Der Herr Baron

Von Johannes Morschl

Onkel Toni, der Mann von Tante Rosa, der jüngeren Schwester meines Vaters, war der einzige in unserer Familie, der eine gewisse Berühmtheit erlangte, – keine große Berühmtheit, aber doch eine kleine Berühmtheit, die auf seiner Beziehung zum Theater und seinen Verdiensten dafür beruhte. Es geht dabei um ein ganz bestimmtes Theater in Wien, mit dem er fast noch mehr als mit Tante Rosa verheiratet war, wenn man Heirat als schicksalshafte Bindung ansieht. So widmete ihm die Zeitung Neues Österreich in der Ausgabe vom 25. Dezember 1959 eine ganze Seite mit der Überschrift: „Jubilierendes Faktotum der ‚Josefstadt’: Der Mann, der für Max Reinhardt fuhr – Anton Horvath beging offiziell sein fünfunddreißigstes ‚Bühnenjubiläum’ und wurde heimlich sechzig Jahre alt …“ Mit Josefstadt war nicht der 8. Wiener Gemeindebezirk namens Josefstadt gemeint, sondern das Theater in der Josefstadt, in Wien auch kurz die Josefstadt genannt. Es ist ebenso wie das Deutsche Theater in Berlin eng mit dem Namen Max Reinhardt verbunden. Die Geschichte der Josefstadt, die 1788 begann, wäre einen historischen Roman wert, denn sie ist an sich ein solcher. Darin müssten die Volksdichter und Schauspieler Ferdinand Raimund und Johann Nestroy, die aus Dresden stammende Schauspielerfamilie Thimig, das Theatergenie Max Reinhardt, aber auch gleichsam hinter den Kulissen Onkel Toni vorkommen. Dass es in der Zeitung hieß, Onkel Toni „wurde heimlich sechzig Jahre alt“, hat die Bewandtnis auf sich, dass er ungern sein wirkliches Alter verriet. Da er jünger aussah, als er in Wirklichkeit war, konnte man ihn als 60-jährigen auch gut und gerne für zehn Jahre jünger halten. Dass die Zeitung von einem „Bühnenjubiläum“ Onkel Tonis unter Anführungszeichen schrieb, sollte darauf hinweisen, dass die Josefstadt die Bühne seines Lebens war. Er war kein Berufsschauspieler, ein Schauspieler des Lebens aber durchaus.

Über den aus einer jüdischen Familie aus Baden bei Wien stammenden Max Reinhardt, für den Onkel Toni zehn Jahre als Chauffeur gearbeitet hat, ließe sich sehr viel sagen, doch kann ich hier nicht alles aufzählen, was er als Theaterregisseur, Theatergründer, Theaterleiter und Schauspiellehrer in Wien, Berlin, Salzburg, New York und Hollywood geleistet hat. Es ist schon so viel über ihn geschrieben und gesagt worden. Um es kurz zu machen: Er war neben dem Russen Konstantin Sergejewitsch Stanislawski der bedeutendste Theaterreformer in der Zeit nach 1900. Er war mit einer schier unglaublichen künstlerischen und organisatorischen Energie aufgeladen. Er pendelte zwischen Wien und Berlin hin und her, leitete unter anderem das Deutsche Theater in Berlin (1905 bis 1930) und die Josefstadt in Wien (1924 bis 1937), also ein paar Jahre gleichzeitig. Mit seinen Inszenierungen wurde er in andere europäische Länder, nach Russland (vor dem Ersten Weltkrieg) und in die USA eingeladen. 1923 übernahm er das Theater in der Josefstadt und ließ es von Grund auf erneuern, wobei die Erneuerung nicht nur die Innenarchitektur und Bühnentechnik, sondern auch die Inszenierungen und die Schauspielkunst betraf. Nach dem Vorbild des venezianischen Teatro La Fenice verwandelte er die Josefstadt in „eins der schönsten Theater der Welt“, wie Robert Musil 1924 schrieb. Finanziert wurde das Projekt von Camillo Castiglioni, einem aus Triest stammenden reichen jüdischen Kunstförderer, der auch die Salzburger Festspiele finanzierte, die Reinhardt 1920 gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß gegründet hat. 1924 wurde die Josefstadt unter Reinhardts Leitung wiedereröffnet.

Max Reinhardt und die Josefstadt wurden zu Onkel Tonis Schicksal, Tante Rosa natürlich auch. Sie ertrug ihn mit all seiner Sonderlichkeit. Sie liebte ihn, auch wenn sie manchmal über ihn spottete. Nur einmal waren die beiden eine Zeit lang getrennt, fanden aber bald wieder zusammen. Onkel Toni arbeitete von 1924 bis 1934 als Chauffeur von Max Reinhardt. Danach wurde er von der Josefstadt als Faktotum eingestellt. Faktotum ist jemand, der alles macht, ein sogenanntes Mädchen für alles, wobei Onkel Toni kein Mädchen war, sondern allen mehr oder minder attraktiven jungen Frauen hinterher. Und das wurde mit zunehmendem Alter immer schlimmer. Vielleicht war das der Grund, warum Tante Rosa und er eine Zeit lang getrennt waren. Tante Rosa meinte spöttisch, je älter er werde, umso jüngeren Frauen schaue er hinterher, wie denen am Lido von Venedig oder auf der Strandpromenade von Portoroz in Istrien, wo die beiden ihre Urlaube verbrachten. Aber ich glaube, er blieb Tante Rosa im Grunde seines Herzens immer treu.

Onkel Toni war ein gutaussehender Mann, etwa Einsfünfundsiebzig groß, schlank, muskulös, ausdrucksvolles Gesicht und dunkles Haar. Er roch nach besserem Rasierwasser und war immer tadellos gekleidet. Als meine Eltern 1941 heirateten, lieh er meinem Vater einen Anzug für die Hochzeit, da mein Vater sich damals keinen leisten konnte. Im Theater und in den Lokalen, in denen er verkehrte, sprach man ihn nur als „Herr Baron“ an. Zu diesem Titel kam er aufgrund eines Gerüchts, er sei der uneheliche Sohn von Max Reinhardt und einer ungarischen Gräfin. Ursprünglich sagte man sogar „Herr Graf“ zu ihm, doch nachdem sich herausgestellt hatte, dass das Gerücht mit Reinhardt und der Gräfin als seinen Eltern nicht der Wahrheit entsprach, wurde er zum „Herrn Baron“ herabgestuft. Dieser Titel blieb ihm bei den Leuten, die ihn kannten, bis zu seinem Tod erhalten. Selbst meine Eltern sagten, wenn sein Besuch ankündigt war, freilich nicht ganz ernst: „Heute kommt der Herr Baron.“ Das bedeutete für sie, seinen Lieblingswein zu kaufen und beim Kochen und Auftischen des Essens besondere Sorgfalt walten zu lassen, denn er war sehr wählerisch.

Auch wenn er von seinem Auftreten her durchaus als Graf oder Baron durchgehen konnte, war er alles andere als blaublütig. Er wurde im Dezember 1899 in Ungarn, – wo genau, weiß ich nicht mehr -, als uneheliches Kind einer in armen Verhältnissen lebenden Frau geboren. Horvath ist der Familienname seiner Mutter. Ob er seinen leiblichen Vater überhaupt gekannt hat, weiß ich ebenfalls nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass er ihn jemals erwähnt hat. In der letzten Phase des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zur K.u.k-Armee, denn da gab es wenigstens etwas zu essen. Als er nach dem Untergang der Monarchie nach Hause kam, schmiss ihn seine Mutter wieder raus. „Ich kann dich nicht durchfüttern, ich hab’ selbst nichts zu essen“, soll sie gesagt haben. Daraufhin machte er sich nach Wien auf, um dort sein Glück zu versuchen. Es muss diese Armutserfahrung gewesen sein, die ihn etwas knausrig werden ließ. Wenn Tante Rosa meinem Bruder und mir Taschengeld gab, ermahnte sie uns, ihm nichts davon zu erzählen. Manchmal merkte er es aber und sagte dann zu ihr: „Guntschi (das war sein Kosename für Tante Rosa), gibst du den Kindern schon wieder Geld? Gib’s lieber mir. Ich bin ein armer Hund.” Tante Rosa, – nicht auf den Mund gefallen, denn um neben ihm bestehen zu können, durfte sie nicht auf den Mund gefallen sein -, antwortete: „Aber geh, du armer Hund, bei dir kriegt’s eh nur das Kaffeehaus.“ Er ging nämlich gerne ins Kaffeehaus, wo er mit Bekannten Karten spielte.

Was Onkel Toni vor 1924 in Wien gemacht hat, ist mir nicht bekannt. Als er zu Beginn des Jahres 1924 eine neue Arbeit suchte, bekam er zwei Angebote, zwischen denen er sich entscheiden musste: Eines als Kellner und eines als Chauffeur. Erst wollte er als Kellner im Café de l’Europe am Graben in der alten Wiener Innenstadt anfangen. Doch da hätte er immer bis Mitternacht Dienst gehabt. Also entschloss er sich, als Chauffeur bei Max Reinhardt anzufangen, beim Herrn Professor, wie Reinhardt tituliert wurde (ein Titel, den dieser 1909 vom Herzog von Sachsen-Coburg verliehen bekommen hat). Einen Führerschein machte Onkel Toni gleich nach dem Ersten Weltkrieg. Den zu machen, war damals noch einfach, das ging an einem Tag. Den Dienst beim Herrn Professor trat er an jenem 1. April 1924 an, als das umgebaute Theater in der Josefstadt mit der Reinhardt-Inszenierung der Komödie Diener zweier Herren von Carlo Goldoni wiedereröffnet wurde. Bei Reinhardt dauerte der Dienst allerdings oft nicht nur bis Mitternacht, sondern manchmal bis vier oder fünf Uhr in der Früh. Dass Onkel Toni trotzdem blieb, lag zum einen an seiner guten Beziehung zu Reinhardt, und zum anderen daran, dass er als Chauffeur von Reinhardt jemand war. Als Kellner wäre er ein Niemand geblieben.

Onkel Toni und Reinhardt hatten sich schnell aneinander gewöhnt. So gegen zwölf Uhr mittags holte Onkel Toni mit seinem Dienstauto, einem Daimler, Reinhardt von dessen Wohnung ab und fuhr ihn ins Theater. Dort schaute er bei den Proben zu, die Reinhardt leitete, und fuhr ihn dann abends zu Leuten wie dem Schriftsteller und Theaterkritiker Felix Salten, der als Verfasser des anonym erschienen Pornoromans Josefine Mutzenbacher gilt, oder zu dem Schriftsteller und Dichter Franz Werfel, oder zu Camillo Castiglioni. Bei Salten blieb Reinhardt in der Regel nicht länger als bis Mitternacht, bei Werfel konnte es etwas später werden, und bei Castiglioni blieb er bis in die frühen Morgenstunden.

Wenn Reinhardt ein neues Theaterstück aufgeführt hat, sagte Onkel Toni, „Wir haben das Stück gegeben“, also gleichsam Reinhardt und er. Der um 26 Jahre ältere Reinhardt war für Onkel Toni die große, bewunderte Vaterfigur, gleichsam der idealisierte Ersatzvater. Über viele Leute vom Theater zog Onkel Toni her, aber über Reinhardt ließ er nichts kommen. „Der Professor Reinhardt war ein Herr, durch und durch“, pflegte er zu sagen, und das war das höchste Lob, das er jemals übe einen Menschen ausgesprochen hat. Reinhardt und er verstanden sich fast wortlos und teilten sogar abergläubische Rituale. Onkel Toni musste heimlich kleine Heubüschel in den Innentaschen von Reinhardts Jackett verstecken, und wenn Reinhardt dann irgendwo unterwegs die Heubüschel entdeckte, strahlte er übers ganze Gesicht, denn sie bedeuteten für ihn Glück. Dafür schenkte er Onkel Toni Hufnägel, die wiederum diesem als Glücksbringer galten. Diese Symbiose führte allerdings auch zu Eifersüchteleien zwischen Onkel Toni und anderen Reinhardt nahestehenden Personen. Die Schauspielerin Helene Thimig aus der berühmten Schauspielerfamilie Thimig misstraute Onkel Toni, und er fand sie hochnäsig und zickig. Da sie damals Reinhardts Lebensgefährtin war, – später wurde sie seine zweite Ehefrau (die erste war Else Heims, Schauspielerin am Deutschen Theater in Berlin) -, musste Onkel Toni wohl oder übel mit ihr auskommen.

Reinhardt wollte 1933 nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr in Berlin arbeiten. Möglich wäre es gewesen, da ihm die Nazis die „Ehren-Arierschaft“ angeboten hatten, doch er verzichtete auf diese „Ehre“. 1933 übergab er die Direktion der Josefstadt an Otto Preminger. Nach Preminger folgte 1935 Ernst Lothar. Bis 1937 blieb Reinhardt offiziell noch Leiter der Josefstadt, hielt sich aber teilweise schon in den USA auf. 1938 emigrierte er dann mit seiner Familie in die USA, wo er in Hollywood eine Schauspielschule gründete und in New York Theaterstücke inszenierte. 1943 starb er im Alter von 70 Jahren an einem Schlaganfall in Folge eines Hundebisses.

Nach Reinhardt chauffierte Onkel Toni keinen Theaterdirektor mehr. Aber er blieb der Josefstadt erhalten. Er erzählte später über diese Zeit: „Wie der Professor dann weg war, bin ich vom Theater übernommen worden, so als Mädchen für alles. Das war eine schwere Zeit, … nicht so wie heute, wo jeder Bühnenarbeiter ein Herr ist. Geld war vor allem keines da. Der Sekretär hat die Putzfrauen in die Lotterie setzen geschickt, aber gewonnen haben wir nie. Ich hab mir bei der Bank in der Johnstraße, wo ich gewohnt hab’, am Freitag immer einen Hunderter ausgeborgt, damit er auszahlen kann, am Montag hab ich ihn wieder zurückgetragen, wenn’s am Wochenende gut besucht war.“

1938, nach der von nicht wenigen, aber nicht von allen Österreicher*innen bejubelten zwangsweisen „Heimkehr ins Reich“ versteckte Onkel Toni das Archiv von Reinhardt auf einem Dachboden in der Piaristengasse, einer Seitengasse des Theaters, obwohl es von den Nazis den Befehl gab, das Archiv des Juden Reinhardt zu verbrennen. Später erzählte er über die Kriegszeit: „Im Krieg ist eigentlich nicht viel passiert. Nur eine kleine Brandbombe haben wir gehabt. Da war ein bissl ein Feuer auf der Bühne, aber ich hab’ gleich Sand drauf getan und so ist nix geschehen. Vom Propagandaamt hab’ ich dann einen Orden bekommen. Dass ich, als wir an Berlin angeschlossen wurden, das ganze Archiv nicht verheizt sondern am Dachboden vis à vis vom Theater versteckt hab’, haben die ja nicht gewusst. Und wenn, hätt’ ich dafür sicherlich keinen Orden bekommen.“ Das war die typische Erzählweise von Onkel Toni: Alles ein bisserl heruntergespielt, etwas sarkastisch und mit einem Anflug von Fatalismus. Dabei ist ihm die Gefahr durchaus bewusst gewesen. Er war zwar ein unpolitischer Mensch, doch die Nazis waren ihm zutiefst zuwider. Goebbels hatte die Josefstadt auf dem Kieker und bezeichnete sie drohend als „KZ auf Urlaub“.

Der 1938 von den Nazis eingesetzte Theaterdirektor Heinz Hilpert war früher der von Reinhardt eingesetzte Oberspielleiter am Deutschen Theater in Berlin. Ab 1938 leitete Hilpert so wie einst Reinhardt sowohl das Deutsche Theater, als auch die Josefstadt. Von Hilpert heißt es, er habe sich bemüht, dem Geiste seines Lehrers Reinhardt treu zu bleiben, soweit dies damals möglich war. 1943, nach Reinhardts Tod in New York, organisierte Hilpert gemeinsam mit den Schauspielern Hermann und Hans Thimig, den Brüdern von Helene Thimig, in der Josefstadt eine Trauerfeier für Reinhardt. Das war damals ein mutiger Akt. Hans Thimig hatte in der Nazizeit darauf geachtet, dass die Josefstadt möglichst nazifrei blieb, und dies ging natürlich nur im Einvernehmen mit Hilpert. Hilpert wurde nach Kriegsende als Theaterdirektor der Josefstadt abgesetzt.

Unter den verschiedenen Theaterdirektoren nach Reinhardt führte Onkel Toni alle möglichen Aufträge aus. So berichtete er: „Für den Professor Stoß hab’ ich dann am Telefon immer die Schauspieler fürs Engagement suchen müssen. Den will ich und den und die, hat er g’sagt, und wenn ich gefragt hab’ wo die sind, hat er g’sagt: ‚Was weiß ich?’ Ich hab’ sie aber immer alle gekriegt, und zwar ohne die Agenten, weil dann hätten wir ja Prozente zahlen müssen, und das wollten wir ja nicht.“ Einmal holte man ihn sogar auf die Bühne. Man brauchte einen Darsteller für eine kleine Nebenrolle mit einem Kurzauftritt und überredete ihn, diese Rolle zu übernehmen. Trotz höllischen Lampenfiebers machte er seine Sache tadellos. In seinen Augen konnte keiner der nach Reinhardt gekommenen Direktoren diesem das Wasser reichen. Teilweise kannte er sie von früher, wie zum Beispiel den Hofrat Haeussermann, als der noch zu den Regieassistenten Reinhardts bei den Salzburger Festspielen gehörte. (Die Direktoren Stoß und Haeussermann prägten die Josefstadt von den 50er bis in die 70er-Jahre). Selten lobte er einen Nachfolger Reinhardts, und das auch nur aus pekuniären Gründen. Verschmitzt lächelnd erzählte er: „Der beste Direktor war der Hilpert. Nicht der allerbeste, so einen gibt’s nicht, aber der beste. Wie er das Theater übernommen hat, hat er mich gefragt, was ich verdien’, und dann was draufgegeben.“

Ich vermute, einer seiner Gründe, sich nach Reinhardts Weggang von der Josefstadt anstellen zu lassen, war, mit dem abwesenden Reinhardt verbunden zu bleiben, so als müsse er in Reinhardts Auftrag auf die Josefstadt aufpassen. Onkel Toni war der Erste, der nach 1945 das gegen Kriegsende stillgelegte Theater wieder betrat und die Wiederaufnahme des Theaterbetriebs in die Wege leitete. Nachdem er Jahre später pensioniert wurde, schaute er noch oft beim Theater vorbei. Zu einem Jubiläum der Josefstadt bekam er einen goldenen Ehrenring geschenkt, auf dessen Vorderseite die Bühne der Josefstadt und auf dessen Rückseite das Porträt von Max Reinhardt eingraviert ist. Nach seinem Tod ist der Ring an mich gekommen. Als Onkel Toni gestorben ist, kamen viele Leute zu seinem Begräbnis. Die meisten hatten etwas mit der Josefstadt zu tun oder zu tun gehabt. Und wahrscheinlich war unsichtbar auch Max Reinhardt dabei, um ihn in den Theaterhimmel zu holen, denn auch der Himmel ist Theater.

Ich mochte Onkel Toni, auch wenn er mit uns Kindern, meinem Bruder und mir, nicht viel anzufangen wusste. Tante Rosa und er hatten keine Kinder. Irgendwie war er selbst ein Kind geblieben, ein großes Kind mit Wiener Schmäh, und seinen Schmäh hat er nie verloren, auch als er im Alter einen Herzschrittmacher bekam und nicht mehr rauchen durfte. Den jungen Frauen schaute er bis zuletzt hinterher, worüber sich Tante Rosa bis zuletzt lustig gemacht hat. Ich hör sie noch heute im Theaterhimmel, wo die beiden jetzt zusammen sind, zu ihm sagen: „Geh, du alter Depp, glaubst, die jungen Weibsbilder woll’n was von dir?“

Quellen:

Franz Hitzenberger: „Der Mann, der für Max Reinhardt fuhr“, Artikel in der Zeitung Neues Österreich vom 25. Dezember 1959, herausgegeben in Wien

Die „Josefstadt“, Farbbeilage der Zeitung Wochenpresse Nr. 6 vom 7. Februar 1979, herausgegeben in Wien

Max Reinhardt – „Ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt“ –
Eine Dokumentation, herausgegeben von Edda Fuhrich und Gisela
Prossnitz, Wien: Langen Müller 1987

Persönliche Erinnerungen und Recherchen im Internet

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das grenzenlose alkahestische theater

Von Alexander Reisenbichler

grenzen haben nicht nur limitierende funktionen sondern zeigen oder sind wege in neue raeume, eroeffnungen getraeumter winkel schneckenhausverwundener wunderungen. grenzen koennen begegnungszonen von zusammenfliessenden kulturen gedanken leben sein. sprachen werden oft als begrenztheit erfahren, sei es die eigene oder die der anderen. sprache als gesprochenes bedeutungsvolles wort stellen wir einem konzept der nonver balen verball hornung hinduistischer kastrierter kuehe gegenueber die sich auf gefuehle, stimmlagenvermittlungen grenzenlos beschraenken. auf der buehne dieses theaters sprechen alle schauspieler eine sprache die von keinem der anderen verstanden wird. der inhalt des stuecks und die rollenverteilung sind dem publikum bekannt. die folgenden gehdichte und prosafragmente sind in diesem licht zu sehen. hierzu eine kurze erklaerung

nonver balen verball hornung hinduistischer kastrierter kuehe

anleitung zum gluecklichsein in diesem theater: man nehme nonverbal, trenne es auf (nonver balen), entdecke ein neues wort das den gedanklichen faden fortfuehrt (verballhornung). in nonver balen steckt auch –non verb-, man dekonstruiert und loest syntaxen auf. die naechste deviation leitet sich von horn ab und bildet zugleich ein bild, naemlich das von bunten indischen kuehen, verweist mit der kastration aber auch auf eine begrenzung, einer begrenzung der vorstellung und gleichzeitig deren ausweitung. es wird dadurch einerseits das zuvor gesagte metaphorisch weitergesponnen, aber auch ein vom text unabhaengiges bild geschaffen, wie eine komische einlage in einem japanischen noh theater. dann geht der text weiter. man schafft innerhalb eines spinnennetzes neue verbindungen, die teilweise den text erklaeren, erweitern, ihm widersprechen oder nur als dekoration und stimmungsbild dienen.

1.
wenn einsiedler ihre gedanken aussiedeln dampfen sie ihr leben in kunst ein

kunst braucht keine vernunft, kunst muss vernunft ersetzen, durch buchstabenersitzung dieser die bedeutung entreissen und entreisen. unsere vernunft brachte uns die klimaerwaermung, jetzt versuchen wir es mit kunst. woertertrunken waten wir durch meere der klimavernunft und halten diese woerter als grenzpfeiler des fassbaren unfassbar fest. selbstverhuetung in rechtwinkligen schneckenhaeusern, schuetzen wir uns vor unserer vernunft und singen eiszeiten herbei.

2.

geo.graph.im.bio.laden.

kind heit er
trauma
schlag instrumente
ohne musik

darueber zu schreiben
lohnt sich nicht
pure realitaet ohne symbolgehalt

.gekoepfte.formen.leben.

3.

ich kratze meine bewohner aus ecken versponnener
nach mit tage
infiziere mich mit woertern
bleibe recht fuer meine fuss noten
musikalische ab hand lungen atmen
trotzdem tot

4.

ein un dia logisches theaterstueck in wort um bruechen

untertitel: kriegsszenen brechen mit logischen woertern

krieg ss zen e m² ohne schwerkraft fallen auf buddhistische bunt be mal te kloester

frenetischer applaus auf der buehne der schauspieler die sich selbst beklatschen

ob dach lose verball hornungen auf offener buehne ueberwintern in semantischen kellern

das publikum erkennt bald da ss es akt iv un ge schuetzt zu schauspielern wird und die schauspieler auf der buehne zum publikum werden das sich zu deren be lust igung um ring t von schauspielern um b ring t

5.

als mann sich das hoff en in romantischen vor gaerten noch gewuenscht hat

im kuenstlerischen eta t sich die zaehne an blauen blumen aus bei ss en

verbissen mit nuss knack ern gehirne aus wahl nuessen in verborgene erd nuss welten ver pflanzen um ring t von efeu der die auf klaerung ver schling t

sich vor stellend da nach dass un ordnungen in nerhalb symetrischer ge bild e

gemaelde ver mahlter lebens ent rind ungen auf erstehen koennen lassen

gibt hoffnung auf die wieder ver ein igung von innen und ausser

nach satz zum vor wort

alkahest war ein von alchemisten gesuchtes loesungsmittel das materie in seine grundelemente aufloesen kann. wir haben hier woerter in verschiedene elemente aufgeloest und wieder neu zusammengesetzt.

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© 2022 Alexander Reisenbichler
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Pfiffis Monolog

Von Johannes Morschl

…Pünktlich um 20 Uhr wurde es dunkel im Saal und der Vorhang ging auf. Auf der hell beleuchteten Bühne sah man einen leeren, fensterlosen, ganz in Schwarz gehaltenen Raum. An der Rückwand des Raums war eine Tür. Sie ging auf und ein älterer Mann in schwarzem Frack und mit schwarzem Zylinder auf dem Kopf betrat die Bretter, die die Welt bedeuten. Er begann einen Monolog zu halten, der von Anfang an befürchten ließ, ausufernd zu werden.

„Uh! Da sitzt sie wieder vor mir und starrt mich lauernd an, die völlig unberechenbare Bestie Publikum, nein, natürlich das hochverehrte Publikum, von mir aber nur insofern verehrt, als ich mich über jede verkaufte Eintrittskarte freue, denn unser Theater kämpft ums Überleben, und das nicht erst seit gestern. Darüber hinaus wäre es aber eine dreiste Lüge von mir, zu behaupten, dass ich das Publikum verehre. Für mich ist das Publikum nur ein notwendiges Übel. Apropos notwendiges Übel: Mein Name ist Willi Pfifferling, am Theater und in den umliegenden Kneipen kurz Pfiffi genannt. Auch wenn ich mit Frack und Zylinder wie ein als Schauspieler getarnter Bühnenarbeiter aussehe, der vom Bühnenmeister nicht erkannt werden will, damit er von diesem in Ruhe gelassen wird, gehöre ich zu den mitwirkenden Schauspielern der heutigen Aufführung. Allerdings hatte ich in meiner Studentenzeit ein paarmal als Hilfsbühnenarbeiter gejobbt. Das ist die reinste Maloche. Ständig versucht man sich vor dem Bühnenmeister zu verstecken, der ständig hinter einem her ist, und wenn er einen erwischt, kommandiert: ‚Mach das, und das mach auch, und dann noch das!’, und dies alles möglichst gleichzeitig, so als ob man aus drei Bühnenarbeitern bestehen würde. Und dem Bühnenmeister ist der Regisseur des jeweiligen Stücks hinterher, und hinter allem und jedem ist der Theaterdirektor her, und dem wiederum sind die Gläubiger hinterher, und über dem ganzen Theater zieht drohend der Pleitegeier seine Kreise. Letzteres trifft vor allem auf unser Theater zu. Um Geld zu sparen, macht unser Direktor auch die Regie, obwohl er absolut kein Talent dafür hat. Er bildet sich aber ein, es locker mit einem Peymann, Castorf, Marthaler oder Pollesch aufnehmen zu können.

Dass ich hier alleine vor Ihnen stehe, war eigentlich nicht so geplant. Aber meine Kollegin und mein Kollege, die mit mir auf der Bühne stehen sollten, sind noch nicht erschienen. Vermutlich betrinken sie sich lieber in der Kantine, als gemeinsam mit mir aufzutreten. Nun gut, dann werde ich eben die Zeit, bis sie kommen, als Alleinunterhalter überbrücken, denn sie werden ganz sicher noch kommen, notfalls vom Direktor mit Gewalt auf die Bühne gezerrt, wobei sie wahrscheinlich jammern werden: ‚Bitte nicht, Herr Direktor, wir flehen Sie an, bitte nicht zum Pfiffi auf die Bühne!’ Schon von den ersten Proben an wollten sie mich loswerden und meine Rolle einem arbeitslosen Bekannten von ihnen zuschanzen, doch der Direktor hielt eisern an mir fest, aber weniger deshalb, weil er mich besonders schätzt, sondern weil er es gar nicht mag, wenn sich die Schauspieler in Personalfragen einmischen.

Da ich aber nun hier stehe, möchte ich diese Gelegenheit nützen, um etwas
anzusprechen, das mich schon seit Längerem beschäftigt. Ich spüre ein immer stärker werdendes Bedürfnis, einmal so richtig das Publikum zu provozieren. Das Publikum hat mein Spiel auf der Bühne immer völlig falsch verstanden, und zwar nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern aus reiner Bosheit. Da, wo geweint werden sollte, hat es gelacht, und wo gelacht werden sollte, hat es demonstrativ laut gegähnt oder zu schnarchen begonnen. Zwischendurch hat immer mindestens eine Person einen Hustenanfall bekommen. Deshalb ist es mir zum dringenden Bedürfnis geworden, wenigstens einmal das Publikum zu provozieren und auf der Bühne nur noch laut zu gähnen, zu schnarchen und Hustenanfälle zu bekommen. Aber würde sich ein heutiges Publikum überhaupt davon provoziert fühlen? Ist es vom heutigen Theater nicht wesentlich Krasseres gewöhnt? Ja, es könnte durchaus geschehen, dass es bei solch einem Auftritt von mir nach dem Abklingen meines letzten Hustenanfalls begeistert applaudieren würde. Aber dazu würde es leider nicht kommen, denn ich bräuchte für solch einen Auftritt die Erlaubnis des Direktors, und die würde er mir nie und nimmer geben. Er würde befürchten, dass ich berühmt berüchtigter als er werden könnte, und Konkurrenz kann er absolut nicht ertragen, schon gar nicht im eigenen Haus. Wenn ich ihm so etwas vorschlagen würde, bekäme er wahrscheinlich einen cholerischen Anfall, und um mir seine Macht zu demonstrieren, würde er mich womöglich beim nächsten Stück zu einer Statue degradieren. Es wäre echt brutal, in jeder Vorstellung starr und stumm auf der Bühne herumstehen zu müssen. Das wäre viel schlimmer als früher in der Schule, wenn ich von einem Lehrer oder einer Lehrerin in die Ecke gestellt wurde, denn in der Schule musste ich nicht in jeder Stunde und an jedem Schultag in der Ecke stehen, sondern nur ab und zu.

Wäre es nicht sinnvoller, als es darauf ankommen zu lassen, zu einer Statue degradiert zu werden, endlich wiedereinmal Liebe zu machen, nach gefühlt hundert Jahren endlich wiedereinmal Sex, bis man von Orgasmen gerüttelt und geschüttelt wird und die Englein singen hört und die Welt auf dem Kopf steht? Voller Wehmut erinnere ich mich daran, wie es mit meiner Verflossenen vor gefühlt hundert Jahren war. Sie hieß Annemarie und stammte aus einem Dorf in Österreich, wo man sie Annamirl gerufen hat. Wie so einige Österreicher war sie in jungen Jahren nach Westberlin geflohen. Man redet ja derzeit viel über die Kriegs- und Elendsflüchtlinge, die zu uns gekommen sind, aber niemand hat jemals über die österreichischen Flüchtlinge geredet. Die hat man leichtsinniger Weise nie richtig ernst genommen, hat sich ihnen gegenüber gönnerhaft herablassend verhalten, so nach dem Motto: ‚Ihr habt ja auch einmal zu uns gehört.‘ Annemarie war zum Beispiel eine Kleptomanin. Sie konnte keinen Laden und kein Kaufhaus verlassen, ohne etwas mitgehen zu lassen. Sie war darin äußerst geschickt. Die geklauten Sachen behielt sie aber nicht für sich, sondern verschenkte sie an Bettler und Obdachlose. Sie rechtfertigte ihre Kleptomanie mit dem berühmten Spruch des französischen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon: ‚Eigentum ist Diebstahl.‘ Sie sah in ihrer Klauerei und dem Verschenken des Geklauten an Arme und Bedürftige einen gerechten Akt der Umverteilung. Wie auch immer, jedenfalls hatten wir einen im wahrsten Sinne des Wortes tollen Sex. War uns in der vororgastischen Phase noch irgendwie bewusst, bloß klägliche Winzlinge in einem unendlich großen kosmischen Geschehen zu sein, so war dies im Orgasmus wie ausgelöscht. Im Orgasmus waren wir eins mit dem Ozean des Seins. Ha, das reimt sich sogar! Könnte die Parole einer sexuell spirituellen Sekte sein: ‚Im Orgasmus sind wir eins mit dem Ozean des Seins.‘ Apropos Orgasmus: Annemarie hatte die Angewohnheit, beim Orgasmus einen Almjodler auszustoßen, – nicht zu verwechseln mit einem Almdudler -, aber nicht so einen einfachen wie Hollari-hulli-dulli-jetiti, sondern einen schrillen, in die Länge gezogenen Jodler, der nicht nur durch Mark und Bein ging, sondern auch durch alle Wände hindurch. Wenn man danach die Nachbarn im Treppenhaus getroffen hat, konnte man es ihnen ansehen, dass sie den Jodler gehört hatten. Sie waren vor Schreck kreidebleich im Gesicht.

Ja, ich gebe zu, es wäre viel vernünftiger, Liebe zu machen, als vor wildfremden Leuten herum zu hampeln, von Kollegen gemobbt zu werden und von den Launen eines größenwahnsinnigen Direktors abhängig zu sein. Eigentlich wollte ich gar nicht Schauspieler werden, sondern immer nur Liebe machen. Nun, Liebe habe ich wie bereits erwähnt schon ewig nicht mehr gemacht, außer manchmal aus rein sexualhygienischen Gründen mit mir selbst, um den aufgestauten Triebdruck abzubauen. Aber das ist nur eine Notlösung. Es fehlt mir das Liebesspiel mit einer Frau, ja es fehlt mir ganz elementar eine Frau, und je älter ich werde, umso unwahrscheinlicher wird es, noch eine zu finden, die sich auf mich einlässt. Ich bezweifle, ob ich überhaupt noch beziehungsfähig bin, ja ob ich dies überhaupt jemals war. Außerdem bin ich ein Habenichts. Als Schauspieler ist man ja ein Habenichts aus Idealismus heraus. Ein Habenichts, und sei es auch einer aus Idealismus heraus, ist nicht gerade der Wunschpartner von Frauen, noch dazu, wenn er so ein alter Zausel ist wie ich.

Uff! Jetzt bin ich so einiges losgeworden, doch was mache ich jetzt mit meinem Bedürfnis nach Liebe und Sex, das auf einmal viel stärker als mein Bedürfnis ist, das Publikum zu provozieren? Sex mit dem Publikum geht ja leider nicht. Das hat der Direktor ausdrücklich verboten. Dabei wäre so ein Sex eine hervorragende Möglichkeit, mich mit dem Publikum wieder anzufreunden. – Halt! Ich höre ein Rumpeln hinter der Bühne. Ich glaube, jetzt kommt gleich der Direktor und schleift meine Kollegin und meinen Kollegen hinter sich her.“

…Da hörte man plötzlich ein Geschrei hinter der Bühne: „Nein, bitte nicht, Herr Direktor! Das können Sie uns nicht antun! Bitte nicht zum Pfiffi auf die Bühne!“ …

(Ausschnitt aus der Erzählung Ein Theaterbesuch, 2017)

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Auszug aus der Theaterfassung „Neustart“ nach dem gleichnamigen Roman von Herbert Glaser

Von Herbert Glaser

Szene 1 Krankenzimmer / Nacht

Ein Mann (Pascal Weber) liegt mit Beatmungsschlauch im Bett. In Distanz zum Bett steht eine Frau und blickt lange auf den Patienten.

Laura (ohne sich umzudrehen): „Er wird also durchkommen.“

Dr. Fiedler: „Ja. Durch die Notoperation konnten wir ihn stabilisieren. Ihr Mann sollte in den nächsten Stunden zu Bewusstsein kommen.“

Laura: „Ex-Mann!“

Abrupt dreht sie sich zu Dr. Fiedler um, der ist irritiert.

Laura (mit entschuldigender Geste): „Nein, das ist natürlich eine gute Nachricht. Es ist nur so … ich habe damit nichts mehr zu tun. Wir sind seit sechs Monaten geschieden und haben seitdem kein einziges Wort mehr miteinander gesprochen. Ich werde jetzt unseren Sohn Roman informieren. Der kann dann selbst entscheiden, ob er seinen Vater besuchen will.“

Szene 8 Physiotherapieraum / Tag

Asil behandelt das vom Fixateur externe befreite Bein Webers.

Asil: „Also, wenn Sie nicht wenigstens ein bisschen mitmachen, dann werden Sie keinerlei Fortschritte erzielen.“

Weber: „Bis jetzt habe ich nichts bemerkt von irgendwelchen Fortschritten.“

Asil: „Das wäre auch ein medizinisches Wunder. Die Fixierung wurde erst vor wenigen Tagen entfernt, was erwarten Sie?“

Weber: „Wie heißen Sie nochmal … Asyl? Noch nie gehört. Der Name ist Programm, was? Ich nehme an, Ihre Eltern stammen aus Afghanistan oder sonst wo her und haben in Deutschland Asyl beantragt, stimmt‘ s?“

Langsam lässt der Angesprochene Webers Bein sinken, um es kurz über dem Bett (absichtlich) los zu lassen. Weber schreit schmerzhaft auf.

Weber: „Verdammt, wollen Sie mir das Bein nochmal brechen?“

Asil: „Der Ordnung halber: Wir kommen aus der Türkei, nicht aus Afghanistan oder sonst wo her. Meine Großeltern haben kein Asyl beantragt, sondern kamen vor 50 Jahren in dieses Land, um zu arbeiten. Und ich heiße Asil, nicht Asyl. Das ist ein persischer Vorname mit hebräischen Wurzeln und bedeutet Der Edle“.

Weber stützt sich auf die Unterarme und mustert Asil von oben bis unten.

Weber: „Ein edler Hippie mit Jesuslatschen.“

Eine Frau mit Knieorthese geht vorbei in den Therapiebereich.

Evita: „Guten Morgen.“

Asil: „Guten Morgen Evita.“

Abrupt legt sich Weber auf die Liege zurück.

Evita beginnt mit Kräftigungsübungen für ihr Bein.

Asil (zu Weber): „Evita ist total motiviert. Erst seit dieser Woche bei uns … Meniskus-OP, Routineeingriff. Macht ambulante Reha. Das Training scheint ihr großen Spaß zu machen.“

Szene 11 Waldhütte / außen

Evita und Pascal (mit Gehstock) betreten mit Gepäck die Hütte.

Evita: „Wie gefällt es dir?“

Pascal (scheinbar erbost): „Hier sollen wir zwei Wochen wohnen? Ohne Fernsehen, ohne Internet? Ich bin Besseres gewohnt!“

Evita: „Immerhin haben wir Handyempfang.“

Pascal: „Es ist perfekt, ich konnte die Klinik nicht mehr sehen.“

Evita: „Und Asil wird dir nicht fehlen?“

Pascal: „Mein Freund Asil wird heilfroh sein, mich endlich los zu sein.“

Szene 12 Waldhütte / innen / Der nächste Morgen

Pascal: „Du hast was?“

Evita: „Kontakt mit deinem Sohn aufgenommen. Er leidet sehr unter dem Bruch mit dir und ist bereit, sich mit dir zu versöhnen.“

Pascal: „Wie … ich meine, soll ich ihn anrufen?“

Evita: „Nein, er hat geschrieben, dass er jetzt losfährt.“

Pascal: „Das ist doch gut. Warum bist du dann plötzlich so…?“

Evita (schreit fast): „Das ist sogar sehr gut. Das ist perfekt. Nur nicht für dich!“

Pascal: „Wovon sprichst du bitte?“

Evita: „Es ist jetzt endlich die Zeit gekommen, dir die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit über dich, deinen Sohn, die Firma und warum wir wirklich hier sind.“

Pascal starrt Evita an. Die zwingt sich, ruhig weiterzusprechen.

Evita: „Mein Vater Martin Lachner hatte eine kleine Firma aufgebaut und lieferte an verschiedene Unternehmen, auch an eures. Aber kaum hattest du das Sagen, änderte sich alles. Auslaufende Verträge wurden nicht verlängert, deine Aufträge an billigere Anbieter vergeben. Vater musste Konkurs anmelden und alle Mitarbeiter entlassen. Das hat er nicht verkraftet, er flüchtete sich in den Alkohol. Irgendwann ertrug er es nicht mehr und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Meine Mutter war danach nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ich nahm sie zu mir, konnte ihren körperlichen und geistigen Verfall aber nicht aufhalten.“

Pascal: „Warum erzählst du mir das alles ausgerechnet jetzt, kurz bevor ich meinen Sohn wieder sehen werde?“

Evita: „Weil ich dich auf keinen Fall davonkommen lassen werde!“

Pascal: „Was meinst du damit?“

Evita: „Kurz nach dem Tod meiner Mutter habe ich von deinem Unfall erfahren. Was für eine Genugtuung! Leider hast du überlebt. Deshalb beschloss ich, mich an dir zu rächen … dich zu töten.“

Evita lässt ihre Worte wirken, Pascal ist fassungslos.

Evita: „Eigentlich wollte ich es auf der Intensivstation tun, aber es ist gar nicht so leicht, da ungesehen reinzukommen. Also musste ich mich später an dich heranmachen. Außerdem sollte es wie ein Unfall aussehen, denn ich gehe wegen dir sicher nicht nicht ins Gefängnis. Und dann musste ich feststellen, dass du dich im Krankenhaus selbst umbringen wolltest mit einem Sprung aus dem vierten Stock. Ich hätte dich damals einfach springen lassen können, ohne mir die Hände schmutzig zu machen, aber damit wäre dein eigener Wunsch in Erfüllung gegangen. Das konnte ich nicht zulassen. Nein, meine Genugtuung wäre viel größer, wenn du als wieder glücklicher Mensch sterben würdest, der neue Freude am Leben gefunden hat. Getötet von deinem eigenen Sohn! Er hasst dich genauso wie ich. Kein Wunder nach dem, was du ihm alles angetan hast. Auf jeden Fall hat er mir anvertraut, dass er dich tot sehen möchte. Was für eine unerwartete Fügung! Mein Angebot, ein Treffen zwischen euch an einem abgelegenen Ort zu organisieren, hat er sofort angenommen. Roman wird bald mit einer Waffe hier eintreffen und dich töten.“

Pascal stemmt sich mühsam hoch und sieht aus einem Fenster hinter sich.

Pascal: „Romans Wagen. (fasst sich) Ich rede mit ihm und kläre alles auf. Ich habe viele Fehler gemacht, aber ich liebe meinen Sohn und bin heute ein anderer Mensch.“

Evita: „Du kannst keine deiner Taten ungeschehen machen.“

Pascal: „Aber es darf doch nicht sein, dass Roman in den Knast wandert, weil er mich umbringt.“

Evita: „Dazu muss es auch nicht kommen.“

Evita hat plötzlich eine Pistole in der Hand.

Evita: „Auch ich habe kein Interesse daran, Romans Leben zu zerstören. Noch hast du die Chance, das zu verhindern.“

Pascal: „Was soll denn das nun schon wieder heißen?“

Evita: „Ich werde diese Waffe mit genau einer Patrone laden und dir damit die Möglichkeit geben, dich selbst zu töten, um deinem Sohn zuvor zu kommen und ihn so vor der Verurteilung als Mörder zu bewahren.
Wenn du auf den Gedanken kommen solltest, mich zu erschießen … überlege mal, wie das auf Roman wirken muss. Es würde seine Meinung über dich nur bestärken. Und Flucht ist mit deinem kaputten Bein unmöglich, außerdem führt der einzige Weg nach draußen an ihm vorbei.
Schau, Roman ist ausgestiegen. Du hast nicht mehr viel Zeit.“

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