘s. Ich werfe einen kurzen Blick auf das grosse Plakat, welches über die Parkgebühren informiert. Eine bis 20 Minuten ist gratis, von der 21. bis zur 60. Minute kostet es vier Euro. Für die Folgestunde werden je zwei weitere Euros fällig. Ich öffne das Fenster und entnehme dem Automaten das Parkticket. Neben dem Kassenhäuschen ist ein Parkplatz frei. Dieser Blickfang ist praktisch, um in der mich umgebenden Autowüste mein Fahrzeug wiederzufinden.
Kurz nach 9:45 Uhr komme ich im Ankunftsterminal an. Flug LX2580 aus Zürich wird pünktlich um 10:15 Uhr erwartet. Die Zeit reicht, um an einer der Stehbars für 2,70 Euro einen Ellenico-Kaffee zu trinken und einem kurzen Besuch im sauberen WC mit Geberit-Toilette.
Nicht nur bei den Preisen für das Parkieren und den Kaffee, sondern auch an der Sauberkeit im WC, beim Blick auf die Baukrane und in die Publiumszeitschrift von Fraport, dem neuen Besitzer von Makedonia und weiteren Flughäfen in Nord- und Mittelgriechenland, stelle ich fest, dass ein neues Zeitalter anzubrechen scheint. Bleibt zu hoffen, dass nicht nur die Stakeholders und Passagiere, sondern auch das Fussvolk etwas vom neuen Segen mitbekommt. Wovon noch nicht alle überzeugt sind. Wo bleibt das Geld für die Leute, wenn man sich eine Woche zum Schnäppchenpreis die Sonne auf den Bauch scheinen lassen kann? Vor allem, wenn man die Hotelanlage gar nicht mehr zu verlassen braucht, da auch der Alkohol im All-inclusive-Arrangement oft inbegriffen ist.

Es ist 10:09 Uhr. LX2580 aus Zürich ist gelandet, steht auf der noch alten Anzeigetafel.

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