Sind wir gleich da?

Von Rolf Jungklaus

Sind wir gleich da? Es ist bereits zum Klischee geworden: Die glückliche deutsche Familie fährt mit dem Auto in den Sommerurlaub. Man fährt gemeinsam auf der Autobahn Richtung Süden und schon nach relativ kurzer Zeit quäkt es von der Rückbank: „Sind wir gleich da?“ Eltern, die sich für verständig halten und ihren Nachwuchs ernst nehmen möchten, beginnen zu erklären, dass es wohl noch ganze Weile dauern werde bis man ankomme. Und weil man ja nun Zeit hat, lässt sich das auch ausführlich erläutern. Also dass man bei einer bestimmten Durchschnittsgeschwindigkeit das Ziel bis zu einer bestimmten Uhrzeit erreichen werde. Dass, falls es ein heftiges Sommergewitter gebe, sich die Durchschnittsgeschwindigkeit verringere und man deshalb dann das Urlaubsziel später als zu der vormals angenommenen Ankunftszeit erreichen werde. Dasselbe würde passieren, falls es auf der weiteren Strecke mehr Baustellen gibt, als zuvor angenommen. Auch dann würde sich die Durchschnittsgeschwindigkeit verringern. Es kann aber auch passieren, dass man mit dem eigenen Auto eine Panne hat. Dann müsse man eventuell einen Rettungsdienst rufen. Und wenn dieser dann den Schaden nicht vor Ort beheben kann, ist es möglich, dass das Auto abgeschleppt werden muss, um es dann in einer Werkstatt reparieren zu lassen. Dann würde man das Reiseziel vielleicht gar nicht mehr am selben Tag erreichen. Und wenn auch noch die passenden Ersatzteile in der Werkstatt nicht vorhanden wären und man diese erst noch bestellen müsse, dann kann sich die Fahrt sogar über mehrere Tage verzögern. Und selbstverständlich kann es auch durch überhöhtes Verkehrsaufkommen zum Stau auf der Autobahn kommen und es geht über Stunden nur mit Stop and Go weiter. Noch dramatischer wäre allerdings ein großer Unfall, der die Sperrung der Autobahn zur Folge hätte. Dann müsste man schlimmsten Falls sogar im Auto übernachten. Doch auch noch so verständige Eltern werden ihren Kindern aber wohl kaum erzählen, dass es auch noch die Möglichkeit gibt, dass man selbst in einen Unfall verwickelt werden könnte, den man dann am Ende nicht überlebt und gar nicht am Urlaubsort ankommt, sondern überhaupt nirgendwo mehr. Wenn nun ein Kind auf der Rückbank etwas frühreif geraten ist, könnte es altklug daherkommen und sagen: „Ihr habt ja gar keinen Plan, wann wir nun wirklich ankommen! Ich glaube, ihr wollt gar nicht, dass wir jemals ankommen. Nach welchen Kriterien kommen wir denn wann ans Ziel? Ist es die Durchschnittsgeschwindigkeit? Liegt es am Wetter? Sind es die Anzahl und die Länge der Baustellen? Sind es die Pannen? Sind es die Unfälle? Liegt es an möglichen Staus? Gebt doch zu, dass ihr überhaupt keine Ahnung habt, wann wir endlich da sind!“

Am 11. Juni 2021 erhebt sich der Abgeordnete Karsten Hilse aus der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag von seinem Platz, geht zum Rednerpult und sagt: „Bisher haben alle Sprecher der Regierungskoalition davon gesprochen, dass wir diese epidemische Lage von nationaler Tragweite noch nicht beenden können. Haben aber vergessen, den Leuten draußen zu sagen – Sie wollen ja den Leuten Mut machen und Hoffnung geben – äh, das war sarkastisch – äh, wann – ich hoffe dann, dass der letzte Redner der Koalitionsfraktion mal darauf eingeht, wann die Leute damit rechnen können, bei welchen Voraussetzungen die epidemische Lage von nationaler Tragweite nicht verlängert wird. Wann wird sie sozusagen außer Kraft gesetzt, die epidemische Lage von nationaler Tragweite. Ganz konkret Inzidenz-Wert, R-Wert, Intensivbetten-Auslastung und so weiter und so fort. Also ganz konkret bitte. Sie sagen immer „Es ist Licht am Horizont“. Und schau`n Sie mal bei Wikipedia rein, was Horizont heißt. Es ist nämlich ’ne imaginäre Linie: Je näher man ihr kommt, desto weiter rückt sie noch weg – äh, nach hinten. So, wenn Sie darauf antworten wollen – wahrscheinlich werden Sie es nicht wollen, weil Sie die Menschen ewig in dieser epidemischen Lage von nationaler Tragweite halten wollen – Sie werden ihnen nicht sagen, ganz konkret, wann sie beendet wird, bei welchen Voraussetzungen. Das haben Sie bis jetzt nicht gemacht. Ich hoffe, dass der letzte Redner – das ist der Herr Pilsinger – vielleicht darauf eingeht, um den Menschen vielleicht doch Hoffnung zu machen. Ich bezweifle das aber.“ (1)

Rolf Jungklaus im Juni 2021

(1) Ich habe doch tatsächlich die Rede aus einer MP3-Datei höchst selbst transkribiert- aus dem Archiv des Bundestages. Was tut man nicht alles vor lauter Aufregung.

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